König tanzt, Der
(Le Roi danse)

Frankreich/Deutschland, 117min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Gérard Corbiau
B:Philippe Beaussant
D:Benoit Magimel,
Boris Terral,
Tchéky Karyo
L:IMDb
„Musik verleiht der Harmonie Universalität”
Inhalt
Frankreich 1661: nach dem Tode des staatslenkenden Kardinal Mazarins, der bis dato Ludwigs (Benoît Magimel) Herrschaftspraxis beeinflusste, steht der 22-jährige Monarch allein an der Spitze. Neben politischen Reformen interessieren den König aber vor allem die Künste und großen Hoffeste. Lully (Boris Terral) komponiert für Ludwig XIV., liebt ihn sogar abgöttisch und entwirft zusammen mit dem Satiriker Molière (Tchéky Karyo) Balette, Komödien und erste Opern. Aus Freunden werden jedoch bald Konkurrenten, die sich gegen Hofintrigen behaupten müssen.
Kurzkommentar
Mit perfektionistischer Detailversessenheit und ungewöhnlicher Perspektive entwirft Gérard Corbiau ein Gemälde des musischen Ludwig XIV. und seinem manischen Hofkomponisten. Auch wenn ohne Kostümierung scheinbar nur ein oberflächliches Intrigenspiel bliebe, bannt die barocke Formvollendung durch die Kunstmittel des Kinos, mit brillianten Darstellern und tänzelnder Metaphorik.
Kritik
"L´Etat, c´est moi" soll er gesagt haben, Ludwig XIV., der "Sonnenkönig", dessen nominelle Herrschaft mit 72 Jahren die längste der Geschichte und gleichzeitig Paradigma des französischen Absolutismus war, der in ganz Europa Schule machen sollte. Auch wenn er, wie nachgewiesen werden konnte, obiges Bonmot so nie geäußert hat, charakterisiert es seine auf Zentralisierung und Effektivierung ausgelegte Regierungspraxis, nicht aber das differenzierte Staatsdenken, das sich in seinen Memoiren findet. Der Mensch Ludwig ist in ihnen nur schwer zu erkennen, zumal sie nur als Fragment erhalten sind, und so bleibt der sich gottgleich verstehende König die mit am kontroversten diskutierte historische Persönlichkeit.

Gilt er den einen als antiquierter Vertreter des ancien régime, an dessen Ende die französische Revolution stehen musste, so sahen andere, wie Voltaire, das Zeitalter Ludwig XIV. als eine der größten Kulturepochen. Denn richtig, neben der schier unerschöpflichen Gier nach politischer Gloire ("Gewiss schätze ich in meinem Herzen über alles, ja mehr als das Leben selbst, den Ruhm"), sollte der symbolische Ausdruck des monomanischen Herrschaftsprogramms auch im musischen Bereich alles Vorige übersteigen. So bewies sich Ludwig, mit einem sinnlichen Naturell versehen, als Mäzen und Liebhaber der Künste, der dennoch nicht Pragmatismus und Staatsraison aus den Augen verlor: "Zunächst darf die Zeit, die wir unserer Liebe widmen, niemals unseren Staatsgeschäften geraubt werden".

Dass beides sich nicht ausschließen muss, bewiesen die seit den 60er Jahren des 17. Jahrhunderts in Versailles abgehaltenen höfischen Feste, deren barocker Protzcharakter ebenso das Selbstverständnis des jungen Herrschers wie die politischen Konstellation ausdrückten. Der in seinen Privilegien immer mehr bedrängte Adel sollte mittels der spielerischen Feste emotional an den König gebunden werden und der Illusion erliegen, noch immer die alte politische Rolle zu spielen. Der König tanzte, und der Tanz, seine Musik, hatte die mechanischen Ordnungsvorstellungen von Himmel und Erde universal spürbar zu machen. Sicher hätte man eine filmische Biographie über den"Sonnenkönig" nun nach traditionellem, also politisch orientierten Muster drehen können, hätte die Geschichte dabei aber selbst mit einem mehrstündigem, natürlich blutigen Historienschinken wieder nur Gewalt angetan. Interessanter ist da die Perspektive von Regisseur Gérard Corbiau ("Farinelli") allemal, vom Schlachtenlärm Abstand und eine weitgehend unberücksichtigte Facette Ludwigs in den Blick zu nehmen. Dabei kommt eine ganz persönliche, erstaunlich neue Interpretation zutage, die vieles von dem, was eine politische Biographie bis ins Detail zerkleinert hätte, bewusst im Dunkeln lässt. Stattdessen wird die "Mentalität", die Ästhetik des höfischen Barock, einer Repräsentationszeit voll Dekadenz, Verkleidung und ritualisiertem Schauspiel wieder lebendig gemacht.

