Iris

USA 2001, 99min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Richard Eyre
B:John Bayley,Richard Eyre
D:Kate Winslet,
Hugh Bonneville,
Judi Dench,
Jim Broadbent
L:IMDb
„Es war so still als sie starb.”
Inhalt
Die gefeierte Literatin und Denkerin Iris Murdoch (Judi Dench/Kate Winslet) ist seit mehr als 40 Jahren mit dem Literaturkritiker John Bayley (Jim Boradbent/Hugh Bonneville) verheiratet. Schon in den frühen Tagen ihrer Romanze war die überlegene Autorin diejenige, die das Sagen hatte. John stand stets in ihrem Schatten und musste akzeptieren, dass Iris ihre Freiheit auch mit anderen Männern und Frauen zelebrierte. Und doch blieben die beiden ein Paar und wuchsen im Lauf der Jahre immer näher zusammen. Bis zu jenem schicksalhaften Tag im Jahr 1997, als ihre Dynamik auf den Kopf gestellt und ihre Beziehung der schwersten Belastungsprobe überhaupt ausgesetzt wird: Die Ärzte diagnostizieren Alzheimer bei Iris. Doch John ist nicht bereit, die Liebe seines Lebens kampflos aufzugeben.
Kurzkommentar
In zurückhaltend eleganter Handschrift bringt der Theaterregisseur Richard Eyre die Lebenstragödie der Romanschriftstellerin Iris Murdoch auf die (Programmkino-)Leinwand. Das ist nicht nur gediegenes Intellektuellenkino in poetischer Tonart, sondern auch ungekünstelt bewegendes Gefühlskino frei von Kitsch. "Iris" hätte erzählerisch dichter sein können, aber als Metapher darüber, was im Leben zu gewinnen und zu verlieren ist, ist der Film in seiner traurigen Feierlichkeit sehr ans Herz zu legen.
Kritik
Wenn Literatur dem Leben die Augen öffnet und die Fassung am Tod verliert, tritt die Tragödie der Iris Murdoch ins Blickfeld. Die gefeierte englische Philosophieprofessorin und 26-fache Romanschriftstellerin galt als Englands schärfster Geist, liebte das Gewicht welterfassender Worte und ihrer Bedeutung. Ausgerechnet sie, deren literarisches Denken Welterfahrung mit nuancierter Spracherfahrung gleichsetzte, musste letztlich die Bedeutungskonvention verlieren und in eine Welt abtauchen, in die ihr keiner verstehend mehr folgen konnte. 1999 erlag sie ihrer Alzheimer-Demenz, vorher hatte sich ihr Verstand bereits auf vorkindliches Nivau zurückgezogen. Ihr Mann, der Literaturdozent John Bayley, hatte sein Leben dem ihren stets untergeordnet und sie bis in die letzten Momente aufopfernd begleitet.

Den elegisch-bitteren Abgesang legte er dann in Memoiren nieder. Und da die Melancholie des Seins noch immer die auch die beste Schule für die Bühne des Lebens ist, nahm sich der britische Theaterprimus Richard Eyre dem Stoff an, um ihm auf der Leinwand das Wirkungsvollste abzuringen. Weil er mit dem Alter im allgemeinen und mit Alzheimer im besonderen fast ein Tabuthema berührt und dabei äußerst einfühlsam und selbstbescheidend vorgeht, ist "Iris" ein außergewöhnlicher und außergewöhnlich berührender Film geworden. Das auch auch deswegen, weil er sich dem gewöhnlichen Muster einer Filmbiographie entzieht und sich auf die geschickte narrative Verknüpfung des Früher und des Jetzt, des Anfangs und des Endes einer bemerkenswerten Liebe konzentriert.

Dass die Figur der alten Iris eine Paraderolle für Oscarpreisträgerin Judi Dench (die ihr eine weitere Academy-Nominierung einbrachte) werden würde, lag nahe und damit auch die Qualität des Films. Und da sich für die Rolle der jungen Iris zudem noch die talentierte, sich sonst rar machende Kate Winslet ("Titanic", "Quills", "Enigma") fand sowie für den alten und jungen Bayley die verblüffend ähnlichen Hugh Bonneville und Jim Broadbent, kann sich Eyre auf ein exzellentes Ensemble stützen. Wenn sich auch Dench in der Zeichnung des Entsetzens, das darin liegt, seine wörtliche Verbindung zur Welt zu verlieren, erneut als große Erhabenheit ausweist, wirken die vier Hauptdarsteller gleichwertig. Das verdankt sich Eyres szenischem Feingefühl, sich gleich von Beginn an auf die Mittel des Bild- und Tonausdrucks verlassend.

In poetischem Symbolismus von Unterwasseraufnahmen treffen die Darsteller von Vergangenheit und Gegenwart schwimmend aufeinander. Eyre gelingt es damit recht kunstvoll und anrührend, die elegant miteinander verpflochtenen Zeitebenen in erklärende Korrespondenz zu setzen - ohne in Rührseligkeit davonzuschwimmen. Das Motiv kehrt wieder und sogar Hollywoodkomponist James Horner, sonst nur gewohnt Gefühlen Gewalt zu verleihen, trifft den richtigen, den leisen, tragischen und schönen Ton. Natürlich mit Violine, die spielt die Melodie des tristen Verfalls. In ihr bewegt sich Judi Dench mit beachtenswert gravitätischer Ruhe und eindringlicher Glaubwürdigkeit.

Durch den Verzicht auf biographische Chronologie wirkt die so interessante Beziehung zu ihrem Mann lückenhaft und zuweilen unerklärt, aber Eyres schlaglichtartiger Zeitwechsel, der Stadien der Liebe unterschlägt, ist dennoch zureichend, angenehm anders und darüber hinaus bestechend durch lyrische und metaphernreiche Bildsprache. Kate Winslet zeichnet die Konturen der Iris selbstsicher, natürlich und genau, und Jim Broadbent, der den alten Bayley skizziert, drückt die opferreiche Liebe zu Iris souverän aus. Mehr und mehr wird der Film so zu einer wahrhaft traurigen, von bitterer Ironie durchsetzten Dichtung, die konsequent und wirksam an ihr trübes Ende geführt wird. Wer intellektuelle Tragik mag, konnte selten schöner als hier am Leben leiden.

Salbungsvoll prosaisches Lebensbild mit erlesenen Darstellern


Flemming Schock