Entdeckung des Himmels, Die
(Discovery of Heaven, The)

Niederlande 2001, 127min
R:Jeroen Krabbé
B:Harry Mulisch,Edwin de Vries
D:Stephen Fry,
Greg Wise,
Flora Montgomery
L:IMDb
„We´ll have the ten commandments back on time”
Inhalt
Gott will nicht länger zusehen, wie die Menschheit jenen Bund missachtet, den Er einst mit Moses in den Zehn Geboten eingegangen ist. Also sollen die Engel einen himmlischen Boten zur Erde schicken, dessen Auftrag es ist, die Gebotstafeln in den Himmel zurück zu holen. Auf der Erde verlieben sich indes die beiden Freunde Onno (Stephen Fry) und Max (Greg Wise) in Ana (Flora Montgomery). Es entsteht eine Dreiecksgeschichte, aus der Anas Sohn Quinten (Neil Newbon) hervorgeht. Wer der Vater des Jungen ist, bleibt ungeklärt. Quinten ist nämlich der "Auserwählte", der Gottes Auftrag erfüllen soll.
Kurzkommentar
Dass Gott seine utopischen Gebote zurückfordert, ist nur ein groteskes Motiv aus Harry Mulischs Roman „Die Entdeckung des Himmels“. Wie schwer der Komplexität des Werks auf der Leinwand zu entsprechen ist, zeigt die Verfilmung des Niederländers Jeroen Krabbé. Kaum elegant reduziert sie die Motive des Romans auf einen surrealistisch billigen Himmel, dessen fauler Zauber, einen lahmen Thriller um eine Dreiecks-Beziehung und eine konfuse Geschichte um einen unfreiwilligen Vollstrecker. Sehenswert ist diese zerfahrene Übersinnlichkeit nur durch seine Skurrilität und Stephen Fry.
Kritik
Je komplexer die Vorlage, desto weniger gilt ein Buch als verfilmbar. Das sagte und sagt man vielleicht noch immer unisono von Tolkiens „Herr der Ringe“. Aber irgendwann wird selbst Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ noch Opfer der Adaptionswut. Etliche Hundert oder gar tausend Seiten samt etlicher Exkurse ins nicht im Bild Darstellbare bringen zu wollen, wird ein Problem der Verschaltung von Buch und Film bleiben. Auch Harry Mulischs Roman „Die Entdeckung des Himmels“ nennt sich im gleichen Atemzug. Auf achthundert Seiten entfaltet der 1992 im holländischen Original veröffentlichte Roman eine Parodie der christlichen Eschatologie und ein Nachdenken über Gott, die Menschen und den Ursprung ihres Bündnisses.

Den Beweis dafür, die „tatsächliche“ Existenz der Tafeln der Zehn Gebote, blieb uns die Geschichte, wie vieles andere auch, schuldig. Aus den Gesetzestafeln mit ihrem sagenhaften Behältnis, eben der Bundeslade, wurde schnell ein Mythos. Alle suchten danach, auch Indiana Jones und die Nazis. Scheinbar versprach man sich mehr davon als nur die letzte oder erste Gewissheit. Menschliche Renitenz, Kriegssucht und Unverbesserlichkeit haben die himmlischen Fädenzieher, die Engel in Mulischs Roman nun satt, wollen das Bündnis aufkünden und gefälligst die Tafeln zurück. Dabei erscheint der Bedeutungsinhalt des Titels weniger als Poesie, denn als ganz konkret: tatsächlich läuft hier das kosmische Regiezentrum Gefahr, durch einen Astrophysiker entdeckt zu werden.

Das sind nur zwei Aspekte aus Mulischs großem Ritt durch die Kultur-, Philosophie- und Religionsgeschichte. Die Verfilmung seines vorigen Buches „De Aanslag“ brachte den Niederlanden 1987 gar den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. „Die Entdeckung des Himmels“ gilt nun als eine der ambitionsreichsten Produktionen der international kaum wahrgenommenen niederländischen Filmgeschichte. Mit der Regie betreut wurde Jeroen Krabbé, der als Schauspieler ausgewiesen ist, hier aber erst seine zweite Regiearbeit vorlegt. Dass die Zusammenstauchung von Mulischs Roman sehenswert werden würde, liegt vor allem am Ensemble. Egal was er spielt, der Londoner Stephen Fry (zuletzt in „Gosford Park“) ist in jeder Rolle ein Erlebnis.

