Wenn der Nebel sich lichtet
(Limbo)

USA, 126min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:John Sayles
B:John Sayles
D:David Strathairn,
Mary E. Mastrantonio,
Vanessa Martinez
L:IMDb
„Augenblicke der Gnade”
Inhalt
Julenau ist ein tristes Fischernest im weiten Alaska, dessen Gesicht nur noch blasse Züge von Fischereiromantik und Goldgräbervergangenheit aufweist. Hier ist die Realität trostlos gleichförmig, der Fischfang von Rezession und die Menschen von Schicksalsergebenheit und Existenzängsten gezeichnet - jeder kämpft mit sich selbst. Joe Gastineau (David Strathairn), ein ehemaliger Fischer, hat in seiner Vergangenheit viel Unglück erfahren, meidet seit einem Bootsunfall mit tödlichem Ausgang das Meer und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Der Sängerin Donna (Mary Elizabeth Mastrantonio) ergeht es nicht besser. Ihr Gesang ist in heruntergewirtschafteten Pubs zu hören, brachte ihr nie genug Geld ein und zusätzlich hat sie Pech mit den Männern. Ständig zieht sie zum Leidwesen ihrer Tochter Noelle (Vanessa Martinez) von einer Stadt zur nächsten und ist eigentlich nur für ein paar Auftritte in Julenau. Ihre letzte Affäre erst frisch beendet, weckt der zurückhaltende Joe ihre Neugier und die Hoffnung, endlich den Richtigen gefunden zu haben. Bald kommen die beiden sich näher und Joe nimmt Donna und Tochter mit auf einen Segeltörn, um den ihn sein Bruder bittet. Dieser verschweigt erst seine wahren Beweggründe für den Törn und wird plötzlich erschossen. Joe flüchtet sich vor den Killern mit den beiden Frauen in die Wildnis einer Insel. In einer Zwangsgemeinschaft aufeinander angewiesen, stehen die drei vor einer Robinsonade.
Kritik
Es ist schon etwas besonderes, dass es John Sayles schaffte, über 30 Jahre kreative Unabhängigkeit zu bewahren. In dieser Zeit drehte er zwölf kleine, intelligente Filme, die seinen tadellosen Ruf begründeten. Da es ihm als konsequenter Independent-Regisseur nicht ums Geldverdienen, sondern einzig um das Erzählen von Geschichten geht, finanziert er sich durch andere Tätigkeiten, so z.B. als anonymer Verbesserer der Drehbücher großer Hollywood-Produktionen wie 'Apollo 13'. Auch sein neuestes Werk wird ihm nicht viel Geld, doch aber wieder Ansehen einbringen, da der Film hier noch um seiner selbst Willen als reiner Kunstausdruck und nicht als Wirtschaftsfaktor entsteht. 'Wenn sich der Nebel lichtet' war in diesem Jahr offizieller Wettbewerbsbeitrag in Cannes und lässt sich, wie die vorigen Sayles-Werke auch, nur schwer in Genrekonventionen zwängen. Zwar könnte man aufgrund des Inhaltes annehmen, es handelte sich um einen Thriller- oder Abenteuerstreifen, doch dafür ist er zu nachdenklich, zu ruhig. Vielmehr ist er bildlicher Ausdruck existentieller (Rand-)Zustände der Erwartung und Hoffnung.

So ist der amerikanische Titel 'Limbo' eine Entlehnung aus einer mittelalterlichen katholischen Lehre: Der 'Limbus' (lat. 'Rand') wurde als vager Aufenthaltsort der vorchristlichen Gerechten und der ungetauft gestorbenen Kinder verstanden. Der deutsche Titel 'Wenn der Nebel sich lichtet' kennzeichnet metaphorisch den Gesamtzustand des unfertigen Verharrens, Suchens und der die Existenz bestimmenden Zweifel. Die Leitmomente von Sayles sind nicht im Geschehen an der Oberfläche zu suchen, vielmehr dient ihm das spätere Stranden auf einer einsamen Insel nur als Rahmen für den Entwurf tiefer Menschlichkeit, wie sie so nur selten im Film zu sehen ist. Geistreich verknüpft Sayles durch die Person von Joes kleinkriminellem Bruder die erste mit der zweiten Hälfte des Filmes, dem eigentlichen Robinsonadeteil, einem Archetypus des Verlorenseins, der jedoch schon von Beginn an in der Existenz der Einzelnen Entfaltung findet.

Die drei Hauptpersonen Joe, Donna und ihre Tocher sind von seelischen Wunden gezeichnet, die in der Einsamkeit Alaskas nur schwer verheilen. Die innere Gefühlswelt scheint ihre äußere Entsprechung in der Starre der Umwelt zu finden. Joe Gastineau, in der Jugend eine vielversprechender Basketballspieler, ist seit dem Bootsunfall wie paralysiert und schweigsam. Melancholisch verharrt er zwischen weit entfernter Vergangenheit und Mutlosigkeit der Gegenwart. Sängerin Donna hat zwar noch nicht resigniert, doch ringt sie ständig mit der Unbestimmtheit des Lebens, zusätzlich belastet durch die unklare Beziehung zu ihrer Tochter Noelle. Das Miteinander von Mutter und Tocher ist von unausgesprochenen Erwartungen und Verständnisproblemen geprägt. Gerade der kritische Selbstfindungsprozess der pessimistischen Noelle begründet sich in Verschwiegenheit aus verlorenem Mut. Nicht Naivität, sondern tiefe Einsicht scheint ihr zueigen.

Hilflos in eine erstickende Gefühls- und Gedankenwelt verstrickt und einen inneren Kampf austragend, entzieht sie sich ihrer Mutter und wird auf sich selbst zurückgeworfen. Sayles vermag es, die Geistesverfassung der Handelnden in die subtile Betrachtung eines Gesellschaftspanoramas einzubetten. Hätten schon die drei Einzelschicksale genügend Einzelerzählstoff geboten, so ist das Aufeinander-angewiesen-sein in der Wildnis Sprungbrett für die Auslotung menschlicher Seins, das frei von klischeehaftem Kitsch und zutiefst wahr ist. Kunstvoll rückt Sayles die die Merkwürdigkeit der menschlichen Seele in den Mittelpunkt und lässt die Drei zur Vorstellung einer Urfamilie zusammenwachsen, in der Vertrauen und Mut gewonnen wird. Noelle, schriftstellerisch talentiert, findet erstmals einen abstrakten Weg, ihre Empfindungen verschlüsselt zu artikulieren. In ruhigen, brillianten Kameraaufnahmen des Oscar-Preisträgers Haskel Wexler agieren die Schauspieler ausnahmslos überzeugend und vielschichtig. Denn das ist es, was John Sayles leistet: Eine großartige, an amerikanische Romane erinnernde Erzählweise, die in würdiger Ruhe verletzte Seelenzustände, Undurchsichtigkeit und authentische Gefühle feinsinnig reflektiert. Das schockierend abrupte Ende ist genial, provokant mutig und fordert den Besucher zu nachhaltiger Rezeption auf.

Sensibel und geistreich erzähltes Gefühlskino - ein Juwel


Flemming Schock