28 Tage später
(28 Days later)

England, 112min
R:Danny Boyle
B:Alex Garland
D:Cillian Murphy,
Naomie Harris,
Megan Burns,
Brendan Gleeson,
Christopher Eccleston
L:IMDb
„Staying alive is as good as it gets”
Inhalt
Bei einer Aktion militanter Tierschützer wird in London ein tödlicher, sich rasend schnell verbreitender Virus freigesetzt, der friedliche Menschen innerhalb von Sekunden in mörderische Bestien verwandelt. 28 Tage nach der Katastrophe machen sich vier Überlebende auf den Weg nach Manchester, wo eine kleine Armee-Einheit unter der Führung eines gewissen Henry (Christopher Eccleston) angeblich Herr der Lage ist. Der Trip durch das verwüstete Großbritannien erweist sich als überaus gefährlich. Doch auf der Militärbasis angekommen, müssen Jim (Cillian Murphy), Selina (Naomie Harris), Hannah (Megan Burns) und Frank (Brendan Gleeson) erkennen, dass das schlimmste erst noch vor ihnen liegt.
Kurzkommentar
In Zeiten chronischer Drehbuchflauten sind Zombies wieder salonfähig. Auch "Trainspotting"-Regisseur Danny Boyle will entspannt jedem Inhalt entsagen. Er serviert einen standesgemäß unappetitlichen Untoten-Thriller mit gemäßigtem Splatter-Faktor und sehenswertem postapokalyptischen Szenario. "28 Days Later" ist ziemlich ordinär und in der zweiten Hälfte schwach, spielt aber durch originelle Low-Budget-Stilistik in einer anderen Liga als übliche Genrevertreter.
Kritik
Danny Boyle ist jemand, der streibare Akzente setzt. Noch immer wird er an seinem Erstling gemessen: "Trainspotting", die wuchtige Junkiegroteske aus dem Jahre 1996 ist längst Kult, trotz oder gerade wegen ihres kontroversen Charakters. Doch seitdem hat es Boyle nur wenigen, vielleicht nur den Fans Recht machen können. Mit "The Beach" wollte er vor zwei Jahren in Hollywood Fuß fassen, landete aber, obwohl der Streifen um Zivilisationskritik und Utopien inhaltlich wie formal erfrischend war, einen Flop an der Kasse. Das wohl vor allem, weil der Film leicht als oberflächliches Abenteuer missverstanden werden konnte. Dabei war er beim näheren Hinsehen ein intelligenter Schlusskommentar zum Genre der Utopie in farbig-trügerischer Verpackung. Heute hat Boyle den Marktbedürfnissen nachgegeben: immerhin scheint der kommende "Trainspotting: Porno" wenigstens im Untertitel nichts vom provokanten Programm des Regisseurs verloren zu haben.

Bis dahin schiebt er ein, wonach ihm ist, nämlich Untote. Das ist vielleicht wenig überraschend, da Zombies wieder eine Lobby haben und Boyle bekannt dafür ist, das zu drehen, was nun gerade keiner erwartet. "Seriöse" Regiekollegen aus Hollywood hingegen hätten von diesem Abstecher ins ehrlich primitive B-Film-Segment sicher die Finger gelassen. Wiederbelebt hat Boyle dafür sein Team von "The Beach": Produzent Andrew Macdonald und Autor Alex Garland. Letzterer hatte zum Film die Buchvorlage verfasst und erprobt sich jetzt an der "Herausforderung" eines Zombie-Scripts. Dass das weniger originell als funktional sein konnte, war angesichts des recycleten Genres klar. Nichts ist so schematisch wie ein Streifen über Untote. Hier geht es nicht um dramaturgische Details, sondern um die nie ermüdende Faszination einer Horrorphantasie. Kein Wunder, seit Jahrhunderten begeistert die Öffentlichkeit das Tabu der größtmöglichen Perversion: der Kannibalismus. Hirntote Menschenfresser, Zombies, sind dessen Verschärfung. Das ist ebenso Tiefenpsychologie wie hirnloser Schwachsinn.

