Catch Me If You Can

USA, 140min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Steven Spielberg
B:Frank Abagnale Jr.,Stan Redding, Jeff Nathanson
D:Leonardo DiCaprio,
Tom Hanks,
Christopher Walken,
Jennifer Garner,
Amy Adams
L:IMDb
„Sometimes it's easier to live the lie.”
Inhalt
Frank W. Abagnale (Leonardo DiCaprio) war nicht nur als Arzt und Rechtsanwalt erfolgreich, sondern auch als Kopilot einer großen Fluglinie. Das alles erreichte er vor seinem 21.Geburtstag. Er ist ein Meister der Täuschung, aber auch ein brillanter Fälscher. Durch geschickte Scheckbetrügereien ist er zu einem Vermögen von mehreren Millionen Dollar gekommen. FBI-Agent Carl Hanratty (Tom Hanks) hat ihn schon länger im Visier und macht sich zur Aufgabe, Frank zu fassen und vor Gericht zu bringen. Frank ist ihm jedoch immer einen Schritt voraus und macht sich einen Spaß daraus, seinem Verfolger kleine Köder vorzuwerfen, damit die Jagd weiter geht.
Kurzkommentar
"Catch me if you can" kann sicher als einer der anspruchslosesten Filme in Spielbergs Karriere gelten, zeigt aber ebenso die vielseitige Qualität eines talentierten Filmemachers. Etwas spielerisch-leicht wirken zu lassen, ist gewiss nicht die simpelste Aufgabe eines Regisseurs, und wer über 140 Minuten so wunderbar und auch berührend unterhalten kann, verdient mehr Respekt als man meinen könnte.
Kritik
Man könnte Wolfgangs Meinung zustimmen, wenn man an "Catch me if you can" lediglich aufgrund des Cast und des Regisseurs zu hohe Ansprüche stellt. Das erscheint mir aber wenig gerecht und so möchte ich an dieser Stelle nicht nur eine Lanze für "Catch me if you can", sondern auch für ähnlich locker-leichte (und im Kern dennoch sauber ausgearbeitete) Komödien brechen. Denn was Komödien-Koryphäe Billy Wilder bereits zu Lebzeiten immer zu bemängeln hatte, kommt auch hier deutlich zum Tragen: weil ein Film vergleichsweise anspruchslos ist, sind Auszeichnungen, sehr gute Kritiken und beeindruckte Kinogänger Mangelware. Komödien, die Oscars bekommen haben, lassen sich an einer Hand abzählen, Schauspieler, die in ihrer Karriere nicht mindestens einen geistig Behinderten gemimt haben, gelten selten als erstklassig, Regisseure, die üblicherweise anspruchsvollere Filme drehen und dann mal eine Komödie, werden urplötzlich belächelt (so etwa Soderbergh mit "Ocean's Eleven"). Dabei stelle man sich jedoch die Frage, was schwieriger zu imitieren ist: dramatische Schwere oder spielerische Leichtigkeit?

Die Frage kann zumindest nicht eindeutig beantwortet werden und deshalb ist auch (oder gerade) Steven Spielberg für "Catch me if you can" hohen Respekt zu zollen, beweist er doch hier, dass er eine nahezu kompletter Filmemacher ist - insbesondere vor dem Hintergrund, dass er mehr oder weniger als Not-Besetzung eingesprungen ist, weil sich durch DiCaprios Beteiligung an Martin Scorseses "Gangs of New York" die Dreharbeiten verzögern mussten und der geplante Regisseur Gore Verbinski nicht länger warten konnte (und sodann mit den Dreharbeiten zum in etwa gleichzeitig startenden Horror-Remake "The Ring" begann).

Dass auch nur jemand wie Spielberg das logistische Kunststück fertigbringt, einen derart erfolgreichen Film (in den USA steht er bei knapp 150 Mio.$) zum Frühstück zu drehen, zeigt ohne Zweifel seine Professionalität. Schon 1993 bot er mit "Schindlers Liste" und "Jurassic Park" zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein konnten, in diesem Jahr legt er mit "Minority Report" und eben "Catch me if you can" ein weiteres Paar nach - und das, obwohl Filme vom Kaliber eines "Minority Report" locker zwei bis drei Jahre Entstehungszeit umfassen. Da haben andere US-Regisseure schon größere Probleme, ihren Kopf für mehr als ein Filmprojekt dieser Größenordnung freizumachen.

Und diese Umstände scheinen alle keine Auswirkungen auf das Produkt zu haben? Nicht ganz, aber doch erstaunlich wenig. "Catch me if you can" merkt man seine Drehgeschwindigkeit (knapp acht Wochen, trotz der vielen Locations und 60er Jahre Zeitreise) nicht nur im Filmtempo, sondern leider auch im Filmrhythmus an. So elegant wie die ersten zwei Drittel des Films dahinfliessen, so holprig wirds am Ende, wenn Frank Abagnale Jr. urplötzlich in Frankreich gefasst wird und Autor Nathanson noch eine Wende einbaut, die sich nicht hundertprozentig einfügt. Hier wäre Spielberg unter weniger stressigen Umständen wohl sorgfältiger vorgegangen oder musste den Film, der ohnehin schon 140 Minuten dauert, etwas zurechtstutzen (auf der kommenden DVD warten angeblich über 20 Minuten geschnittene Szenen).

Doch das sind wohl die einzigen Kritikpunkte, die man an "Catch me if you can" stellen kann. Die hervorragenden Darsteller (unbedingt erwähnenswert auch Christopher Walken), das saubere Handwerk von Kameramann Kaminski und Komponist Williams und die hübsche Story hat Wolfgang ja schon genügend gelobt. Substanzlos würde ich "Catch me if you can" hingegen nicht nennen, bietet er für Hollywood-Verhältnisse doch überdurchschnittlich gut ausgearbeitete Charaktere (allein die Vergangenheit Abagnale Sr. ist zu nett), glaubwürdige Motive und überwiegend realistische Handlungselemente.

Und schließlich gibt es eine Szene, die endgültig die Klasse von "Catch me if you can" offenbart: sie geschieht leise, fast unbemerkt, geht angesichts der Komödienstimmung vielleicht sogar unter und zeigt dennoch auf großartige Weise die Qualität des Drehbuchs. Wenn Frank Abagnale Jr., der Hochstapler, derjenige, der auch in den brenzligsten Situationen so charmant-cool bleibt, zu seinem Pflichtdienst ins FBI-Büro kommt, schaut er sich um, mustert die Umgebung und schlängelt sich schüchtern und zögernd durch die etlichen Schreibtische. Hier ist er nun, der cleverste und sympathischste Verbrecher Amerikas, und muss zum ersten Mal zur Arbeit und ist dabei so aufgeregt wie ein kleiner Schuljunge vor seiner ersten Verabredung.

Liebevolle, sympathische Gaunerkomödie mit feinen Charakteren


Thomas Schlömer