Johanna von Orleans
(Messenger, The: Joan of Arc)

Frankreich / USA, 165min
R:Luc Besson
B:Luc Besson, Andrew Birkin
D:Milla Jovovich,
John Malkovich,
Faye Dunaway,
Dustin Hoffman
L:IMDb
„Ich denke nicht. Das tut Gott für mich.”
Inhalt
Sie gehört zu den Ikonen der französischen Geschichte: Johanna von Orléans (Milla Jovovich). In einer der dunkelsten Epochen Frankreichs, dem Hundertjährigen Krieg, erhält sie die göttliche Botschaft, ihr Land von den Engländern zu befreien, in Gottes Hände zurückzuführen und den Dauphin Charles VII (John Malkovich) zur Krönung nach Reims zu geleiten. Das ungebildete Bauernmädchen führt die französische Armee in der blutigen Schlacht von Orléans zum fulminanten Sieg über die englischen Besatzer. Nachdem Charles VII zum französischen König gekrönt ist und Johanna damit ihre Schuldigkeit getan hat, wird sie entmachtet, vor ein klerikales Gericht gestellt, als Ketzerin verurteilt und von den Engländern am 30. Mai 1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sie wurde nur 19 Jahre alt.
Kurzkommentar
Luc Bessons bildhafte Interpretation des populären Freiheitsdramas entpuppt sich gleichermaßen als Idealisierung und Entmythologisierung. Die Paradoxie in der Kunstfigur Johannas, schön und zugleich schrecklich, ist in rasant geschnittener 'Seelenschlacht' erzählt. Der psychologische Zugang pendelt klug zwischen leidvoller Erfahrung, Illusion und übernatürlicher Wirklichkeit. Regen suggestive Bilder und Symbolhaftigkeit zum Nachdenken über die einer Wertung enzogenen Gestalt Johannas an, so enttäuschen dramatischer Gehalt und Popcharakter.
Kritik
'Befiehl, daß man die Kriegstrommel blase! Mich preßt und ängstigt diese Waffenstille, Es jagd mich auf aus dieser müß'gen Ruh, Und treibt micht fort, daß ich mein Werk erfülle, Gebieterisch mahnend meinem Schicksal zu.' Der Imperativ, der vom 'Es' ihrer Sendung ausgeht und sie antreibt, prägt die ganze Figur. Oder: 'Ihr liebt mich, doch ihr betet mich nicht an!' .

So emphatisch klingt es bei Deutschlands größtem Dramatiker, Friedrich Schiller, der sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts einem schon damals knapp 400 Jahre alten, doch noch immer stark rezipierten Populärmythos zuwandte. Schillers 'romantischer Tragödie', die enthusiastisch gefeiert wurde, ging es nicht um Parteinahme, sondern um inszenatorische Wirksamkeit. Schon immer hieß es: Johanna von Orleans: Heilige oder Hexe? Die Wirkungskraft der Legende um die historische Johanna, die im Herbst des Mittelalters Frankreich von den Engländern befreite, beflügelte alle Geister, auch den des großen Aufklärers Voltaire, der den Jeanne-d'Arc-Stoff in seinem komischen Epos 'La pucelle d'Orleans' (1756/62) schon vor Schiller publizierte. Gedachte Voltaire im Mantel des Grotesken die Kirche zu attackieren, wollte Schillers Romantisierung auf den Dualismus von göttlicher Sendung und menschlichem Selbst hinaus.

Seit jeher ging es um die Frage der historischen Faktizität, um das richtige Arragement des Stoffes, um Verteufelung und Vergötterung. Was den 1920 heilig gesprochenen französischen Nationalmythos so unsterblich macht, ist seine Paradoxie, die man mit inszenatorischem Pathos auskostet: Gespenstisches, Dunkles-Magisches trifft auf religiöse Unschuldssymbolik, Wundergaben und 'Engelsmajestät'. Das Bauernmädchen als Metapher für Glauben, Ängste und Sehnsüchte der Menschen. Eine charakteristische Vielseitigkeit, die unterschiedliche, aber stets differenzierende Auffassungen der Stilfigur schüren und in der Moderne auch auf das Medium Film mit etlichen, meist verzichtbaren Adaption ungebrochen fortwirkt.

