Krieger und die Kaiserin, Der

Deutschland, 121min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Tom Tykwer
B:Tom Tykwer
D:Franka Potente,
Benno Fürmann,
Joachim Król
L:IMDb
„Aber ich dachte, es sei Glück.”
Inhalt
Bei einem Unfall wird Sissi (Franka Potente), die als Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik arbeitet und lebt, von einem mysteriösen Mann gerettet, der danach spurlos verschwindet. Sissi gibt nicht auf und findet ihn schließlich: Bodo (Benno Fürmann). Doch um seine Liebe zu gewinnen, muss sie mehr wagen, als sie sich hätte träumen lassen: Bodo und Sissi müssen sich erst gegenseitig retten, um sich selbst und ihre Liebe zu finden.
Kurzkommentar
Nach seinem Welterfolg "Lola rennt" legt Tom Tykwer einen in sich gekehrtes, fast traumhaft allegorisches Liebesmelodram vor, dessen formale Konzentration die inhaltliche Auseinandersetzung aussticht. Trotz streckenweise gelähmter Handlung durch technische Vollkommenheit sehenswert.
Kritik
Das Kinojahr 1998 war das des Durchbruchs von Tom Tykwer. "Lola rennt", formal innovativ, pulsierend schnell und trotz minimalem Plot erzählerisch ein Impuls für den hiesigen Film, wurde weit über Deutschland hinaus ein Riesenerfolg und machte Franka Potente ("Anatomie") auch im Ausland berühmt. Mit seinem dritten Spielfilm hatte Tykwer mit minimalsten Mitteln ein eigenwilliges, rasantes Stück Kino geschaffen, das ihm und Franka Potente die Pforten nach Hollywood öffnen sollte. So hat Potente gerade an der Seite von Johnny Depp "Blow" abgedreht und Tykwer wurde vom mächtigen US-Mini-Major Miramax mit der Regie von "Heaven" betraut, den er gerade mit Giovanni Ribisi und Cate Blanchett in den Hauptrollen realisiert.
Nach "Lola" wuchs die Erwartungshaltung an Tykwer, gebürtiger Wuppertaler (für ihn das San Francisco Deutschlands), enorm und die Spannung auf seinen vierten Film, "Der Krieger und die Kaiserin", ist dementsprechend. An dem Film konnte Tykwer nach eigener Angabe jedoch ohne lästigen Erfolgsdruck arbeiten, da er mit dem Schreiben des Scripts bereits begann, bevor der Leinwanderfolg von "Lola" zu erahnen war. Es ist allerdings anzunehmen, dass Tykwer die meiste Zeit mit Formgedanken verbrachte, denn das Script ist zwar dicker als das von "Lola", aber noch immer hauchdünn und mehr eine Allegorie. Der fast komplett in Wuppertal gedrehte Film ist nach dem kraftvollen Vorgänger fast von meditativer Ruhe, aber auf eine andere Art nicht weniger intensiv. Auch hier demonstriert Tyker erneut, dass viel Dialog nicht die unbedingte Voraussetzung für einen nachhaltigen Film bildet.

Für ihn, wie für viele andere jüngeren deutschen Regisseure, scheint der "moderne" Film in erster Linie ein Experimentierfeld der Form, der ästhetisch anspruchsvollen Montage von Bild und Ton zu einem "Lebensgefühl" evozierenden Ganzen. Es ist nicht der große Spannungsbogen oder der mächtige Dialog der Handelnden, aus dem der merkwürdige Reiz entspringt, sondern der vielbeschworene, tranceartige, ja, fast existentialistische Leinwandmoment. Tykwers Handschrift ist denn die eines Formalisten, der über die Form den Inhalt neu zu entdecken sucht. Der wenig aufregende Erzählstoff zweier sich selbst erlösender Seelenkrüppel wird so durch Tykwers Zusammenfluss von Bildkomposition und Klangkulisse in erster Linie eine Stilübung. Über sekundenlang fixierte Blicke phlegmatischer Akteure soll nicht über Worte, sondern durch das Auge des Zuschauers Seelenleben und sinnbildliche Stimmungen entziffert werden.

