Punch Drunk Love
(Punch-Drunk Love)

USA, 94min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Paul Thomas Anderson
B:Paul Thomas Anderson
D:Adam Sandler,
Emily Watson,
Louis Guzman,
Phlipp Seymour Hoffmann
L:IMDb
„I have a love in my life. And it makes me stronger than anything you can imagine.”
Inhalt
Barry Egans (Adam Sandler) eher fades Leben gerät unerwartet in Turbulenzen: Sein Plan, durch den Kauf von Aktionspudding einen Millionenvorrat an Gratis-Flugmeilen zu ergattern wird durch die erpresserischen Machenschaften einer Telefonsex-Dame in Gefahr gebracht. Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, wartet gleich die nächste Katastrophe auf Barry: Er verliebt sich...
Kurzkommentar
Mit "Punch-Drunk Love" gelingt Paul Thomas Anderson Erstaunliches: Sowohl in der Tradition seiner bisherigen Filme als auch vollkommen eigenständig verbindet er Extreme, etwa Blödelkomiker Sandler und Charakter-Darstellerin Watson, Absurdität und Alltag, Leichtigkeit und verborgene Schwere zu einer sehr gelungenen Synthese.
Kritik
Manche Dinge haben bei Anderson schon Tradition: Etwa der Rückgriff auf bewährte Schauspieler wie Philip Seymour Hoffman, der möglichst häufige Einsatz der Phrase "Shut the Fuck Up", und die besondere Art, die Figuren seiner Filme zueinander finden zu lassen. Nicht die Notwendigkeit des alltäglichen Lebens, das jeder ordentlich entlang seines Plans lebt, sondern zumeist der pure Zufall ist Auslöser der meisten Ereignisse. Und doch ist das System nicht Beliebigkeit, denn nur die jeweiligen Personen mit ihren Eigenschaften machen aus Zufälligkeiten Ereignisse.

Das Wort punch-drunk lässt sich in etwa mit "benommen", "wackelig auf den Beinen", zugleich aber auch mit "hirngeschädigt" übersetzen - eine feine Mehrdeutigkeit. Wer von Anderson ein zweites Magnolia erwartet wird zunächst enttäuscht. Auf straffe eineinhalb Stunden hat der Regisseur den Film beschränkt, ein Hauptplot, zwei Subplots, zwei Protagonisten, alles sehr übersichtlich. Auch auf übernatürliche Erscheinungen wie XXL-Geschlechtsorgane oder Froschregen muss man verzichten. Es erscheint, als wollte sich Anderson mit "Punch-Drunk Love" ein wenig von seinem vorherigen Mammutwerk erholen.

Doch natürlich bleibt sich Anderson selbst treu, und die Geschichte eines jungen Mannes, der sich verliebt ist mehr als nur das: Denn Barry Egan (Adam Sandler) ist Produzent von besonders ästhetischen Klopumpen, findet eines morgens wie aus heiterem Himmel ein Klavier vor seiner Einfahrt (das er verstohlen in seinem Büro platziert), und steht kurz vor dem Deal seines Lebens: Durch den Kauf von Pudding im Wert von 3000 Dollar wird er im Rahmen einer Promotion-Aktion soviele Flug-Bonusmeilen gewinnen, dass sie bis an sein Lebensende reichen. Nur: Barry ist noch nie geflogen, wüsste auch nicht wozu, und als er später im Film tatsächlich einen Flug benötigt, kommt er aufgrund der Gewinnbestimmungen nicht umhin, den Flug ganz regulär zu bezahlen.

Die Überspitzung des Alltäglichen, insbesondere des alltäglichen Irrsinns, das ist die große Kunst in "Punch-Drunk Love". Auf den ersten Blick ist Barry ein netter Kerl, der stets versucht freundlich zu sein - zum Beispiel auf dem Familientreffen mit seinen sieben Schwestern, die sich hauptsächlich mit seinen spärlich vorhandenen Liebesleben beschäftigen. Doch hinter seinen hervorgezwungenen Lachen steckt tiefe Frustration, Wut, eine Anspannung bis kurz vor der Explosion. Und so geschieht es auch gelegentlich, dass Barry mal eben ein Restaurant-Toilette demoliert; die Frustration schlägt ihre Bahn. Barry leidet, wie alle Menschen, am Irrsinn des Lebens - doch die Figur ist natürlich überspitzt, übetrieben. Während Magnolia aber oft gezielt ins vollkommen Unwirkliche (Quizfragen, Sex-Animateur, Frösche) abgleitet, balanciert "Punch-Drunk Love" stets äußerst geschickt an der schmalen Grenze zwischen Realität und Surrealität. Jeder wird sich ein wenig in Barry wiedererkennen, das macht ihn so sympathisch. Er kämpft gegen die Unbill des Lebens, auf seine eigene Weise. Und von Zeit zu Zeit gewinnt er diesen Kampf sogar: Das Klavier bereitet ihm Freude, gewährt dem kindlichen, unbeschwerten Ich Freilauf in der von harten Notwendigkeiten bestimmten Welt. Und natürlich seine Beziehung zu Lena, die bisweilen bizarre Züge annimmt, aber doch stets menschlich bleibt.

Dem für Tiefst-Niveau-Komödien bekannten Sandler die hochkarätige britische Darstellerin Watson entgegenzustezen ist einer der gelungensten Coups des ganzen Films. Manche Kritiker haben bemängelt, dass Watson in dem Film kein ihrer Klasse entsprechender Platz eingeräumt wird. Mag sein, aber ihre Funktion liegt mehr im Komplement zu Sandler denn in der Darstellung einer eigenen Person oder Geschichte. Apropos Komödien: Roger Ebert hat sehr treffend angemerkt, dass die Komödienrealität aus den vorherigen Sandler-Filmen in "Punch-Drunk Love" durchaus wieder auftaucht, nur ohne Humor. Was in dem einen Film lustige Übertreibung ist, wird zur mitunter bitteren Realität. Dieser Effekt wird natürlich gerade durch Sandler erst noch katalysiert. Hinter dem lustig-naiven Antlitz scheint hier das abgründige Wesen durch, die tiefe und desperate Seite eines Menschen. Darstellerisch gelingt Sandler dies übrigens sehr gut, diesen gespaltenen Charakter zu vermitteln.

Natürlich hat Anderson, wie stets, verschiedene Ebenen in seinen Film eingebaut, und er läßt es sich nicht nehmen, in einem Film, der zu Unrecht meist in das Genre Komödie / Romanze verfrachtet wird, harsche Gesellschaftskritik zu realisieren. Ob die Promotion-Puddings oder der weitgehend losgelöste Handlungsstrang um die Telefonsex-Hotline (manisches Sexualverhalten scheint ein Leitmotiv Andersons zu sein), jedesmal kommentiert Anderson unaufdringlich aber deutlich sichtbar die (amerikanische) Gesellschaft.

Sicherlich gibt es gerade für Anderson-Filme und insbesondere für "Punch-Drunk Love" verschiedene Lesarten. Für mich ist es ein sehr gelungener, teils zynischer, teils humoristischer Blick auf den Kampf des Individuums gegen die Welt und ihre mitunter irrwitzigen Normen und Verhaltensmaßstäbe. Barry scheitert, zeitweise zumindest, am Leben: An der Werbeindustrie, an seinen Schwestern, am biologischen Drang. Dass gerade die Liebe einen Ausweg zu bieten scheint ist schon fast wieder poetisch.

"Magnolia" konzentriert: Schärfer, knackiger, eingängiger - und irgendwie liebenswert


Wolfgang Huang