So müssen Luc Besson, den amerikanischsten ('Das 5. Element') und visionärsten unter den französischen Filmemachern, zwei Faktoren zu einer erneuten Bearbeitung der Thematik bewogen haben: zum Einen ist Bessons Ehefrau Milla Jovovich für die Rolle der androgynen Streiterin Gottes wie geschaffen, und zum Anderen ist es das theatralisch Gewaltige. Es scheint noch immer nach einer symbolhaften Verbildlichung im Film zu verlangen, also nach Deutung in Bildsprache. Schiller, der Geschichtsprofessor, betrachtete das Historische für die dramatische Dimension stets nur als Rahmen, da es ihm primär um den ästhetischen Menschenentwurf ging.

Da Besson angibt, sich nur zu achtzig Prozent an angebliche Historizität gehalten zu haben, stellt Jeanne auch für ihn eine Leerstelle, eine Projektionsfläche dar - für einen neuen Zugang? Zumindest in seinem Heimatland hat Bessons eigenwillige Zeichnung der Nationalheldin für gekränkten Stolz und leere Kinos gesorgt. Hat Besson also die vermeintlich unantastbare Aura der 'reinen Jungfrau' demontiert? Jein, denn trotzdem es auch Besson nicht gelingt, dem Stoff noch etwas weltbewegend Neues abzuringen, gestaltet sich seine Deutung, die wieder auch keine ist, genauso paradox und vielschichtig wie der Charakter seiner strahlenden und doch tragischen Heldin.

Die Gefahren, die sich für die Tendenz der Inszenierung auftun, wenn der Regisseur die Hauptrolle mit seiner eigenen Frau besetzt, sind offenkundig, hier jedoch hilfreich: Die 'Amazone' Johanna, respektive Milla Jovovich, wird zum idealisierten Ausdruck des sich selbst vollendenden Menschen. Besson arrangiert seine Milla als geheimnisvolle Schönheit, als Vermischung von Religiösität, äußerer Anmut und prophetenhafter Gestalt. Stets betont sie voller Energie, sie sei nur 'der Bote'. Jovovichs Stärke ist die Kraft, mit der sie 'die Erfahrung von Geschichte' zu verkörpern sucht, ihre Schwäche ihre Eindimensionalität, ihr Unvermögen, nur einmal als schlichter Mensch aus ihrer visionären Inbrunst herauszutreten. Trotz fehlender Rundungen im Charakter ist ihr Tatendrang allemal sehenswert. Zur Nervenprobe wird indessen ihr hysterisches Kreischen der unsorgfältigen deutschen Synchronisation.

Bessons Zugang zum Stoff geschieht aber nicht über die Schauspieler, sondern über seine suggestive Bildkomposition, über religiöse Metaphern, die der Zuschauer selbst zu entschlüsseln hat. Das, was Einigen übel aufgestieß, ist Bessons pluralistischer Zugang, der sich intelligenterweise eben nicht auf flache Heldenverehrung reduzieren lässt und die größte Stärke des Films ausmacht. Situationen, die Johanna als unzweifelhaftes Zeichen Gottes deutete, werden von der Schizophrenie ihres Gewissens (Dustin Hoffman) geschickt relativiert. Somit zeigt Besson seine widersprüchliche Stilfigur als symbolischen, dualistischen Charakter und überlässt es dem Zuschauer zu entscheiden, ob hier religiöser Wahn oder 'echte Sendung' erzählt wird.

Jedoch enttäuscht die sonst vieldeutige Darstellung zum Schluß, als Jeanne nicht wie bei Schiller aus dem Widerstreit an Selbst und Sendung zerbricht, sondern mit der sie befriedigenden Absolution ins Feuer tritt. Dass das teils recht psychedelisch wirkt, ist ärgerlicherweise ein Zugeständnis an Videoclip-Ästhetik, andererseits der Unbestimmtheit der gesamten Situation dienlich. Eine konsistente Bedeutung stellt Besson nicht her, weiss er doch, dass das Schweifende Jeannes alles überschreitet, was sich psychologisch interpretieren ließe. Dem Film eine klar formulierte Botschaft abzuverlangen, hätte seinen Horizont erheblich verengt.

Ist ergo das über Bessons (Nicht)Wertung Hinausgehende als Metaphernfeld für ein Menschenbild interessant, so berührt alles andere doch merkwürdig wenig. Milla als Jeanne leidet unter ihren späteren Zweifeln und leidvoller Erfahrung, doch unmittelbare Nähe zu Zuschauer entsteht nicht - das dramatische Potential fehlt. Besson montiert sein teils überzogen blutiges Schlachtenfresko nicht überzeugend episch, dafür wirkt es zu schnellverdaulich und - man darf es sagen - zu wenig theatralisch.

Sinnbildliche, aber undramatische Deutung 'der Frau des Jahrtausends'


Flemming Schock