Good Bye Lenin!

Deutschland, 125min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Wolfgang Becker
B:Wolfgang Becker, Bernd Lichtenberg
D:Daniel Brühl,
Katrin Sass,
Florian Lukas,
Chulpan Khamatova,
Maria Simon
L:IMDb
„1978 war die DDR auf Weltniveau - und unsere Familie ging den Bach runter.”
Inhalt
Kurz vor dem Mauerfall fällt die Mutter des 21-jährigen Alex Kerner ins Koma und wacht acht Monate später wieder auf. Da für die verdiente DDR-Aktivistin und Gorbatschow-Anhängerin jede Aufregung lebensgefährlich ist, darf sie nichts von den politischen Änderungen erfahren. Deshalb lässt Alex auf 79qm Plattenbau den Sozialismus weiterleben. Doch mit der Zeit werden die westlichen Einflüsse immer größer und Alex hat alle Mühe die Scheinwelt aufrecht zu erhalten.
Kurzkommentar
Was ohne Zweifel auch hätte daneben gehen können, wird bei Wolfgang Becker zum kleinen Komödienereignis. Seine ironische Geschichtsaufarbeitung ist dank treffendem Drehbuch, lebhaften Darstellern und passendem Handwerk ein sehr amüsanter Blick auf den Fall der Mauer mit all ihren Konsequenzen. Die Orientierung an Figuren und Emotionen lässt den Film darüberhinaus zu einer berührenden Mutter-Sohn-Geschichte werden.
Kritik
Da berichtet man angesichts des Starts von Martin Scorseses "Gangs of New York" großzügig über die Schwierigkeiten, mit der das Projekt bei seiner Entstehung zu kämpfen hatte, da kommt eine unscheinbare, deutsche Komödie daher und kann von ebenso großer Drehproblematik berichten. Wolgang Beckers letzter Film, "Das Leben ist eine Baustelle", liegt bereits fünf Jahre zurück und dass es bis zu einem neuen Film so lange gedauert hat, lag nicht nur daran, dass Becker auch Nebentätigkeiten wie eine Lehrstelle an der Kunsthochschule für Medien in Köln wahrnimmt. Er und Drehbuchautor Bernd Lichtenberg haben schlichtweg erstmal zwei Jahre am Drehbuch zu "Good Bye Lenin!" gearbeitet. Es hat "einfach so lange gebraucht", der Thematik sowohl dramatisch als auch komödiantisch gerecht zu werden. Die erste Idee ist gar vor zehn Jahren geboren als Bernd Lichtenberg das erste Exposé zum Film schrieb. Damals schien die Zeit aber noch nicht reif für ein Projekt dieser Art und der Text verschwand erstmal in der Schublade. Lichtenberg hat dann erst später, in Kooperation mit Wolfgang Becker direkt, das Drehbuch für X-Filme entwickelt und nach zwei Jahren Umgeschreibe schien es dann endlich realisierbar.

Richtig problematisch wurde es erst auf dem Set: es regnete vier Wochen am Stück, obwohl Sommer sein sollte, der 11.September hinterließ auch im Team von Becker seine Spuren, es gab große Meinungsverschiedenheiten zwischen Becker und Hauptdarstellerin Katrin Sass, weil Becker scheinbar stur seine Vision des Films verfolgte und keine anderen Meinungen billigte, und auch das Geld wurde schnell knapp, weil die DDR wieder auferstehen sollte. Angesichts dieser Umstände sieht man die End-Credits, die beinahe für jeden Bereich ein "2. Drehteam" angibt, mit ganz anderen Augen.

