8 Frauen
(8 femmes)

Frankreich, 103min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:François Ozon
B:Robert Thomas,François Ozon, Marina de Van
D:Catherine Deneuve,
Isabelle Huppert,
Emmanuelle Béart,
Fanny Ardant,
Virginie Ledoyen
L:IMDb
„Eine Invertierte!”
Inhalt
Frankreich in den 50ern: In einer verschneiten Villa trifft sich eine Großfamilie, um die Weihnachtstage miteinander zu verbringen. Doch anstatt der trauten Bescherung findet man das Familienoberhaupt ermordet unter dem Weihnachtsbaum. Die Mörderin kann sich nur unter den 8 Frauen befinden, die dem Mann am nächsten standen... 8 Frauen, jede ist verdächtig, jede hat ein Motiv, jede birgt ein Geheimnis. Sie sind schön, temperamentvoll, intelligent, sinnlich und gefährlich. Eine von ihnen ist schuldig, aber welche ist es?
Kurzkommentar
Das Regietalent Francois Ozon schickt die Creme der französischen Schauspielweiblichkeit aufs bunt überdrehte Parkett. "8 Frauen" bedeutet in seiner einfallsreichen Vermischung von Krimisatire und Musical enorm intelligenten und künstlichen Charme. Als ironisch erotischer Kampf der sich nichts schenkenden, hintertriebenen Biester ist der wuchtig weibliche Spaß rechtens Gewinner der Berlinale.
Kritik
Dass einem Film etwas unsagbar Wunderbares, Verzauberndes anhaftet, ist nicht mehr alltäglich. Kommt einem also das alte Wort von der Magie des Kinos ins Gedächtnis, dann in letzter Zeit vielleicht in Verbindung mit dem französischen Film. Natürlich, auch dort ist der Durchschnitt eben nicht wundervoll, aber mit "Amélie", dem letztjährigen Volltreffer ins Herz, kam einer der sagenhaftesten Filme der jüngeren Zeit aus Frankreich. Er war artifiziell, bund, sprudelnd von Phantasie und Lust, Lust auf alle Gesten, die aufs Leben verweisen. Dies mag das Erfolgsrezept des so erfindungsreichen französischen Autorenfilms sein. Auch Francois Ozon, das neue Wunderkind der Filmnation, scheint auf dieses Rezept zu schwören.

Das geschieht mit Erfolg, und das nicht nur in Frankreich. Kritiker und Publikum auf der diesjährigen Berlinale schienen betäubt vor Entzückung und schließlich drängte die feminine Gewalt der "8 Frauen" alle Wettbewerber auf die Statistenplätze, sicherte sich den silbernen Bären. Wird bei so viel Hysterie der Begeisterung der klare Blick getrübt? Keineswegs, denn bei aller Simplizität und partieller Altbackenheit sind "8 Frauen" einfach zu viel, um nicht mitgerissen zu sein, sie sind, kurz, eine Wucht. Für uns mag nur die nicht altern wollende Legende Catherine Deneuve ein wirklicher Begriff sein, in Frankreich allerdings - und das ist natürlich Erfolgskalkül - stehen alle acht Darstellerinnen im Schauspielpantheon. Und die Idee nun, sie alle sich vor einer theatergleichen Kulisse ausspielen zu lassen, ist so simpel wie einmalig in der Entfaltung.

Dass Ozon sich dabei vor allem der Modifikation eines klassischen Agatha Christie-Szenario bedient, klingt ja nach gar nicht so viel Phantasie. Und sicherlich, was dies betrifft, würde "8 Frauen" im Vergleich mit "Amélie" ausscheiden, allerdings divergieren die Filme wie Tag und Nacht. Geht es "Amélie" um den schrillen Traum von der Liebe, so handeln "8 Frauen" von der ironisch gefeierten Zerstörung derselben unter dem unerbittlichen Terror des Matriarchats. Das klingt nach schwarzem Spaß. So ist es auch, und noch viel mehr. Nachdem der Tote entdeckt und der aufgesetzte Schrecken verflogen ist, heißt es Vorhang auf für die schwer originelle Biesterrevue, die alles hervorkehrt, nur keine Glaubwürdigkeit. Aber dass es darum Ozon nicht geht, steht umgehend fest.

Seine Synthese aus wild überpinselter Krimikulisse, Diven- und Neurosenshow integriert sogar Musicalelemente, die dem Eindruck nach zuerst einmal aus der Form fallen. Die singenden Solo- und Duettnummern der Acht überrumpeln, wirken erst deplaziert. Doch bis zum Ende des bizarren Kompromitierens hat jede seine Galavorstellung gefeiert und längst hat man sich auf Ozons freche Art, so das Geschehen aufzulockern und getönt zu kolorieren, eingelassen. Das hat es aber sogar nicht nötig, denn die acht scheinheiligen Weibsbilder haben es verschärft hinter den Ohren. Nach dem Theaterstück von Robert Thomas ist jeden von ihnen zwar typisiert und klischeehaft überzeichnet, aber zum einen ist das das leicht surrealistische Konzept des ganzen Filmes und zum anderen ist es schwer vergnüglich. Es ist schon eine Lust, wie nach und nach mit gekünstelten Theatergehabe immer neue Masken fallen, wie hysterische Wogen mit homosexueller Stimmung verschmelzen.

Doch vor allem gelingt es "8 Frauen", dem selbstinszenierten Befragungskrimi immer neue, absolut wahnwitzige Wendungen zu verleihen. Kaum glaubt der Zuschauer, dem einen, neu ersponnenen Wahrheitskonstrukt nun nachhängen zu dürfen, explodiert die nächste Überraschung. Dramatische und komische Elemente reichen sich dabei in perfekter Balance die Hand. Das hat zudem noch bestechend viel Eleganz und Stil, aber das ist nur polierendes Beiwerk. Denn das Originellste liegt doch darin, dass der einzige zu sehende Mann nur mit Messer im Rücken eine Rolle spielt. Hätte ihn schon der Egoismus jeder Einzelnen geschafft, so ist das intrigante Achter-Kollektiv mit seinen ständig invertierenden Gesichtern eine wirklich schrille und sich wundervoll schließende Matriarchatssatire. Die Waffen der Frau sind eben doch die fatalsten.

Fantasievoll übersteigerter Feminismus-Spaß mit unschlagbarem Ensemble


Flemming Schock