Insomnia - Schlaflos
(Insomnia)

USA, 118min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Christopher Nolan
B:Nikolaj Frobenius, Erik Skjoldbjærg, Hillary Seitz
D:Al Pacino,
Robin Williams,
Hilary Swank,
Maura Tierney,
Martin Donovan
L:IMDb
„We didn´t murder, we killed”
Inhalt
Der erfahrene Detective Will Dormer (Al Pacino) reist mit seinem Partner Hap (Martin Donovan) von Los Angeles nach Alaska, um den Mord an einer 17-Jährigen zu untersuchen, der die Bewohner einer verschlafenen Kleinstadt nördlich des Polarkreises aufgeschreckt hat. Hier geht die Sonne im Sommer nie unter, und bald haben Will und Hap eine heiße Spur. Als sie dem Hauptverdächtigen, dem zurückgezogen lebenden Autor Walter Finch (Robin Williams) eine Falle stellen, flieht der in dichtem Nebel über den Felsstrand. Schüsse peitschen durch den Dunst und Hap bricht tödlich getroffen zusammen. Will fühlt sich für den Tod seines Kollegen verantwortlich und wird plötzlich von dem ausgekochten Finch bedroht, der dem Cop ein psychologisch ausgeklügeltes Katz-und-Maus-Spiel aufzwingt. Die Situation spitzt sich zu, als die intelligente Nachwuchspolizistin Ellie Burr (Hilary Swank) eigene Schlüsse zieht und Wills Vorgehen in Frage stellt. Es ist nicht nur die Mitternachtssonne, die Wills Schlaflosigkeit provoziert.
Kurzkommentar
Mit „Memento“ rollte sich für Christopher Nolan in Hollywood der rote Teppich aus, einher ging damit allerdings auch ein enorm hoher Erwartungsdruck an „Insomnia“. Auch wenn hier niemand einschläft, hätte dem Film ein Schuss mehr Krimikonvention nicht geschadet. Ansonsten ist der behäbige Psychokrimi um einen Polizisten im Moralsumpf auf konsequent hohem Niveau. Besonders begeistern die Ausnahmedarsteller, voran Al Pacino und Robin Williams. Christopher Nolan zeigt ihr Ringen mit halluzinatorischen Momenten und einer handwerklich perfekten, reichen Bildsprache.
Kritik
Dass der erst zweite Film eines Jungregisseurs gleich für den Oscar vorgeschlagen wird, kommt selten vor. Mit der Karriere des 31-jährigen Briten Christopher Nolan ging es im letzten Jahr rasend voran. „Memento“, die Ursache dafür, lief hingegen rückwärts. Der als Kultfilm gehandelte Psychothriller um mangelndes Erinnerungsvermögen strapazierte Sehgewohnheiten wie Erzählkonventionen gleichermaßen. Weil zu viel Rückschritt aber jeder Erfahrung widerspricht, bringt Nolan die Chronologie für seinen neuen Film ins vertraute, gradlinige Format. Und da alle Welt über „Memento“ sprach, war klar, dass das Regietalent viel prominente Unterstützung und Zulauf für seinen nächsten Film erwarten konnte.

Mehr noch, man riss sich um ihn. Den Zuschlag als Produzenten haben George Clooney und Mentor Steven Soderbergh erhalten, gleich mitgeliefert haben sie in etwa das Zehnfache des „Memento“-Budgets. Nicht kleckern, sondern klotzen war dann eindeutig auch die Devise der Besetzungsliste: Al Pacino, Robin Williams und Hillary Swank („Boys don´t cry“). Für Nolan sind sich sogar drei Oscarpreisträger nicht zu schade. Beste Voraussetzungen also, um zu demonstrieren, dass Nolan auch im großen Rahmen hohes Niveau hält. Da mag es zuerst enttäuschen und wie ein unoriginell kommerzieller Absturz klingen, dass „Insomnia“ tatsächlich das Remake eines gleichnamigen norwegischen Films von 1997 ist. Nur den Ort des Geschehens transportiert Nolan von Norwegen nach Alaska.