Umso erstaunlicher, dass ein so harmonischer und gelungener Film dabei herausgekommen ist. Becker gelingt mit einem liebenswerten Ensemble, talentierten Handwerkern hinter der Kamera und dem grandiosen Drehbuch Lichtenbergs genau das, woran so viele Konkurrenzprojekte scheitern: die Synthese von Drama und Komödie, von Ernsthaftigkeit und Witz, von ent- und angespannten Momenten. Dabei wird er nie platt, beschämend oder gar beleidigend, im Gegenzug auch nie pathetisch, theatralisch oder kitschig. Die Atmosphäre schwebt stattdessen immer gekonnt zwischen anrührend und höchstsympathisch.

Der größte Verdienst "Good Bye Lenins" ist dabei wohl, dass er sich (im Gegensatz zu Leander Haußmans "Sonnenallee", der auf schrecklich oberflächliche Weise das Thema DDR seziert) für seine Figuren interessiert. Hinter all dem vermeintlichen Klamauk steckt vor allem die Absicht die Beziehung Alex' zu seiner Mutter zu beleuchten, bleibt der DDR-Hintergrund nur funktionaler und -allen gagreichen Einfällen zum Trotz- nicht dominanter Natur. So achte man etwa auf die wunderbaren letzten Szenen, wenn Alex' Mutter mit leicht verschmitztem Lächeln ihren Sohn beobachtet und sich in ihren Augen der größte Stolz widerspiegelt, den eine Mutter für ihren Sohn empfinden kann. Anstelle auf das mühsam hergerichtete Videoband zu schauen, hat sie nur Augen für ihren Sohn, demjenigen, der sich so hingebungsvoll um sie gekümmert hat. Und so wie Alex seiner Mutter die Wahrheit ersparen wollte und sie im Glauben gelassen hat, die DDR existiere noch, so erwidert sie den Liebesbeweis, indem sie ihm den anrührenden "Erfolg" gönnt und ihn im Glauben lässt, alles habe funktioniert.

Letzten Endes ist die Abnabelung von der Vergangenheit vor allem für Alex ein großer Kraftakt. Es ist nicht nur der Abschied vom Sozialismus, der ihn prägt, sondern auch von seiner Jugend. Und wie Lichtenberg in einem Interview verdeutlichte, hält er die DDR am Ende nicht nur für seine Mutter aufrecht, sondern auch für sich selbst. Vielleicht sogar hauptsächlich für sich selbst, denn die Staatsform hinter sich zu lassen, bedeutet für ihn auch, erwachsen zu werden. Das ist ein starker Konflikt und Becker behandelt ihn ebenso respektvoll wie etwa Frau Kerners ersten Gang vor die Haustür. Wenn die Lenin-Statue auf sie zufliegt und der Zeigefinger gleichzeitig Mahnung und eine Geste des Auf Wiedersehens zu sein scheint, ist das großartig erfasst.

Und so reduzieren sich die Kritikpunkte des Films im wesentlichen auf einen Faktor: Lichtenberg springt teilweise zu spontan von komischen zu berührenden Momenten. So etwa, wenn man eben noch über die Finten, denen Alex' Mutter ausgeliefert ist, gelacht hat und dann klar wird, welche Bedeutung die Umstände für sie überhaupt haben. Oder wenn ein wunderbarer, optischer Gag mit einer Smiley-Kaffeetasse zum Einsatz kommt, gleichzeitig aber über den ernsten Gesundheitszustand der Mutter diskutiert wird. Hier wirkt die Inszenierung etwas unglücklich und weder der komödiantische noch der dramatische Aspekt können sich voll entfalten.

Und dennoch weiß Becker genau, was er tut. Wenn es sentimental zu werden scheint, retten seine Darsteller oder die wunderbaren Dialoge die Szene, wenn die Witze drohen, plump zu werden, ist die nächste Anspielung feinerer Natur. Zu guter letzt bleibt Beckers Film ebenso ironisch (die "2001"-Anspielung) wie tragisch, bietet viel für die Lachmuskeln und genug fürs Herz und hat wohl eine der schönsten Story-Auflösungen der jüngeren Komödiengeschichte.

Ironischer, äußerst sympathischer Blick auf die Wiedervereinigung


Thomas Schlömer