Herr der Ringe, Der - Die Zwei Türme
(Lord of the Rings, The - The Two Towers)

USA / Neuseeland, 179min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Peter Jackson
B:J.R.R. Tolkien,Peter Jackson, Frances Walsh, Philippa Boyens
D:Miranda Otto,
David Wenham,
Brad Dourif,
Karl Urban,
Bernard Hill
L:IMDb
„Eine rote Sonne geht auf. Es ist viel Blut vergossen worden”
Inhalt
Nach Boromirs Tod und Gandalfs Sturz in den Schlund von Khazad-dûm mussten sich die Gefährten trennen: die Hobbits Frodo (Elijah Wood) und Sam (Sean Astin) haben sich in den Bergen von Emyn Muil verlaufen, Aragorn (Viggo Mortensen), der Elbenschütze Legolas (Orlando Bloom) und Gimli der Zwerg (John Rhys-Davies) stossen in das schwer bedrängte Königreich Rohan vor, wo der einst große König Theoden (Bernard Hill) unter Sarumans tödlichem Bann dahinsiecht, und die gefangenen Hobbits Merry (Dominic Monaghan) und Pippin (Billy Boyd) befinden sich in den Klauen der Uruk-hai. Doch nur gemeinsam können sie sich den gewaltigen Mächten stellen, die von den Zwei Türmen ausgehen: Orthanc in Isengard, wo der korrupte Zauberer Saruman 10.000 Krieger zu einer tödlichen Streitmacht heranzüchtet, und Saurons Festung Barad-dûr, tief in den finsteren Gefilden von Mordor.
Kurzkommentar
Mit erwartungsgemäßem Perfektionismus führt Peter Jackson seine „Herr der Ringe“-Interpretation weiter. Auch wenn humorlose Buchpuristen erneut den Vorwurf der fehlenden Werktreue an „Die zwei Türme“ erheben mögen, so ist der Film für ein gesund unbedarftes Publikum das reinste Evangelium eines fantastischen Abenteuers. Mit archetypischen Handlungsmotiven, einem idealen Ensemble und einem Heer an begnadeten Computerkünstlern und Statisten ist die Fortsetzung der größten Schlacht zwischen Gut und Böse ein beispielloses, sinnlich überwältigendes Epos. Das macht den besten Film des Jahres.
Kritik
Beide erzählen und irgendwann einmal ist der Film durch die dramaturgische Schule des Romans gegangen. Und doch sind, das wird bei Literaturverfilmungen gerne vergessen, Film und Buch zwei unterschiedliche mediale Formen, die kaum aufeinander zu übertragen sind. Da macht jeder Vergleich wegen der Autonomie der beiden Ausdrucksformen nur bedingt Sinn. Das unterscheidende Detail liegt in Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Narratologie: im Falle des Epos als Großform der Romans ist die Wirksamkeit des Erzählten an sprachliche Feinarbeit und an die konstruktive Phantasie des einzelnen Lesers gebunden. Hier entsteht die Welt im Kopf und immer ist sie einzigartig. Die Vorstellungskraft des Lesers kann ergänzen, weiterträumen, modellieren.

Die Grenzen der Sprache mögen damit erst der Anfang der Phantasie sein. Ein jeder nun, der im letzten halben Jahrhundert den gewaltigen Weltentwurf Tolkiens gelesen hat, erlebt Mittelerde persönlich, und das beginnt schon mit jedem einzelnen Protagonisten des Werks. Ein Buch ist demnach sozusagen immer eine kollektive Fiktion, weil sie, wie „Der Herr der Ringe“ zeigt, an eine große Gemeinschaftsphantasie appelliert, die Millionen in ihren Bann zieht. Sie ist aber eben auch immer die individuelle Fiktion eines privaten Leseerlebnisses. Was banal klingt, hat den großen Clash der „Weltbilder“ und Erwartungshaltungen zur Folge, wenn es heißt, diese Fiktionsebenen in einer anderen Ausdrucksform zu versöhnen. Entgrenzt ein Buch die Phantasie, so ist das Dilemma der Bildsprache ausgerechnet die Begrenzung.

