Bowling for Columbine

USA, 120min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Moore
B:Michael Moore
D:Michael Moore
L:IMDb
„There's wackos out there!”
Inhalt
Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, weshalb die Mordrate mit Schusswaffen in den USA höher als in jedem anderen Land der Welt liegt, begibt sich Michael Moore auf eine Reise durch die USA. Dabei deckt er gekonnt Abstrusitäten erster Güte, himmelschreiende Doppelmoral und überhaupt die Angewohnheiten eines sehr seltsamen Volkes, der Amerikaner, auf.
Kurzkommentar
Schwankend zwischen triefendem Sarkasmus und grenzenloser Naivität zeichnet Moore mit »Bowling for Columbine« ein treffsicheres Sittenbild des verkommenen Amerika. Man kann zurecht die Art und Weise, auf die sich Moore seinem Thema nähert, in Frage stellen, doch letztlich ist seine Halb-Doku über den amerikanischen Waffenfanatismus das Bemerkenswerteste und Sehenswerteste, was je dazu versucht worden ist.
Kritik
»Marylin Manson«, so scheint es, war für viele Amerikaner die alleinige Ursache für das Massaker, das zwei Schüler vor einigen Jahren in der amerikanischen Kleinstadt Littleton an der Columbine Highschool anrichteten. Michael Moore hat eine andere Theorie: Es lag am Bowling.

Kriterien wie Objektivität, Ausgewogenheit oder langweilige Seriosität, die Dokumentationen sonst gerne auszeichnen, sind nicht Moores Ding: der Begriff ist recht irreführend, wenn auch nicht falsch. Subjektiv, assoziativ und vermeintlich naiv widmet sich Moore seiner Frage, ständig auf der Suche der Antwort. Ausgangspunkt einer analytischen Odyssee durch die Vereinigten Waffenvernarrten Staaten von Amerika ist eine Bank in Michigan, die bei Eröffnung eines Kontos ein Gewehr gratis anbietet. Weshalb besitzen Amerikaner dieses nahezu einmalige Faible für Waffen, wozu braucht eine Kleinstadt Bürgermilizen, die besser ausgerüstet sind als ein ganzes SEAL-Team, und wer ist eigentlich der Feind?

Die zweite Ergänzung der amerikanischen Verfassung erlaubt allen Bürgern das Tragen von Waffen: »A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed.« Auf dieses Recht beziehen sich die Waffenfanatiker gerne, besonders die National Rifle Organization, ihres Zeichens die größte Waffenlobby der USA, repräsentiert durch ihren Vorsitzenden Charlton Heston, und schon immer politisch sehr Repulikaner-nah. Doch es ist ein durchgehendes Muster in Moores Film, dass er sich nicht auf oberflächliche Begründungen einlässt: Das Recht etwas zu tun begründet noch lange nicht die Notwendigkeit dazu. Doch worin besteht die Notwendigkeit?

Im Laufe von zwei Stunden arbeitet sich Moore durch das Dickicht der möglichen Erklärungen, und am Ende hat er immerhin den Versuch einer Antwort vorzuweisen. Manche Kritiker bemängelten, Moore habe keine Antwort auf die Frage, und deshalb sei »Bowling for Columbine« ein schlechter Film - sie könnten nicht weniger recht haben. Denn zunächst ist es das größte Verdienst Moores, die richtigen Fragen zu stellen, noch dazu in einer Zeit, in der die gesamte politische Elite der USA in der Patriotismus-Falle gefangen ist und an den Lippen von George Bush hängt wie der Ku-Klux-Clan an seinen weißen Zipfelmützen. Noch dazu ist es nicht zwangsweise die Aufgabe von Dokumentationen, Antworten zu finden, sondern vielmehr, nomen est omen, ein Problem zu dokumentieren. Doch Moore tut noch mehr: Er verwirft eine Reihe wenig überzeugender Erklärungen, etwa die Manson-These, die Amerikas-blutige-Geschichte-Mär, oder die Lüge von der Selbstverteidigung. Allein dafür, dass Moore das Thema an die Öffentlichkeit bringt, wissenschaftlich gesprochen: für seinen Beitrag zum Diskurs, gebührt ihm Respekt und Hochachtung.

Und so ganz nebenbei erreicht Moore auch noch so manch anderes: Er wirft ein grelles Licht auf die beschämenden sozialen Mißstände in Amerika, den Filz der allgegenwärtigen Lobbygruppen, und er bewegt die Supermarkt-Kette K-Mart dazu, Munition aus ihrem Angebot zu nehmen. Bei all dem ist »Bowling for Columbine« sicher nicht um völlige Neutralität bemüht, sondern hat seinen Ausgangspunkt vielmehr in einer eigenen, klaren, unverhohlenen Position. Zum Glück macht Moore jedoch nicht den Fehler, seine Einsichten und Erkenntnisse durch unfairen Guerilla-Journalismus zu entkräften und entwerten. Denn genauso wenig, wie ein Fussballspieler nach 90 Minuten Konzentration, Anspannung und Erschöpfung eine differenzierte, treffsichere Analyse geben kann, genauso wenig wäre es fair gewesen, das Überraschungsmoment auszunutzen und die Befragten möglichst peinlich darzustellen. Moore behandelt seine Interviewpartner respektvoll, gibt den Pressesprechern die Möglichkeit, ihre Statements zu überdenken und bittet höflich bei Charlton Heston um einen Termin. Dabei verzichtet er auf jede künstliche Emotionalität, jedes falsche Pathos. Im Gegenteil: Geschickt konterkariert Moore die heuchlerische Einstellung der Sensationsjournalisten und hebt sich wohltuend von ihnen ab.

