Julietta

Deutschland, 95min
R:Christoph Stark
B:Jochen Bitzer
D:Lavinia Wilson,
Matthias Koeberlin,
Barnaby Metschurat
L:IMDb
„Ich war voll auf Horror”
Inhalt
Julietta, eine 18jährige (Lavinia Wilson) Schülerin aus behütetem Elternhaus in Stuttgart, fährt nach Berlin, um mit ihrem Freund Jiri (Matthias Koeberlin), Medizinstudent, auf der Love Parade zu feiern. Sie tanzen, nehmen Drogen, werden von der brodelnden Masse mitgerissen und schließlich getrennt. Auf der verzweifelten Suche nach Jiri verliert Julietta das Bewusstsein. Max (Barnaby Metschurat), ein DJ, rettet sie. Er ist fasziniert von Juliettas Schönheit und in einem, für ihn unwirklichen Moment zwischen Nacht und Morgen, schläft er mit ihr, während sie noch immer bewusstlos ist. Sechs Wochen später bemerkt Julietta ihre Schwangerschaft. Sofort fährt sie nach Berlin, sucht Jiri und trifft auf Max. Der ist inzwischen mit Jiri befreundet und erweist sich erneut als Juliettas "Retter". Max und Julietta fühlen sich zueinander hingezogen und kommen sich näher, doch Julietta versucht diese Gefühle zu ignorieren.
Kurzkommentar
Deutsche Regieerstlinge haben in jüngster Vergangenheit die Filmlandschaft bereichert, aber die Spannbreite zwischen Glücks- und Klogriff bleibt groß. "Julietta" tut eindeutlich letzteren. Das zweitklassige Pseudodrama um eine jugendliche Dreiecksbeziehung will auf manierierten Zeitgeist setzen, ist aber nur nervtötend langweilig, anstößig und rundherum unqualifiziert.
Kritik
Natürlich, was in letzter Zeit erfreulich oft glückte, kann nicht beliebig kopiert werden: talentierte Regiedebüts im jungen deutschen Film. Trotz des üblichen Gestöhnes über die Misere heimischer Produktionen war, wenn man nur genau hinsah, das letzte und auch dieses Jahr im Grunde kein schlechtes. Da fallen Namen wie "Vergiss Amerika", "Die innere Sicherheit" oder "Das Experiment". Letzerer verstieß sogar gegen ein ungeschriebenes Gesetz deutscher Filmkultur, bekam er doch gute Kritik und gleichzeitig die Gunst des Publikums. "Die innere Sicherheit", ein typischer Autorenfilm, schließlich ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, fristete hingegen ein unbemerktes Dasein in Kunst- und Programmkinos.
Setzt der hiesige Film auf realistische Dramen, versackt er oft in stilisiertem Weltschmerz, kann aber, wie die Debüts "Vergiss Amerika" und "Absolute Giganten", dennoch fesseln. Grundtenor bei deutschen Filmemachern jüngeren Jahrgangs ist sowieso, Resignation und utopielose Hoffnung junger Menschen mit Bild- und Tonschwulst in Poesie verwandelt zu wollen. Mal funktoniert das, dann wieder nicht. So bei "Julietta", Kinodebüt des Kurfilmers Christoph Stark, das nun wirklich keiner braucht. Das aber hielt die selbsterklärten Kulturretter unter den Fernsehsendern, ZDF und Arte, nicht davon ab, das Jungendrama zu fördern. Wieso, wird ihr dunkles Geheimnis bleiben. "Julietta" ist so richtig manieriert, sinnentleert und grundpeinlich.

Dabei hatte er doch alles beisammen, um "Hip" zu sein, um der freakdurchsetzten Spaß-Generation den Spiegel vorzuhalten: Berlin während der Loveparade. Das hätte nun mit Klischees von Extasy, Verlorenheit und Ängsten konsumgeiler Party-Kinder ein durchaus zeitgemäßes Porträit, den längst fälligen Kommentar zur Lebenseinstellung Techno geben können. Darauf pokert man noch mit Filmbeginn, aber alsbald beschleicht einen der übermächtige Eindruck, eine auf Kunst aufgeblasene Soap will hier den Lebensnerv der jungen Generation treffen. Es sind aber nur die Nerven des Zuschauers. Bis zum Ende durchzuhalten ist nichts als sportlicher Ehrgeiz angesichts eines Drehbuchs, das mit Mühe und Not der Dramaturgie einer Photo-Lovestory genügt. Möglich, dass auch deswegen kaum gesprochen wird, weil die zentralen Szenen der Groschenhandlung ursprünglich abfotografiert und mit Sprechblasen versehen werden sollten.

Das solcherart suggerierte Bild der Wirklichkeit, mit koksenden Medizinstudenten, die Leichenteile mit nach Hause schleppen, mit vergewaltigenden DJ´s, die es doch nur in Liebe meinten, ist selbstredend ziemlich geschmacklos. Vielleicht will "Julietta" dadurch für Kontroverse sorgen, aber eigentlich ist das alles nur Grund für Ärgernis. Einen Film ins Kino zu setzen, der sich abendfüllend gibt, in seinem gnadenlos rudimentären Plot aber enervierend dumm oder unfreiwillig komisch ist, dazu gehört schon einiges. Die ausgewählten Darsteller, eher unbekannt, scheinen im Grunde fähig, ihnen bleibt aber angesichts haarsträubender Dialoge nichts anderes übrig, als sich in ihren Rollen, nichts weiter als ramschige Abziehbilder, bemitleidenswert anzudilettieren. Hoffnungen, Wünsche, Anliegen - alles bleibt unausgesprochen oder dümmlich verbalisiert.

Immerhin, so schreckt man durch unbeabsichtigte Komik hier und da aus dem Gedanken darüber auf, wieso dieses unsägliche Teeniedrama einfach nicht enden will. Denn in den Szenen, in denen inhaltlich mal wieder Flaute herrscht, greift Regisseur Stark ratlos zur Formtrimmung und versucht mit bedeutungsleeren Bildern vergeblich Stimmung zu erzeugen. Die Gnadenpunkte gehen an die Musik von "Ballistic Affair", die tapfer mit dem Drehbuch ringenden Darsteller und einige schöne Berlinbilder. Am Ende ringt Horror mit Erleichterung, denn Starks zweiter Film kann nur noch besser werden.

"Es ist nicht wie du denkst": Stimmt, es ist schlimmer.


Flemming Schock