Verlagert der Regisseur die bis dato nur in den Köpfen existierende Vision einer Welt auf die Leinwand und destilliert damit vielleicht nur seine singuläre Interpretation, geht also zwangsweise das große Gemurre los. Erklärte Fans, wortgeschichtliche vom Fanatismus kommend, sehen gerade im Falle des „Rings“ ihren heiligen Gral der komplexen Phantasie angerührt. Tolkiens archetypisches Epos gilt im Grunde als unverfilmbar. Ist es wohl auch, aber nur dann, wenn man ideologischem Unsinn verfällt und einen Film rigoros auf der Folie der Buchvorlage zu lesen beginnt. Da mag die interpretierende Übertragung des Stoffes auf die Möglichkeiten der Leinwand noch so behutsam vollzogen sein – bei dramaturgischer Freiheit droht Wut der Buchgemeinde, die alles zeilengenau sehen will. Das geht so nicht.

Eine Verfilmung ist die Auslegung eines Buches mit dem simplen Recht auf größtmögliche Freiheit im Umgang mit dem Stoff. Das bedingt sich schon durch das im Film prinzipiell andere Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit. Ein Film arbeitet mit den Leitmotiven der Buchvorlage, verdichtet und konzentriert ihre Handlungsstränge. Wie das genau aussieht, ist „künstlerisches Recht“ des Regisseurs. Dessen Freiheit endet jedoch da, wo Grundaussagen des Buches verfälscht werden. Dann jedoch vorschnell von Vergewaltigung „der“ Autorintention zu sprechen, ist auch wiederum problematisch. Denn wer kennt die. So kann es, sind die Prämissen falsch, zur frustrierenden Erfahrung werden, die Filmversion des ehemals privat Gedachten zu erleben. Allen Erwartungen zu entsprechen, ist sowieso Utopie.

Wenn eingeschworene Buchjünger sich über die Fixierung auf Nuancen der Vorlage den Blick für die Großartigkeit der „Zwei Türme“ verbauen und sich in vergleichender Detailnörgelei verlieren, mag man froh sein, das Buch nicht gelesen und den Blick frei zu haben. Denn so reißt Peter Jackson und die Arbeit seines hundertköpfigen Teams den Zuschauer hinein in eine Welt mit zwar definitivem Bildausdruck, in der die Phantasie des Einzelnen nur mehr eine passive Rolle spielt. Aber das ist eine Welt, in der archetypische Motive des Fantasy-Genres sagenhaft Wirklichkeit werden. Das war im Kino vor der hysterischen Tolkien-Renaissance in den letzten Jahren praktisch nicht vorhanden. Schon deswegen ist der zweite Teil der Film-Saga wieder eine Offenbarung.

Er ist aber noch viel mehr, denn als Gemeinschaftsleistung von Hunderten, vielleicht Tausenden schafft es „Die zwei Türme“ tatsächlich, den ersten Teil noch zu übertreffen. Man kommt hier in die seltene Verlegenheit, nach begrifflichen Superlativen zu suchen, die es nicht gibt. Dieses Werk sollte als das genossen was es ist, nämlich als beispielloses Kunstwerk, als Annäherung an das Idealbild jenes Typs der Fantasy, in der es um nichts anderes als geht als den ultimativ simplen Konflikt von Protagonist und Antagonist, von Gut und Böse in archaischer Zeitlosigkeit. Der Handlungskatalysator ist klar und für alle Zeiten gültig: die Guten träumen ein Arkadien, eine natürliche Welt vor jedem Diktat durch seelenlose, zweckrationelle Industrialisierung, und eben das gilt es zu bewahren.

Damit bedient Tolkien und jetzt Jackson in ebenbürtiger Entsprechung immerwährende Sehnsüchte nach einer diffusen, unerreichbaren Weltidylle, den wehmütigen Blick durch die Brille der „Romantik“ zurück in eine Zeit, in der die Welt noch unmittelbare Ganzheitserfahrung war. Die Romantiker fanden diese Schablone im christlichen Mittelalter. Dieser groben Vorstellung entspricht auch das Aussehen von Mittelerde, angereichert um allerlei eben fantastische Kreaturen, die dem Weltenkampf mehr Varianten geben. Im Buch mag es nun mit leicht ersichtlichem Grund anders sein, dass aber das treibende Moment der „Zwei Türme“ allein der pompöseste Schlagabtausch vom Gut-Böse-Dualismus ist, hat allen Grund. Denn um breite Charakterpsychologie braucht es hier nicht zu gehen.

