Solino

Deutschland 2002, 124min
R:Fatih Akin
B:Ruth Toma
D:Moritz Bleibtreu,
Barnaby Metschurat,
Antonella Attili,
Gigi Savoia,
Patrycia Ziolkowska
L:IMDb
„In Deutschland gibt es überall Arbeit”
Inhalt
Der introvertierte Gigi (Barnaby Metschurat) und sein draufgängerischer Bruder Giancarlo (Moritz Bleibtreu) ziehen mit ihren Eltern von Italien nach Deutschland. Dort eröffnet die Familie 1964 die erste Pizzeria des Ruhrpotts. Während die Eltern sichtlich Probleme haben, sich in Deutschland einzugewöhnen, fühlen sich die Brüder in der neuen Heimat schon bald wie Zuhause. Gigi träumt von einer großen Karriere als Regisseur und Giancarlo hält sich mit kleinen Gaunereien über Wasser. Als sich die beiden ausgerechnet in das gleiche Mädchen verlieben und die Mutter schwer erkrankt, droht die Familie zu zerbrechen.
Kurzkommentar
Zwei Jahre nach seinem internationalen Erfolg mit „Im Juli“ meldet sich Fatih Akin zum erneuten Beweis seines Regietalents zurück. Das Ergebnis ist zwiespältig. Seiner Saga um eine Immigrantenfamilie und Deutschlands erste Pizzeria mangelt es an Figuren mit Profil und überzeugendem Handlungsbogen. Große Momente, gleich ob Tragik oder Komik, sind selten und der zentrale Bruderkonflikt recht ungar. Andererseits hat auch „Solino“ das außergewöhnliche Akin-Flair mit multikultureller Abschmeckung. Das garantiert gelöste Unterhaltung, gepflegte Fotografie und gute Darsteller.
Kritik
Regisseure, deren Namen zum Begriff wird, gibt es in Deutschland vielleicht eine Hand voll. Einer von ihnen, von den Jungen ist sicherlich Fatih Akin. Der erst 29-jährige Hamburger deutsch-türkischer Abstammung hatte seinen Durchbruch bei der Kritik bereits 1998 mit seinem Gangsterdrama „Kurz und schmerzlos“. Schon hier zeichnete sich, da es um Deutsche, Türken und Griechen ging, der multiethnische Hintergrund seiner Filme ab. Viele Zuschauer konnte der Streifen jedoch nicht gewinnen. Ganz anders sah das schon vor zwei Jahren aus, als Akin mit „Im Juli“, seinem mittlerweile siebten Film, groß raus kam. Die beherzte Roadmovie-Romanze zeigte Moritz Bleibtreu in Bestform und dazu allerlei Exotisches aus Südosteuropa.

Zwar setzte es noch Kritik, aber das Publikum, auch im Ausland, schien sich in den positiven Film verliebt zu haben. Und da das deutsche Kino sonst noch immer nicht viel mit Vorfreude zu tun hat, wurde Akins nächstes Projekt mit Spannung herbeigesehnt. Dessen Grundidee nun ist eine wirklich einfallsreiche. Akin begnügt sich nicht mit einer weiteren Love-Story, sondern stellt sich mit einer Familiensaga sogar gleich der großen Herausforderung. Dass die bloß vom Auswandererschicksal einer italienischen Familie und der ersten deutschen Pizzeria im grauen Duisburg erzählen will, klingt umso sympathischer. Da Akin schon Gespür für authentische Abbildung von Lebensbezügen bewiesen hat, durfte liebenswerte Tragikomik zu erwarten sein.

Eingeführt wird der Handlungsbogen von „Solino“ dann mit einer sichtlich nostalgischen Liebeserklärung an die goldenen Tage des italienischen Kinos. Akin will sich dezent verbeugen. Setting, Stimmung und Farben des italienischen Dörfchens, in dem der Handlungsbogen den Ausgang nimmt, sind damaligen Filmen wirksam nachempfunden. Inhaltlich wird der handlungsrelevante Konflikt zwischen den beiden Brüdern angedeutet. Schnell wird hier jedoch deutlich, dass alles gerafft vonstatten geht und keine breit angelegte, eben „epische“ Erzählweise favorisiert wird. Bevor es ruckzuck nach Duisburg zur existentiellen Neubegründung geht, wird jede Figur nur mit flüchtigem Inhalt gefüllt.