Oft greift Moore zu den Mitteln der Überspitzung, der Übertreibung und der Satire, und lässt diese dann auch hin und wieder unkommentiert auf todernste Szenen folgen. Ist dieser Ansatz angesichts des Themas angemessen? Die Antwort erscheint zweigeteilt: Für eine Analyse, die fundiert, vollkommen schlüssig und wissenschaftlich sein möchte, wäre dies der falsche Weg. Doch obwohl sich Moore seinem Thema manchmal auch auf diesen Pfaden nähert, ist dies nicht sein Ziel. Vielmehr versucht er, die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, vor dem viele Menschen auch Angst haben, und bei dem sie, würde es als normale Dokumentation im Fernsehen behandelt, einfach umschalten würden. Humor, Satire und Zynismus sind Stilmittel, mit denen Moore sein Publikum über zwei Stunden lang aufmerksam und bei Laune hält. Und das Lachen dient auch der Katharsis - das Grauen, dem sich »Bowling for Columbine« nicht verschließt, das Grauen von Schulmassakern könnte man vielleicht anders nicht ertragen.

Sieht man Moore in seinem Film, so wirkt er schlampig und chaotisch. Sein Film selbst, etwa bei den Zwischentiteln, oder bei dem übergangslosen, abrupten Schnitt, wirkt dilletantisch - und doch ist er ein Meister der Form. Moore weiß genau um die Wirkung der von ihm eingesetzten Elemente, und er beherrscht eine für eine Dokumentation bemerkenswerte Dramaturgie. Der Schnitt verschiedener Dialoge gegeneinander könnte in keinem Drehbuch besser erfunden werden.

Verharmlost die saloppe Präsentation nicht das eigentliche Problem? Manchmal überkommt einen in der Tat das Gefühl, dass nicht wenige Zuschauer, die den Film im Nachhinein als »toll« bewerten die Botschaft nicht dauerhaft behalten. »Bowling for Columbine« ist unterhaltsam, und man könnte befürchten, dass das für manche bereits genug ist. Doch Moore ist sich offensichtlich auch dessen bewusst: Je weiter der Film fortschreitet, desto ernster und analytischer wird Moore in seiner Darstellung. Bereits beim ersten Höhepunkt, wenn Moore die Scheinheiligkeit der amerikanischen Selbstverteidungsargumentation entlarvt, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Und auch später, beim eigentlichen Finale überkommt einen ein sehr unbehagliches Gefühl der Betroffenheit und Hilflosigkeit angesichts der bodenlosen Ignoranz.

Hat »Bowling for Columbine« nun eine Antwort auf die selbstgestellte Frage?

Ja, und Nein. Zunächst: Vorallem stellt der Film die richtigen Fragen. Und noch ein Gemeinplatz: Manchmal können die Fragen wichtiger als die Antworten sein.
Noch wichtiger: Er entlarvt die falschen Antworten, auch wenn man sich beispielsweise bei der Diskussion um die mediale Bedeutung von Marylin Manson eine etwas tiefergehende Betrachtung gewünscht hätte.

Und schließlich: Moore bietet tatsächlich eine Antwort auf Frage. Zugleich macht er aber deutlich, dass er nicht glaubt, im Besitz der letzten Wahrheit zu sein. Spoiler Moores Antwort, die künstlich geschürte Furcht durch die Medien, die Ökonomie der Angst, in Verbindung mit rassistischen Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft, hervorgerufen durch die katastrophalen sozialen Strukturen, sei verantwortlich für die Sehnsucht nach der Waffe ist der ehrenhafte Versuch, das Problem zu analysieren. Spoiler Ende Nichtsdestotrotz sollte nicht unerwähnt bleiben, dass seine Antwort von einem wissenschaftlichen Standpunkt her gesehen zu wenig komplex und differenziert sein dürfte. Der Wert und die Qualität des Filmes liegt aber nicht darin begründet, ob er die Ausgangsfrage vollkommen adäquat beantworten kann, zumal wenn dies nie sein erklärtes Ziel war. »Bowling for Columbine« ist nicht nur bemerkenswert wegen der Einsichten, die er über das Thema vermittelt, sondern, cineastisch betrachtet, weil er äußerst gekonnt die Mittel des Mediums Film nutzt, um Bewusstsein für das Thema zu wecken.

Bei alledem ist »Bowling for Columbine« ein zutiefst moralischer und auch pädagogischer Film. Der stellenweise Zynismus ist Ausdruck von Hilflosigkeit, ebenso wie das Lachen der Zuschauer. Die Kritik, Moores Antwort sei nicht überzeugend ist nicht ganz ohne Berechtigung - doch mit seinem Verweis auf die fatale Wirkung des Bowling entschärft Moore jeden entsprechenden Ansatz. Und so ist schon die Grunderkenntnis des Films, dass monokausale Erklärungsansätze wertlos sind, Grund genug, ihn anzusehen.

Brilliante Dokumentation der etwas anderen Art über Amerikas Waffenwahn


Wolfgang Huang