Stürmische Liebe - Swept Away
(Swept Away)

USA 2002, 90min
R:Guy Ritchie
B:Lina Wertmüller,Guy Ritchie
D:Madonna,
Adriano Giannini,
Jeanne Tripplehorn,
David Thornton
L:IMDb
„I´m the master and you´re my slave”
Inhalt
Gemeinsam mit zwei befreundeten Paaren brechen Amber und Tony zu einer privaten Kreuzfahrt durchs Mittelmeer auf. Gelangweilt, frustriert und von geheimen Sehnsüchten geplagt, macht es sich Amber (Madonna) zum Hobby, die Schiffsbesatzung zu terrorisieren. Dabei hat sie es besonders auf den jungen Fischer Giuseppe (Adriano Giannini) abgesehen, den sie mit ihren Launen fast in den Wahnsinn treibt. Die Verhältnisse kehren sich radikal um, als das Schicksal beide mit einem Schlauchboot in Seenot geraten und schließlich auf einer einsamen Insel stranden lässt. In der unberührten Natur, fern jeder Zivilisation, kehrt Giuseppe die Machtverhältnisse radikal um und nutzt gnadenlos aus, dass Amber hier erstmals in ihrem Leben mit Geld nicht alles kaufen kann und, auf sich allein gestellt, hoffnungslos verloren wäre. Bis beide – gegensätzlich wie Feuer und Eis – von der unerklärlichen Macht der Liebe überwältigt werden.
Kurzkommentar
“Stürmische Liebe - Swept Away” ist nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas. Guy Ritchies hämisch verlachter Läuterungsversuch seiner Gattin Madonna ist dennoch nicht ganz die prophezeite mimische Talsohle. Dass sich für die seicht-blöde Robinsonade schließlich doch ein mutiger deutscher Verleih fand, ist gut. Madonna gibt immerhin alles und auch ihr Mitstreiter Adriano Giannini weckt als kommunistischer Segler Mitleid und Sympathie. Und Guy Ritchie verzeihen wir letztlich auch.
Kritik
Spektakuläre Totgeburten sind selten. „Swept Away“ ist eine davon. Und im Grunde war schon gar nicht mehr wichtig, wie der Film tatsächlich ist. Von einer schadenfreudigen Presse war das neue Madonna-Vehikel schon hingerichtet, bevor es überhaupt jemand zu Gesicht bekommen hatte, war doch der Klatsch-Hintergrund weit interessanter als der Film selbst. Guy Ritchie, Macher geistreich schwarzer Komödien („Bube Dame König GrAs“, „Snatch“), nun aber auch Lebensgefährte der Pop-Ikone, schien alle Warnungen vor dem sicheren eigenen Karriereruin in den Wind zu schlagen und wollte seine Vision verwirklichen und Madonna endlich die schauspielerische Apotheose bieten. Vor Entsetzen entzückt begann die Vorfreude auf ein beispielloses Desaster und den angeblichen Neubeweis für Madonnas enddefizitäres Darstellertalent.

Und tatsächlich ließ Ehemann Ritchie mit der Sujet-Wahl keinen Platz für Kompromisse und lädt den gesamten Film auf der Gattin Schulter ab. Das wiegt schwer, auch wegen des Stoffes. Was Ritchie ritt, als er sich entschied, ein Remake der Schiffsbruchs- und Klassenkonfliktsromanze „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ von Lina Wertmuller aus dem Jahre 1974 zu inszenieren, wer weiß. Der Ansatz, ein mehr als ungleiches Pärchen auf einer verlassenen Insel stranden zu lassen und dort die vorigen Herrschaftsverhältnisse parodistisch umzuwerfen, klingt unheimlich ausladend. Mit dieser Erwartung korrespondiert auch gleich die Eröffnung. Sie ist eigentlich keine. Eine Einführung der Figuren wird ganz unterschlagen, die Dramaturgie, oder besser: Szenenfolge verfrachtet zwei ausgehöhlte High-Society-Paare an Bord eines Luxusschiffes zum gemeinsamen Dekadenzurlaub.

Handlungskatalysatoren gibt es hier keine. Aber wer braucht die schon, wenn Madonna im Mittelpunkt des Interesses steht. Ihre Rolle der ihr gesamtes Umfeld schikanierenden Kapitalistenschlampe gibt sie souverän gestelzt, mit affektierter Impulsivität und nie variierender Mimik. Doch das mag täuschen, sieht man doch, was man sehen möchte. Ihre Darbietung mag man als unglaubwürdig abtun, aber ihre Figur, eine schrecklich eindimensionale Parodie von Oberschichtensadismus, gibt eh nicht mehr her, fügt sich in das vorerst dümpelnde, septische Nichts. Es ist schon spektakulär, aus dramaturgischer Sicht schon fast bizarr, wie die erste halbe Stunde der Luxuspott in der Weite plätschert und der Zuschauer in nervtötender Statik mit dem Regiment der Superzicke und dem über sie fluchenden Matrosen malträtiert wird.

Endlich macht der sich – und damit auch dem Zuschauer – in einem großartig fiesen Befreiungsschlag zumindest in Gedanken von den gelangweilten Spielchen des Bonzenmobs ordentlich Luft und hievt das Hassobjekt über Bord. Jedem Niveau, jede Schärfe, die man sonst von Ritchie kennt, geht es ähnlich. Der Italiener Adriano Giannini darf hier übrigens nur aus einem filmhistorischen Grund das Objekt der Begierde spielen: im Original von 1974 spielte sein Vater den knackigen Fischer. Zu spät folgt der programmgemäße Wendepunkt: Protagonist und Antagonist werden gemeinsam einsam auf eine arkadische Insel geworfen. Dort bietet die Konfliktlage nichts, was jenseits des Klischees läge, mutiert das vorige Rollen- und Geschlechtsmuster mit spiegelverkehrten Schikanemaßnahmen zur Parodie eines billigen Sadismus.

In handfestem Inselkitsch reiben sich zwei sympathisch miese Schauspieler aneinander, was wenigstens noch für ein Minimum an voyeuristischer Genugtuung sorgt. Unentscheidbar zwischen unfreiwilliger und gewollter Komik kann „Swept Away“ in dieser Phase noch gerade bei Laune halten, wenn die gebändigte Zivilisationstyrannin den Naturburschen entdeckt. Für Psychologie bleibt da wenig Platz. Geboten wird samt unplausibelstem Charakterwandel ein kleines postkartentriviales Paradieschen mit Nörgeleinlagen und besoffenem Pantomimenspiel in der Liebeshütte. Wenn dann letztlich bei der Rückkehr die gesellschaftliche Determination zu siegen droht, weiß man: auch Madonna bleibt, was sie ist.

Abgestandener Inselkitsch mit eigenwilligem Unterhaltungswert


Flemming Schock