Knochenjäger, Der
(Bone Collector, The)

USA, 118min
R:Philip Noyce
B:Jeffery Deaver, Jeremy Iacone
D:Denzel Washington,
Angelina Jolie,
Queen Latifah
L:IMDb
„Stickstoff...alt...Kuhmist...Schlachthof. Wir brauchen die Adressen aller Schlachthöfe in NewYork. Geh ins Internet!”
Inhalt
Lincoln Rhyme, ein durch einen Unfall ans Bett gefesselter Cop ist der einzige, dessen analytische Fähigkeiten ausreichen, um einen genialen Serienkiller zu überführen, der gezielt Spuren für die Polizei legt. Als Schnittstelle zur Aussenwelt fungiert für ihn die junge Polizistin Amelia, die ein Naturtalent in der Spurensuche ist.
Kurzkommentar
Wie man mit so wenig Drehbuch so viel Geld verschwenden kann, ist schon erstaunlich. Dem Film mangelt es an allem: An guten Schauspielern, an einer plausiblen -geschweige denn spannenden- Geschichte, an überzeugenden Charakteren. Und vor diesem Hintergrund sind die gezeigten Grausamkeiten gleich doppelt unappetittlich.
Kritik
Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich einen Film zuletzt sah, der so unglaubliche Drehbuchmängel hatte. Die Grundkonzeption eines Polizisten-Duos, bei dem der eine die wahrnehmenden und der andere die analytischen Fähgikeiten hat, bietet eigentlich so manches Potential. Doch statt das Verhältnis der beiden genauer zu beleuchten, ist das einzige, was dem Film einfällt, ein 08/15-Trauma, dass der wenig sensible Rhyme kompensieren muss, und eine derart blasse Beziehungs-Szene, die man sie besser weggelassen hätte. Überhaupt, eigentlich hätte man auch die beiden Schauspieler weglassen können: Denzel Washington ist mit der Rolle des behinderten Polizisten, der nur den Kopf und einen Finger bewegen kann, sichtlich überfordert, denn seine mimischen Qualitäten sind nur knapp über denen von Steven Seagal. Und Angelina Jolie, in den USA als einer der kommenden Stars gehandelt, wirkt wie ein Abziehbild von Ashley Judd - überhaupt sind die Ähnlichkeiten verblüffend.
Aber leider kann auch hier das Drehbuch gar nichts rausreissen: Die Dialoge sind völlig hanebüchen, Denzel Washington verkommt zur Phrasendreschmaschine. Keiner von beiden hat eine wirklich gute Szene, nichts, was den Charakter der Figuren treffend heraushebt.
Die restlichen Mitspieler sind das übliche Sammelsurium an guter Cop, böser Cop, Anfänger-Cop und Ledernacken-Cop. Und auch die von Rhyme rekrutierte Spezialisten-Crew verkommt zur üblichen Freak-Show. Am ärgerlichsten ist das unerträglich ausgelutschte Klischee vom bösen Vorgesetzten: Auch hier taucht er auf, auch hier trägt er nichts wesentliches zur Story bei, ausser ein paar Drehbuchseiten zu füllen. Nicht mal als Täter-Aspirant taugt er, so einfach gestrickt ist er, zu offensichtlich wäre das.

Am traurigsten ist aber die Story, einerseits von ihrer Grundkonzeption her, andererseits in ihren Details. Woher soll die Spannung kommen, wenn nach kurzer Zeit klar wird, dass der Täter die Obrhand hat, und die Polizei an der Nase herumführt? Es ist offensichtlich, dass die Auflösung erst am Schluss kommt, und Wendungen oder überasschende Ereignisse sind Fehlanzeige. Als dann schliesslich herauskommt, dass die Morde nach dem Vorbild eines Buches geschehen, ist klar: Der arme Zuschauer muss warten, bis alle in dem Buch beschriebene Morde geschehen sind, bis er endlich erlöst wird. Schliesslich sollen die Schauspieler ja was tun für ihr Geld. Noch viel ärgerlicher aber ist, dass der Film einem keine Chance gibt, mitzufiebern. Zu Beginn wird gezeigt, dass der Täter blaue Augen hat - und fortan schwenkt die Kamera höchst bedeutungsvoll auf jede Person mit blauen Augen. Und der Zuschauer weiss genau, dass es der gerade Gezeigte garantiert nicht ist. Da aber ein Mangel an Alternativen besteht, bleibt nichts anderes, als bis zum Schluss zu warten, wer sich offenbart - und das Ende ist wirklich vollkommen dämlich und unmotiviert. Es wäre schon nicht schlecht gewesen, wenn der Täter und seine Motivation irgendwas mit der Geschichte zu tun hätten, aber Pustekuchen. Das das Ganze dann auch noch in ein kitischiges HappyEnd ausartet, ist der Gipfel der Unerträglichkeit.
Die Drehbuchmängel im Detail zu schildern, wäre eine buchfüllende Aufgabe, ein paar besonders schwachsinnige Stellen seien aber exemplarisch angeführt: So wird beispieslweise in einem Raum, der unter Hochdruck stand und einen Metallfussboden hat nach Fusspuren gesucht. Oder Amelia, die exra wegen ihrer hervorragenden Spurensicherungsfähigkeiten als Forensik-Experting fungieren muss: In den späteren Szenen sammelt sie fröhlich Beweisstücke ohne Handschuhe. Überhaupt, eigentlich leistet sie nichts, was nicht jemand anders auch hätte leisten können, insofern ist diese Konstellation völlig unnötig. Lächerlich sind auch die Kombinationsfähigkeiten von Rhyme, der über alle Vorgänge der letzten 100 Jahre in NewYork perfekt Bescheid weiss. Nie irrt er sich, nie muss er lange Grübeln, sofort kommt die alles erklärende Erläuterung.

Der Film versucht fast zwanghaft, so unapetittlich zu sein wie Sieben - was ihm nur zum Teil gelingt. Da aber der Rest des Films in keiner Weise überzeugend ist, erscheint diese Grausamkeit völlig deplaziert.

Wer eine spannende, plausible Story und gute Schauspieler sehen will, dem sei ein Tatort empfohlen. Jeden Sonntag, 20:15, ARD.

Jeder "Tatort" ist besser


Wolfgang Huang