Das ist nicht neu, aber noch immer praktikabel, da Kostümschinken selbst mit minimalem Handlungsgerüst noch anregend bleiben. So geht es auch hier mehr um Sinn als Verstand. Schon in der Anfangsszene, in der der gealterte Lully, florentinischer Tellerwäscher, der es bis zum Hofkomponisten bringt, besessen den Taktstock auf den Boden stampft, setzt Corbiaus berauschendes Bild- und Tonfest wuchtig ein. Anhand der Beziehung zwischen Ludwig, Lully und dem genialen Dichter Molière, an dem der König pikanterweise dessen Adels- und Klerussatiren liebt, entwickelt der Regisseur die Handlung, die alsbald zur der Lullys wird. Um einzelne Akzente dramaturgisch besser betonen zu können, überzeichnet Gorbiau Figuren und Konstellationen. Zwar ist richtig, dass der Italiener am Hof eine Ausnahmsstellung einnahm, sogar zum Leiter der 1672 gegründeten Musikakademie wurde und vom Einfluss her einem absolutistischen Fürsten nicht unähnlich war, dass er aber seine Schaffenskraft aus einer obsessiven Liebe gegenüber Ludwig bezog und zum pervertierten Machtmenschen mutiert, dramatisiert das Geschehen. Schnell wird Ludwig zum musischen Freigeist, der selbst auf dem Totenbett der Mutter den Graben zu ihr nicht überwinden kann, weil er seinem auschweifenden Hedonismus nicht entsagt. Versucht man nun einen Blick unter die verschwenderische Oberfläche, war´s das auch schon mit dem Kommentar zum Wesen Ludwigs.

Ähnlich der Epoche, schwer zu entkleiden, mag man "Der König tanzt" auf schales Intrigenspiel reduzieren. Benoit Magimel als Ludwig bleibt undurchsichtig und scheinbar schwach konnotiert, Boris Terral als Lully der Prototyp des Größenwahnsinnen Komponisten und Tchéky Karyo mimt brav seinen Molière. Feingeschliffene Charakternuancen sind das kaum, aber letztlich gewinnt der Film gerade dadurch, dass er nicht aufdringlich psychologisiert und die Darsteller dennoch begeistern. Manguel interpretiert seinen Ludwig faszinierend geheimnisvoll. Dessen Wünsche werden nicht ausgesprochen, gewinnen aber im Tanz entschlossene Expressivität. Manguel macht da sprichwörtlich schon eine zu gute Figur, da demgegenüber der historische Ludwig zeitlebens zur Völlerei neigte und ständig Diät halten musste. Heißt es aber erst "der König tanzt", folgt man gebannt der sinnlichen, fast märchenhaften Inszenierung, jedem Schritt der perfekten Choreographie. Wo wir Ludwig allein über dessen symbolischen Tanz kennenlernen, rückt Lully (herausragend: Boris Terral) in seiner krankhaften Abhängigkeit gegenüber dem abgöttisch geliebten Roi immer mehr in den Mittelpunkt. Es kommt zum tragischen Konflikt zwischen ihm und Molière. Lully hat nur solange Lebenskraft, wie Ludwig das Tanzbein schwingt.

Vielleicht würde die kleine Sozialgeschichte anöden, wenn Corbiaus individueller Zugang zur Epoche nicht so sagenhaft montiert wäre. Die Kompositionen Lullys sind von der Kölner "Musica Antiqua", einem der besten Ensembles, eingespielt, Maske und Kostüme stehen dem in nichts nach. "Der König tanzt" ist königlich verschwenderisch, aber bis zur letzten Sekunde ein Genuss. Besonders ästhetisch sind zudem die Abtritte von Molière, Lully und Ludwig, in denen sich die jeweiligen Lebenskonzeptionen noch einmal konzentrieren. Der romantische Blick in die abendliche Stille des Versailler Barockgarten, die Sonne im Gesicht des "Sonnenkönigs" und dessen letzte Frage, bevor er ernüchtert wieder zum politischen Ludwig wird, sind großartige Leinwandaugenblicke. Corbiau hat nur gut daran getan, sich der eigenen Mittel der abzubildenen Epoche zu bedienen und statt einem Psychodrama eine ziemlich kunstvolle Allegorie zu liefern. Ihr lebendigstes Mittel ist der Tanz.

Berauschendes Kulturfresko, sinnbildlich und sinnlich, erstklassig gespielt


Flemming Schock