No Man's Land

Bosnien-Herzegowina / Slowenien, 98min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Danis Tanovic
B:Danis Tanovic
D:Branko Djuric,
Rene Bitorajac,
Filip Sovagovic
L:IMDb
„Weil ich die Knarre habe und Du nicht!”
Inhalt
Die zwei feindlichen Soldaten Ciki (Branko Djuric) und Nino (Rene Bitorajac) finden sich irgendwo im Niemandsland des Bosnienkriegs wieder. Ein UN-Sergeant kommt den beiden zu Hilfe, obwohl er die Order hat, sich nicht einzumischen. Das Schicksal der beiden wird zu der Titelstory aller internationalen Medien.
Kurzkommentar
Mit vorzüglichem Drehbuch und sauberem Handwerk gelingt dem Bosnier Danis Tanovic eine ungewöhnliche Kriegssatire, in der er die Sinnlosigkeit des Krieges dadurch charakterisiert, dass eigentlich keiner der Beteiligten weiß, warum er überhaupt stattfindet. Der Konflikt, der auf grundlosem Hass basiert, und sich zum abstossenden, langweiligen Alltag entwickelt hat, wird dokumentarisch beobachtet und nur selten krass überspitzt.
Kritik
Spätestens mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens 1991/92 hatten die Einwohner Bosnien-Herzegowinas wahrlich andere Probleme als eine funktionierende Filmwirtschaft. So ist gemäß der IMDb Danis Tanovics "No Man's Land" erst die 14.(!) Produktion, die seit der Unabhängigkeit des Landes entstanden ist. Dass der Film überhaupt so professionell inszeniert werden konnte, liegt nun natürlich daran, dass auch viele Geldgeber aus anderen Ländern ihren Beitrag geleistet haben. Nicht weniger als sechs Staaten haben somit zur Entstehung des Films beigetragen. Eine mutige und kluge Entscheidung, muss jetzt festgestellt werden, denn nicht nur, dass sich die Investion aus künstlerischer Sicht gelohnt hat, auch finanziell dürfte die Produktion nicht zum Misserfolg geworden sein, konnte "No Man's Land" doch bei der letzten Oscarverleihung (2002) als "bester fremdsprachiger Film" gewinnen. Hinzu kommen ein "Golden Globe", ein Drehbuchpreis in Cannes und viele weitere Auszeichnungen. Diesen Umständen ist nun zu verdanken, dass der Film nach knapp anderthalbjähriger Verspätung auch in Deutschland an den Start geht.

Festzuhalten bleibt zunächst das sorgfältige Drehbuch des Regieneulings Danis Tanovics, der im Zuge seines Erfolgs mit diesem Film auch einen der Beiträge der Kurzfilmrolle zum 11.September ("11'09''01 - September 11") inszenieren durfte. Tanovic beschränkt sich in seinem Plot größtenteils auf einen einzigen Schauplatz, lässt die Dialoge dominieren und wählt sehr subtil seine satirisch-kritischen Untertöne zur damaligen Kriegssituation zwischen Serbien und Bosnien.

So sehr aber allerorten zu lesen ist, der Film sei eine scharfe Kriegssatire, so sehr sollte betont werden, dass Tanovic nicht ins überhöht Humorvolle großer Vorbilder wie "Three Kings" oder "Dr. Seltsam" abfällt. Dort wurden groteske Situation überspitzt kreiert, um Missstände sarkastisch hervorzuheben, etwa wenn in "Three Kings" eine unbeteiligte Kuh dran glauben muss oder der Militär in "Dr. Seltsam" kein Telefongeld hat, um die drohende Vernichtung der Welt zu verhindern. Tanovic entlarvt die Unfähigkeit der UN-Truppen, die Ziel- und Planlosigkeit der verfeindeten Völker auf noch subtilere Weise: er schraubt die Konstruiertheit des Plots auf ein Mindestmaß zurück und verfolgt einen beinahe völlig dokumentarischen Ansatz. Indem er das Geschehen scheinbar nur beobachtet, kaum Musik einsetzt und auf allzu platte Kalauer verzichtet, steigt der Realitätsbezug derart, dass man glauben könnte, der Film habe so stattfinden können.

Dieser Ansatz ist insofern besonders effektiv, als dass die Absurdität der Situation auf diese Weise noch deutlicher wird, der Film sozusagen dadurch an Schärfe gewinnt, dass er auf sie verzichtet. Denn während eben bei "Dr. Seltsam" oder "Three Kings" die Überhöhung den Gedanken an eine fiktive Konstruktion nie verschwinden lässt, so kann "No Man's Land" hier voll punkten. Letzten Endes wirken an Tanovics Film nur wenige Elemente absichtlich absurd, allen voran natürlich der Soldat, der für tot gehalten und auf eine Mine gelegt wird - eindeutig das stärkste (und konsequenteste) Element des Films.

Wenn man "No Man's Land" etwas vorwerfen kann, dann vielleicht die ein oder andere Charakterisierung: der Deutsche muss natürlich pünktlich erscheinen, die Reporterin ist selbstredend quotengeil und ihr Fernsehmanagment skrupellos, sofern man Exklusivmaterial bekommt. Aber Tanovic hält sich mit plumper Medienkritik glücklicherweise zurück, entlarvt auf bissige Weise die Unfähig- und Überflüssigkeit der UN-Truppen, zeigt aber auch die Sinn- und Handlungsunfähigkeit der verfeindeten Seiten. Während die einen immer nur "Yes, Yes, Yes" sagen, um einfach nur in Ruhe gelassen zu werden, schicken die anderen einen unerfahrenen Soldaten zur Grenze, weil es ja sowieso keine Rolle spielt und er in einer halben Stunde eh zurückkehrt.

Was Tanovic allerdings am besten hervorhebt, ist der unerklärliche Hass, der beide Seiten aufreibt. Warum Chiki und Nino nämlich derart verfeindet sind, ist den beiden selber nicht ganz klar und Tanovic macht in der leichten Annäherung der beiden sehr schön deutlich, dass unter anderen Umständen hier vielleicht nicht die beste Freundschaft entstanden wäre, aber doch problemlose Nachbarschaft - bestünde nicht die gesellschaftlich und religiös aufoktroyierte Feindseligkeit zwischen ihnen. Dabei scheint es längst nicht mehr darum zu gehen, warum der Krieg überstanden ist, sondern nur, wer ihn begonnen hat. Wie kleine Kinder streiten sich die beiden, wer denn nun mit dem Streit angefangen hat, aber Tanovic bleibt ebenso entschlossen und ernst, wenn es darum geht, die Eskalation konsequent ins Absurde zu führen.

Und so kommt schließlich das Unvermeidliche: beide Seiten überleben den Konflikt nicht, obwohl kein wirklicher Grund für ihren gegenseitigen Tod zu finden ist. Man hasst sich, weil man nun mal nicht zur selben Seite gehört, die persönliche Vernunft, die zwischenzeitlich sichtbar wurde, ist nicht stark genug, den gesellschaftlichen Konflikt zu überwinden. Man stirbt fürs Vaterland, aber warum, weiß keiner so recht.

Nachdenklich stimmende, vorbildlich leise Satire aufs Kriegsgeschehen


Thomas Schlömer