Bereits hier bekommen wir den „typischen“ Italiener vorgesetzt, wie ihn das Klischee oder die pauschale Vorstellung kennt. Dass Akin keinen Versuch macht, dem differenzierend auszuweichen, wiegt kaum schwer, dafür macht das Zusehen zu viel Lust. Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt auch kaum, denn schnell treibt Akin die Ereigniskette voran und zeigt die Immigrierten im Ruhrgebiet in der entwurzelten Lage mit Assimilationsproblem. Gut, es mag „Solino“ nun nicht darum gehen. Dass aber Integrations- und Alltagsprobleme der Italiener nur schlaglichtartig angerissen werden, und das gesamte Geschehen weder Substanz noch Erklärungsgehalt aufbringt, fällt unangenehm auf.

Handlungen werden kaum entfaltet, sondern nur im Akkord aneinandergereiht, denn dann steht ohne großes Vorspiel auch schon die Pizzeria. Hier wirkt es fast, als müsse der Streifen mustergerecht und bügelglatt seinen Handlungsbogen von A nach B zu Ende spinnen. Und da auch alle Welt eh nur auf den Einsatz von Moritz Bleibtreu wartet, ist zudem anzukreiden, dass das erste Kapitel der Chronologie unverhältnismäßig lang geraten ist. Da mag der talentierte Nicola Cutrignelli in der Rolle des kleinen Gigi auch noch so niedlich sein, für Großes taugt die Dramaturgie hier nie. Wenn man Schuldige sucht, ist es der Drehbuchautor oder in diesem Fall die Autorin. Mit Ruth Toma hat sich Akin da eine etwas problematische Hilfe an Bord gezogen.

Toma, allenfalls durch die Melancholiefeier „Gloomy Sunday“ von Begriff, erwies sich hier als Expertin für schwergängige Handlung und beiläufige Charaktere. Ganz so gilt das für „Solino“ nun nicht, was man als Steigerung Tomas konstatieren mag. Schwache Figurenzeichnung bleibt aber auch hier das Problem. Bei den Rollen von Mutter und Vater wiegt das noch kaum. Dadurch, dass Akin Italiener auch dankenswerterweise von Italienern spielen lässt, werden Antonella Attili und Gigi Savoia ihren Gemeinplatzrollen recht sehenswert gerecht. So lässt man sich das Klischee noch gern auftischen. Bei der vielleicht zentral gedachten Loser-Figur, gespielt von Bleibtreu, zeigen sich die Defizite dann allerdings deutlich.

Als Gegengewicht zur Identifikationsfigur, die von Barnaby Metschurat gespielt wird, taugt die Figur Giancarlos ganz und gar nicht. Anders, denn man wartet unablässig, dass nun endlich Bleibtreus bekannt großer Auftritt kommen möge. Doch er bleibt aus und Giancarlo bleibt blass und in Passivität und böser Lethargie. In nur wenigen Augenblicken steht Bleibtreu wirklich im Mittelpunkt, dann aber, wie z.B. in der Kirche, schon köstlich nur Kraft eines Gesichtsausdrucks. Generell muss Bleibtreu aber das Feld dem „Newcomer“ Metschurat überlassen und der schlägt sich dann wacker.

So gibt es mit dem Titel, der kleinen Sonne, auch etliche lichte Seiten, die letztlich überwiegen. Auch wenn „Solino“, wie angedeutet, keinen soziologisch sensiblen Blick für die Probleme der Familie hat und aus den mageren Figuren selbst kaum Dramatisches entwickelt werden kann, verbindet den Film mit Akins früheren Werken wieder eines: dass er liebenswert ist, dass er eine gelöste Atmosphäre auch mittels handwerklichem Geschick verbreitet, dass er Stimmungen pointiert einfängt; eben kurz, wenn man so will, ein Film mit Seele, eigener Handschrift und gesundem Kitsch ist. „Solino“, voll südländischer Sonne und Ruhrpott-Charme, sollte man sich am besten vor dem Besuch bei der Pizzeria des Vertrauens gönnen.


Zähes Gastarbeiter-Drama mit elegantem Kitsch und Stimmungsbonus


Flemming Schock