High Speed Money
(Rogue Trader)

England / Kanada, 101min
R:James Dearden
D:Ewan McGregor,
Anna Friel,
Yves Beneyton
L:IMDb
„Dominiere die Informationskurve”
Inhalt
1995 verursacht ein einziger Mann die größte Finanzkatastrophe in der englischen Geschichte. Nick Leesen (Ewan McGregor), Sohn einer Arbeiterfamilie, schafft es trotz Mittelklassediplom durch Risikofreudigkeit und Geist in die elitären Finanzkreise der ehrwürdigen Londoner Barnings Bank vorzudringen. Zudem liiert er sich glücklich mit der Tochter eines Magnaten. Schon bald eröffnet sich seinem Talent der Weg nach Singapur, wo er als Leiter eines Spekulationsteams an der Börse das Geld anderer Leute hin- und herschiebt. Sein Draufgängertum führt zu eminenten Umsatzförderungen der Barings Bank, bis sein Leichtsinn fatale Folgen hat: Die für ihn zur Bessenheit gewordenen Spekulationen führen zu Milliardenverlusten und die Barings Bank in den Ruin.
Kurzkommentar
Die Filmumsetzung eines authentischen Erlebnisberichts scheitert am Problem, den abstrakten Börsenstoff einem Laienpublikum zugänglich zu machen. Ohne Rücksicht auf das Unverständnis von Normalsterblichen zu nehmen, ist die Aufbereitung der Börsenmaterie verwirrend realistisch und nur noch vom Fachauditorium zu verstehen. Auch wenn sich Ewan McGregor sichtbar ins Zeug legt, entschlummert der Unbewanderte inmitten kryptischen Spezialvokabulars und dramatischer Untauglichkeit.
Kritik
Es ist der Stoff, wie ihn normalerweise nur die Traumfabrik des Kinos erfindet, doch diesmal soll es ein Abbild der Wirklichkeit sein. Die beispiellose Karriere des Nick Leesen, sein kometenhafter Aufstieg und Fall vom Börsenguru zum Gefängnisinsassen, war 1995 tatsächlich in aller Munde. Wenn nur ein Mann eine der ältesten Banken Londons erst in den Finanzhimmel hebt und dann in den Ruin treibt, klingt es für die Realität eigentlich allzu phantastich.

Klar, dass die Forderung nach einer Filmadaption sofort aufkam und jetzt, wo der Erlebnisbericht Nick Leesons ('Rough Trader: How I brought down Barnings Bank and shook the financial World') als Quasidrehbuch vorliegt, befriedigt wird. Nur wie soll eine Aufbereitung fürs Leinwandpublikum erfolgen, wenn eine spezielle Wirtschaftsmaterie eine eigene Wissenschaft und den Kernpunkt der Geschichte ausmacht? Denn das Schicksal von Nick Leeson wurde an und durch die Börse geschrieben, einem chaotisch-abstrakten Zahlenkosmos, in dessen undurchsichtige Logik Außenstehende erst nach Wochen Orientierung finden.

So entpuppt sich dummerweise der authentische Vorfall als im höchsten Maße filmungeeignet, es sei denn, die Rezipientengruppe wird ohne Umwege von der Börse rekrutiert. Die undankbare und denkbar diffizile Aufgabe der Umsetzung fiel James Dearden zu, der auf eine nicht gerade großartige Filmographie zurückblickt: in 22 Jahren drehte er ganze drei, nicht besonders erwähnenswerte Filme. Das, was ihm mit der Realisierung von 'High Speed Money' im Vorfeld gutzuschreiben ist, ist die gehörige Portion Mut, mit der man sich auf einen Börsenfilm einlässt. Zugegebenermaßen ist es schwierig, aus dem vertrackten Stoff eine Art 'Wall Street' zu basteln, ohne alles unsäglich verflachen zu lassen.

Und so entschied sich Dearden für eine relativ buchnahe Adaption, die nun leider nicht den Spagat zwischen verständlicher Börsentheorie und Unterhaltsamkeit schafft. Zwar ist das Resultat einerseits zu hononrieren, weil man sichtlich um Professionalität in der Thematik bemüht ist, doch gleichzeitig liegt da auch der Hund begraben: In mustergültiger Form wird aufgezeigt, wie der knochentrockene Börsenstoff und filmische Unterhaltungsprinzipien sich auszuschließen scheinen. Ewan McGregor, der durch sein Spiel durchaus in der Lage ist, die Peinlichkeit seines 'Star Wars'-Auftrittes vergessen zu machen, übernimmt die Rolle des spezialisierten Börsengurus. Er gestaltet seinen Charakter absolut glaubwürdig, kommentiert den Fortgang aus dem Off, wird aber bald zum Opfer der fachidiotischen Inszenierung.

Seine Person reicht auch als Mittelpunkt nicht aus, den gesamten Film zu tragen, der den konsternierten Zuschauer mit Tiraden von Fachtermini zu bombardieren beginnt. Da wird wirr unter Kontrakten, abstrusen Optionen und Positionen hin- und herargumentiert, die allenfalls für Hobbyspekulanten erleuchtenden Charakter haben mögen - alle anderen fallen erschlagen in den Kinosessel zurück. Dass die schwachen Dialoge eher Fremdsprachencharakter haben ist eine Sache, dass aber jegliche Dramatik unterbunden und von börsentheoretischer Ödnis erschlagen wird, ist übel.

Daran ändert auch das gewisse Tempo des Gesamtarrangement nichts mehr, das sich bieder und innovationslos dem Ende zuschleppt. So kämpft der Film bis zuletzt anscheinend mit der Erkenntnis, hier etwas auf die Leinwand gebracht zu haben, das in etwa den Trill des Dow Jones Index besitzt. Mag dieser für eingeweihte Börsenfetischisten einer gewissen Dramatik nicht entbehren, so ist die stinklangweilige Drehbuchakademik von 'High Speed Money' für den Normalmenschen so mitreissend wie die sechste Stelle hinterm Komma.

Charmanter McGregor in fachchinesischer Börsenödnis


Flemming Schock