So ist Tykwer schon beim Titel des Films nicht ohne Anspruch: "Für mich ist das ein sehr deskriptiver Titel, weil der Film diesen speziellen, seltsamen Gestalten dieselbe Größe gibt, die sonst nur historischen Helden zugeschrieben wird. Ich finde es toll, wenn denen plötzlich erlaubt wird, einen epischen Film zu prägen". Seltsam und schrullig sind Tykwers Gestalten allemal, aber ein Epos müsste auch breit angelegte Erzählung bedeuten, und die hat "Der Krieger und die Kaiserin" trotz des Titels ganz bestimmt nicht. Wie gesagt, geht es um Form, nicht um Inhalt. Dann geht es um Augenblicke, die sowas von Ewigkeit erahnen lassen sollen, und ganz generell um das Dasein betreffende Metaphern und die alles überwindende Kraft der Liebe. Die Größe, die Tykwer seinen Figuren schon durch den Titel zuschreibt, wird nur durch ihren exemplarischen Charakter spürbar, dadurch, dass die durch das Schicksal herbeigeführte Liebe die verschrobene Krankenschwester und den niedergeschlagenen Soldaten den Schritt aus dem Gefängnis der Vergangenheit wagen lässt. Es ist also die klassische Liebesgeschichte des Kinos, diesmal nur leicht imaginär und märchenhaft aufbereitet.

Dabei ist das Setting der Psychiatrie zwar mehr als nur plakativ genutzt, trotzdem wirkt es phrasenhaft. Zu viele Filme (zuletzt "Durchgeknallt") haben mit diesem technischen Mittel so schon die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn relativiert. Und dann ist Tykwers Sprache die des Bildes, die zu oft narrativen Fortschritt überlagert. Franka Potentes Leinwandpräsenz ist zwar enorm und macht den Film schon einen Besuch wert. Ihr unglaubwürdig paralysiertes Herumtapsen wird erklärt und die minimalen Dialogszenen mögen ja besonders stylisch und intensiv vielsagend wirken, aber die Naivität nervt irgendwann nur noch langweilend. Die Potente machts bravourös, ist aber hoffnungslos unterfordert. Nicht so der überschätzte Benno Fürmann, wohl primär wegen seiner Äußerlichkeit mit der Rolle betraut. Entweder ist Fürmann einer der untalentiertesten deutschen Darsteller oder er hat (z.B. im bodenlosen "Bingo") mit seiner Rollenauswahl unglaubliches Pech. Aber vielleicht hat ihm Tykwers Neuer seine Rolle wie auf den Leib geschrieben, denn Fürmanns Part beschränkt sich auf Präsentation seines Dreitagebarts und vergrämt wesenloses Glotzen. Von Innerlichkeit und innerer Wärme spürt man wenig. Aber immerhin arbeitet das Drehbuch für ihn und billigt dem so gewichtig Schweigenden letztlich ein paar gute Szenen zu. Tykwer vertraut ohnehin in erster Linie dem Dialog zwischen Bild, Ton und Zuschauer, und das mit Erfolg.

Nach "Lola" schreibt er seine visionäre Arbeit fort und macht aus "Der Krieger und die Kaiserin" ein virtuoses Stück Formkino, das sein Publikum finden wird. Jede Kameraeinstellung ist brilliant, der Schnitt von Mathilde Bonnefoy eine Ausnahmeleistung und die sphärische Vertonung reflektiert und unterstreicht die befremdlich langsamen, schwebenden Stimmungslagen optimal. In handwerklicher Beziehung ist Tykwer vielleicht der Beste und Fruchtbarste für den heimischen Gegenwartsfilm, es bleibt aber zu wünschen, dass er sich in Zukunft nicht darauf beschränkt, abgegriffene Erzählstoffe durch bestechende, charakteristische Form zu überspielen.

Eigentümlich formvollendete, narrativ karge Love-Story


Flemming Schock