Wieso die Untoten dann sind, ist eigentlich weniger wichtig, aber sie wollen das Fleisch der letzten Menschen. Dieses Extremszenario spielt meist in einer postapokalyptischen Dimension nach einer (atomaren, virulogischen) Katastrophe. Das ist als selbstreflexive Zivilisationskritik, die Bezug auf die "historische" Tendenz des Menschen zu Vernichtung seiner selbst nimmt, kaum mehr ernst zu nehmen, aber als Ausgangskonstellation ein Grundgesetz des Genres. Denn immer schwingt im albernen Zucken und den blutigen Grimassen zuerst auch ein Opferstatus mit. So winken die Zombies mit dem Zaunpfahl, weil sie doch bloß die satirische Quittung für den ursprünglichen Täter sind. Das sind die lebenden Artgenossen, die ihr natürliches Lebensumfeld mit viel Erfindungsreichtum zerstört haben. So frisst der Mensch sich, den Täter, selbst auf. In der drastisch effektiven Eröffnunggssequenz findet "28 Days Later" hierfür ein großartig verstörendes Bild: im Versuchslabor wird ein Schimpanse durch Reizüberflutung von Bildern menschlicher Gewalt und Vernichtung förmlich hingerichtet.

Dass der Mensch vom Affen abstammt, ist wieder einmal beschämend für den Affen. Der ist nun bezeichnenderweise mit dem Virus "Wut" infiziert und schlachtet als erste Opfer ironischerweise die Tierschützer ab. Weil Danny Boyle "28 Days Later" als genregemäße Low-Budget-Produktion dachte, griff er auf den Trend der vom Material her günstigen Digitalkameras zurück und liefert uns den "Dogma"-Streifen des Zombie-Genres. Die grobkörnigen Bilder scheinen auf künstliches Licht fast völlig zu verzichten und erzeugen mit kühlen Farben die leichte Illusion des Unmittelbaren, der "Wirklichkeit". Dieser visuelle Purismus wirkt ernorm und ist kein Zufall, zeichnet sich doch für die Bildführung mit Anthony Dod Mantle tatsächlich ein "Dogma"-Kameramann ("Das Fest") verantwortlich. Nach der blutreichen Eröffnung, die anzeigt, was an Splatter zu erwarten steht, erzeugen überraschend ruhige Bilder vom ausgestorbenen London zusammen mit mal ätherischer, mal aggressiver Musik eine soghafte Atmosphäre. Die eigenwillig ästhetische Bildsprache Danny Boyles kommt hier fast einer Aufwertung des Genres gleich.

Jenseits der überraschenden Form bleibt die Dramaturgie jedoch in der Funktionalität des starren Musters stecken. Der Überlebende, überzeugend dargestellt von Cillian Murphy, trifft auf weitere versprengte Lebende. Man tauscht sich über die neuen Existenzbedingungen aus. Damit ist das fröhliche Schlachten eröffnet. Und obwohl sich der Blut- und Splatterfaktor insgesamt bescheiden gibt, wird mit deutlichen, schnell geschnittenen Bildern nicht gespart. Für Zufallsbesucher kann das durchaus magenbelastend, für Genrefetischisten dürfte es ziemlich willkommen sein. Denn gerade die Kombination aus digitalem Bildmaterial, nie überzogenem Blutfaktor und wirkungsvollen Schocksequenzen macht aus "28 Days Later" einen sicher kaum lächerlichen, "seriösen" Genrestreifen. Andererseits wirkt das vernachlässigend, weil doch der Kern eines jeden Zombiefilms das inflationäre Abschlachten und die Phantasie der Tötungsmethoden ist.

Dem minimalisierten Plot, hier allenfalls Vorwand bis zum nächsten Blutbad, räumt Boyle zu viel Zeit ein. Die Figuren sind besseres Futtermittel und im Grunde verzichtbar. In den Dialogen herrscht meist Leerlauf und daran ändert auch Brendan Gleeson als resoluter Taxifahrer nichts. Immerhin, als die Versprengten endlich zu Soldaten, einer weiteren Gruppe Nicht-Infizierter gelangen, ist dank enormer Feuerkraft und Verbarrikadierung in einem Haus das beliebteste Untoten-Szenario bestens vorbereitet. Doch statt die Eingeschlossenen, zusammengeschweisst in verzweifeltem Drang zum Überleben, sich allein gegen die von außen heranschlurfenden Zombiemassen zur Wehr setzen zu lassen, eröffnet Drehbuchautor Garland eine überflüssige innere Konfliktlinie, wo Liebe mit brutalem Zweckdenken ringt. Hier bricht "28 Days Later" deutlich ein. Letztlich kann Boyles fragwürdiger Ausflug zum Bodensatz aller Filmgenre "Klassikern" nicht das Wasser reichen, ist aber handwerklich bemerkenswert.

Puristischer Zombie-Horror mit wirkungsvoller "Dogma"-Optik


Flemming Schock