Dorthin, wo die Sonne nicht untergeht und auch das Gewissen keinen ruhigen Schlaf findet, wird der Zuschauer gleich mit der famosen Einleitungssequenz entführt. In gewaltigen, kühlen Bildern gleitet ein Kleinflugzeug über eine bizarre Eislandschaft, untermalt von einem tranceartig bedrückenden Klangteppich. Kameraarbeit wie Schnitt sind von Beginn an enorm stilvoll und knüpfen auf andere Art an die Qualität der Bilder von „Memento“ an. Sicher, dass Al Pacino mal wieder für die Rolle des greisen Bullen eingespannt wurde, wirkt ein wenig breitgetreten. Da aber bei Nolan ein 08/15 Ermittlungsthriller natürlich undenkbar und stattdessen alles differenzierter ist, wirkt die Rolle des Polizisten im Moraldilemma selbst für Pacino herausfordernd.

Dieser ist dann auch gleich unbestrittenes Zentrum, um das sich der Rest zu gruppieren hat. So auch Hillary Swank und Robin Williams. Erstere wird bei so viel Pacino-Präsenz fast marginalisiert. Ihr bleibt nur die typisierende Rolle des aufrichtigen, kaum abgebrühten Neulings mit unbefleckter Wertewelt. Das gibt Swank aber immerhin als sichere Vorstellung, von Nolan sehenswert zweckmäßig als Charakter integriert. Ohne Pacino, der hier nichts weniger als ein Gravitationszentrum ist, wäre „Insomnia“ jedoch nur die Hälfte wert. Es zählt weniger die narrative Raffinesse als schauspielerisches Gewicht. Nolan gibt Pacino viel Zeit, um in einer Galavorstellung das Psychogramm eines Ermittlungsveteranen zu entwerfen, der im Grunde als tadelloses Vorbild des Guten dienen könnte, allerdings im moralischen Dschungel von Schuld und Unschuld zusehends die Orientierung einbüßt.

„Insomnia“ ist, wie die Konsequenz des Titels schon nahe legen könnte, somit auch eine Verfallsstudie. Er ist es mehr als gewöhnlicher Kriminalthriller und verstößt sogar gegen dessen Prinzipien, weil kein großer Hehl daraus gemacht wird, wer hier wen umgebracht hat. Das ist sogar relativ schnell klar und tritt zugunsten der Ambivalenz der Hauptfigur in den Hintergrund. „Insomnia“ ist auch weniger im gebräuchlich einfachen Sinne spannend als vielmehr ungewöhnlich fesselnd. Was sich psychologisch in Will Dormer (Pacino) abspielt, entwickelt Nolan in teils psychedelisch-traumartigen Bildern. Sie gießen den eher langsamen Erzählrhythmus in perfekt unterkühlte Form und funktionierend als Metaphern für Seelenzustände, für Schlaflosigkeit und Wahn.

Pacino torkelt begnadet pointiert durch die Szenerie, jedoch zu lange alleine. Denn „Insomnia“ hätte großartig sein können, wenn Robin Williams früher ins Spiel gekommen wäre. Das ist aber erst nach fast der Hälfte der Fall, wodurch die Begegnungen der beiden Kontrahenten etwas zu kurz kommen. Immerhin sind diese Szenen des psychologischen Seilziehens wirklich eindringlich und im unverzichtbaren Showdown um die obligaten Actionelemente ergänzt. Enorm versiert spielt Williams bis dahin gegen sein Weichwäscherimage an gibt sich mit Pacino auf gleicher künstlerischer Höhe. Über melancholischen Stimmungen und eleganter Fotografie hätte „Insomnia“ letztlich die Spannungskurve straffen sollen. Aber auch so ist Christopher Nolans erst dritter Film ein reifes Werk.

Stilvoll begnadeter Darstellerkrimi mit leichten Suspenseschwächen


Flemming Schock