Spurwechsel
(Changing Lanes)

USA, 99min
R:Roger Michell
B:Chap Taylor, Michael Tolkin
D:Samuel L. Jackson,
Ben Affleck,
Toni Collette,
Sydney Pollack,
Kim Staunton
L:IMDb
„Better luck next time.”
Inhalt
Der ehrgeizige und erfolgreiche Anwalt Gavin Banek (Ben Affleck) ist auf dem Weg zu einem wichtigen Gerichtstermin. Er ist spät dran und schlängelt sich mit seinem Wagen durch den dichten Verkehr. Auf einer anderen Spur fährt Doyle Gipson (Samuel L. Jackson), ein Vater, der gerade um das Recht kämpft, seine Kinder zu sehen. Auch er ist in Eile, um rechtzeitig zu einem Gerichtstermin zu kommen. Die Entscheidung, ob er seine Kinder weiterhin sehen darf, hängt von einem viel beschäftigten Richter ab, der keine Zeit zu verschwenden hat. Oberflächlich betrachtet sind Banek und Gipson zwei völlig verschiedene Männer. Der eine ist auf dem besten Weg Karriere zu machen, der andere versucht fieberhaft, dem Abgrund zu entkommen. Ein kleiner Unfall genügt, um die beiden Fremden an den Rand der Selbstzerstörung zu führen.
Kurzkommentar
Eine Empfehlung gleich vorweg: Erwarten Sie von "Spurwechsel" keinen Action-Thriller nach Schema F. Hier wird weder geschossen, noch getötet noch gejagt. Stattdessen baut Regisseur Roger Michell ("Notting Hill") ein auf innere Spannung und die unerwartete Wendung konzentriertes Drama auf, das -so gut die Absichten auch gewesen sein mögen- letztlich den eigenen Anspruch auf Unvorhersehbarkeit zu Ungunsten seiner Glaubwürdigkeit verkauft.
Kritik
"Changing Lanes" ist nach längerer Zeit mal wieder ein Film, bei dem man mit der Bewertung stark ins Schwanken gerät. Einerseits ist die Ambition, intelligenteres Kino zu bieten als der übliche US-Mainstream, dem Film in jeder Sekunde anzumerken. Andererseits wandelt Roger Michells ("Notting Hill") neuester Streifen dazu auf teils einfach zu abwegigen, konstruierten Wegen. Es ist fast so, als wollen er und seine Drehbuchautoren Chap Taylor und Michael Tolkin Storyinnovation um jeden Preis erkaufen.

Das beginnt bei der zugegebenermaßen noch akzeptablen Ausgangssituation. Dass hier zwei grundverschiedene Menschen einen Unfall bauen, der für beide fast existenzielle Ausmaße hat, kann man als Prämisse vielleicht noch so gerade schlucken. Auch die aus dem Unfall (und anschließendem Prozess) resultierende Wut Gipsons ist genügend motiviert. Aber es kommt wesentlich stärker: jeder setzt dem anderen immer extremer zu, was, trotz aller Bemühungen der Drehbuchautoren und sauberen darstellerischen Leistungen, doch arg unglaubwürdig gerät.

So scheint Banek keinen anderen Ausweg zu sehen, Gipson unter Druck zu setzen, indem er dessen Bankkonto von einem Spezialisten tilgen lässt oder ihm gar die finale Hoffnung für das Sorgerecht seiner Kinder raubt! Auf der anderen Seite geht Gipson gar so weit, Baneks Auto zu manipulieren, so dass dieser umkommen könnte. Das mag angesichts üblich-platter Rachefilmchen, die aus den USA rüberschwappen, geradezu subtil sein, aber Michell etabliert (soweit ist das ja auch lobenswert) hier ein sehr ruhiges, auf Realismus pochendes Drama und folglich muss sich das Drehbuch auch an seinem Realismus- und damit Glaubwürdigkeitsanspruch messen lassen. So gesehen wechselt der Thriller desöfteren eine Spur zu viel und das an sich löblich zurückhaltende Drama hat an der Motivation und Reaktion seiner Charaktere mehrmals zu knabbern.

Überhaupt ist der Kern des Films durchaus ein dramatischer: zwei Personen, gedrängt, gestresst, gefangen in ihren kafkaesken Bürojobs, sozusagen vergiftet von ihrer Umwelt unternehmen Brutaleres, als ihnen unter anderen Umständen in den Sinn kommen würde. Immer wieder kommen sie zur Vernunft, nur um durch einen weiteren Hieb die neue Katastrofe heraufzubeschwören. Das mag ähnlich gesellschaftskritische Züge tragen wie Joel Schumachers "Falling Down" und ist doch ungleich subtiler. Taylor und Tolkin gelingt auch eine zunächst vorzügliche innere Spannung dadurch, dass man als Zuschauer weiß Gott nicht erahnen kann, welche Wendung der Film als nächste nehmen wird. Eben nicht ein konventionelles, vorhersehbares Rache-Drama zu bieten, daran ist der Ambitionscharakter von "Spurwechsel" deutlich zu erkennen. Umso bedauerlicher, dass der Preis, der für die Unvorhersehbarkeit bezahlt werden muss, die Glaubwürdigkeit ist. Und ohne die bleibt der Film einfach zu unbefriedigend.

Im Grunde ist die dramaturgische Überhöhung, die der Film unternimmt, furchtbar schade, denn nahezu alles andere ist sehr gut abgestimmt. Ein Yuppie-Anwalt und Ex-Alkoholiker mögen Klischeefiguren sein, aber nicht zuletzt dank Ben Affleck (selten meisterte er eine Rolle besser) und Samuel L. Jackson (makellos wie immer) sowie kleiner Charakterisierungsmerkmale kann man die Figuren akzeptieren. Auch die Partnerinnen beider Protagonisten sind fein integriert: Toni Collette als Baneks Sektretärin und kleine Affäre, Amanda Peet als Baneks Frau (mit der stärksten Rede des Films), Kim Staunton als Gipsons Frau Valerie (mit der bewegendsten Szene des Films) sowie Sydney Pollack (mit perfektem Charisma) haben alle kleine und dennoch wichtige Nebenrollen.

Und dennoch: "Spurwechsel" mag ein lobenswert ruhiges, auf innere Spannung konzentriertes Drama sein. Als befriedigender Thriller kann er aufgrund der Abstriche in Sachen Charaktermotivation und Handlungsglaubwürdigkeit nicht gelten.

Ambitionierter, leider zu konstruierter Thriller


Thomas Schlömer