Vor der sehenswert vielfältigen Kulisse des Hollands der 60er Jahre gibt er auf herrlichste Weise eine außergewöhnliche Mischung aus protzigem Lebemann und verschrobenem Intellektuellen. Fry ist damit das souveräne Zentrum der „himmlischen“ Dreiecksbeziehung und ganz klar das stärkste Moment für „Die Entdeckung des Himmels“. Flora Montgomery und Greg Wise, die beiden anderen Hauptdarsteller, sind zwar auch vom Fach, bleiben in den Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Rollen jedoch weit hinter Fry zurück. Die Dramaturgie in der Romanvorlage mag ja nun die Handlungsstränge des Himmels, der Beziehungsentwicklung auf der Erde und der „Mission“ Quintens, des Instrument des Himmels, plausibel zu einem gewaltigen Zopf verarbeiten.

Der Film jedoch macht nicht nur deutlich, dass bei Nichtkenntnis des Romans entscheidende Verständnisschwierigkeiten entstehen, sondern von Beginn an wirkt die Parodie auf die Heilslehre ziemlich abstrus. Da zeigen sich in phantastischen Burggemäuern die Engel im unmöglichen Schwarz gekleidet, sind voll von menschlichem Machtdurst und krimineller Energie. Das Reich des Himmels ist hier nicht mehr als ein surrealer Scherz und selten lustig. Unglücklich wird von einer Handlungsebene auf die nächste, auf die irdische mit ihrer Dreiecksgeschichte übergeblendet. Da geht es nun um wesensmäßige Freundschaft, deren Entwicklungsstufen kaum sichtbar werden, um Liebe, um Leitung durch „die da oben“ und jede Menge Deus Ex Machina-Einlagen. Und ach ja, auch der Kommunismus ist noch da.

Als Momentaufnahme von dem, was die Niederlande, einen „typischen“ Intellektuellen und dessen astronomischen Bruder und eine Cello-Spielerin so antrieb, was für Synergien und so weiter sie haben, dafür mag die Beziehungsperspektive tauglich sein. Mehr kommt nicht dabei herum, bis der Messias wider Willen gezeugt wird. So weit, so bizarr. Hier wird ein Handlungsstrang dramaturgisch unelegant, ja langweilig fallengelassen und der letzte, jener um Quinten und dessen übermenschliche Natur aufgegriffen und abstrus zu Ende gebracht - natürlich mit einer stilgerechten Apotheose auf dem Tempelberg. So springt der Streifen von einem Motiv zum anderen, Sinn ergibt das kaum. Letztlich wird aber wieder ein Engel fallen und den Menschen Hoffnung geben.

„Die Entdeckung des Himmels“ verspricht viel, hält aber gerade auch dadurch, dass jemand einfach plump durch Meteoriden getroffen wird, nicht allzu viel. Auch als Parodie mit nachdenklichen Einschaltungen funktioniert das nicht. Im Grunde ist Krabbé aber nur der Vorwurf zu machen, nicht erkannt zu haben, dass die Motive in Mulischs Roman wohl nur bedingt für die Erzählmittel des Kinos taugen. Was die Buchvorlage in gesättigter Breite aufgreift, wird hier nur verworren durch symbolüberladene Bilder angedeutet und spannungsmäßig ungeschickt verdichtet. Durch Stephen Fry, durch sehenswerte Kameraarbeit und stimmige Musik regt der Film im besten Fall zum Lesen des Romans an. Sehen wird ihn wohl hierzulande ohnehin fast niemand.

Statt göttlicher Komödie bloß ein verworrenes Romandestillat


Flemming Schock