Der Film verkörpert, wie gesagt, ohnehin nur Archetypen „abendländischer Kulturgeschichte“: den vom aufrichtigen König, vom mutigen Kämpfer, vom kleinen, aber nicht weniger mutigen Mann (Frodo), vom niederträchtigen Tyrannen, vom verschlagenen Außenseiter samt labiler Wertvorstellungen und schizophrener Tendenzen (Gollum). Die virtuelle Umsetzung des Letzteren, der zum digitalen Hauptdarsteller wird, markiert übrigens nur einen der Markpunkte, die dieser Film für die Tricktechnik setzt. Der Oscar dafür ist sicher und zu klagen, als Effektfilm sei das reine Blendung und seelenloser Zauber, würde heißen, die Augen vor einem Meilenstein des Kinos zu verschließen, der wirklich mit Leidenschaft aller Beteiligten entstanden ist.

Damit darf das Achsengeschehen fünfzig Jahre, nachdem Tolkien den Anfang für ein Genre setzte, auf uns durchaus grob und einfältig wirken, Rollen und Charaktere oberflächlich, nicht differenziert – was zählt ist, dass das Darstellerensemble Identifikationsträger reinsten Wassers bietet, eine ewig funktionierende Geschichte souverän trägt und genauso makellos ist wie die Komposition des restlichen Films. Dass Jackson vor einem Jahr alle drei Teile auf einmal drehte, zahlt sich nun aus, denn nach dem Kinostart der Gefährten hatten alle Beteiligten ein Jahr Zeit, Material, Schnitt und Ton auf dem Schneidetisch und im Computer ohne Zeitdruck zu perfektionieren.

Das Ergebnis steht da wie ein einsamer Koloss, eine die Sinne überwältigende Symphonie, die von dem erzählt, was den Frieden scheinbar so interessant macht: der große Krieg. Szenen der Ruhe haben angemessen salbungsvoll ätherische Atmosphäre und bieten auch dem Zuschauer ein willkommenes Kraftschöpfen für den nächsten Kampf unserer Helden gegen alle Ausgeburten der Dunkelheit. Für sie hat sich die Anzahl der Spezialeffekte verdoppelt und wuchtet sich dem Zuschauer nun vor der erhaben fotografierten Postkartenlandschaft in nie da gewesener Güte entgegen. Visuell macht dieser Film Epoche. Jede computergestützte Sekunde, jede Einstellung gibt dieser majestätischen Welt Glaubwürdigkeit und enorme Stimmung. Der Handlungsstrang ist ein einziges Hangeln vom gesamttechnischen Zenit zum nächsten.

Ton, Musik, Schnitt und die erzählende Kamera kleiden die schlicht atemberaubende Arbeit der Computergrafiker in einen der besten Filme der letzten Jahre. Dass dessen Größe aus seiner Technik erwächst, ändert daran nichts. Und wenn man episch mit einem breit angelegten, bis ins Detail mitreißenden Weltentwurf übersetzt, der nichts anderes will, als einen entführend mitreißen, dann ist Peter Jackson, dem Dirigenten und seinem Team ein monumental zu nennendes Epos gelungen. Es übersteigt das bisher filmtechnisch Vorstellbare in aufsteigender Kurve bis zur letzten Schlacht bei weitem. Es fällt schwer, nach drei Stunden diese gewaltige Phantasie verlassen und in den verhältnismäßigen Frieden zurückzukehren – und ein Jahr warten zu müssen. Hierfür gibt es kosmetischen Punktabzug und für das Ende der Trilogie historische Höchstwertung.

Pathetisch-epische Offenbarung jenseits jeden Superlativs


Flemming Schock