Intimacy

Frankreich 2000, 120min
R:Patrice Chéreau
B:Patrice Chéreau, Hanif Kureishi
D:Mark Rylance,
Kerry Fox,
Timothy Spall
L:IMDb
„Was würdest du von einer Frau halten, die es am Nachmittag mit einem Wildfremden treibt und am Abend einfach so zu ihrer Familie zurückkehrt?”
Inhalt
Zwei Menschen, ohne Namen und Geschichte, haben Sex - nur deshalb treffen sie sich. Doch aus der rein sexuellen Beziehung wird mehr, als sich der Mann für das wirkliche Leben der Frau interessiert. Als er aber in ihr wahres Leben vordringt, stellt sich die unvermeidliche Frage, was aus anonymem Sex wird, wenn er nicht mehr anonym bleibt...
Kurzkommentar
Hohe Wellen schlug "Intimacy", und über die extreme Freizügigkeit mag man geteilter Meinung sein. Der Rest des Filmes dürfte jedoch für weniger Kontroversen sorgen - der ist nämlich belanglos schlecht.
Kritik
Liest man einen Kommentar über "Intimacy", so ist das Generalthema Sex, bzw. die gezeigten Sexszenen. Und tatsächlich sind die auch diskutierenswert - um den eigentlichen Film schert sich jedoch keiner, krampfhaft bemüht darum, wahlweise die Sitten hochzuhalten oder wortgewaltig-liberal die Wiederentdeckung der Wahrhaftigkeit im Kino zu propagieren.

Also gut, gleich zur angeblichen Kernfrage: Ist "Intimacy" ein Porno, wie nicht nur empörte amerikanische Filmkritiker den hierzulande auf der Berlinale mehrfach ausgezeichneten Film geisselten? Nein, sicher nicht - weil letzlich, wenn es auch scheitert, die Geschichte im Vordergrund steht, die Sex-Szenen nur den Kitt bilden für die Geschichte, während es beim Porno klassischerweise, sofern er überhaupt über eine Handlung verfügt, genau anders herum ist. Zwangsläufig, wenn etwas skandalös aber doch irgendwie akzeptiert ist, muss es sich dann wohl um Kunst handeln. Und die Kunst, das nutzt Regisseur Patrice Chéreau zur Genüge, muss zum einen nicht schön sein, und zum anderen muss sie, ja darf sie, möchte man sagen, kein Blatt vor den Mund nehmen respektive vor die nackten Tatsachen halten. Auch muss sie keinen Zweck haben, das macht die Kunst geradezu aus. Und doch, da sie dem Zuschauer neben dem Eintrittsgeld auch zwei Stunden seines Lebens nimmt, im Falle von "Intimacy", so sollte sie ihm etwas zurückgeben können. Oder, unverkrampft und klassisch, wenn auch mitunter verpönt heutzutage: Wo ist sie, die Aussage, die Botschaft?

Doch zuvor: Nochmal gefragt, darf ein Film wirklich so drastisch sein? Darf er Geschlechtsverkehr "in echt" zeigen, nackte Körper, ungeschönte Körper, Geschlechtsteile, Fellatio ohne Abblende? Zweifellos wird damit eine weitere Grenze überschritten, doch das alleine ist nicht verdammenswert. Bisher blieb uns derart Deutliches verwehrt, sei es aus Schamhaftigkeit oder aus einem die Phantasie betonenden Kunstverständnis heraus, das sich mit Metaphern und Andeutungen zufrieden gibt, statt die Wahrheit platt zu zeigen. Wenn also dieser Schritt gemacht wird, so sollte er Sinn haben, Sinn machen, uns etwas neues bringen, etwas, das es rechtfertigt, diese Schranke niederzureissen, nicht ohne Not, sondern mit. Denn wenn es ohne Not geschieht, so dient es allein dem platten Voyeurismus, der primitiven Sensationslust. Über die Perversion, die sich besonders in Amerika breit gemacht hat, so unschöne Dinge wie Gewalt, Krieg und Tod in Filmen zu tolerieren, ja geradezu es zum Besucherzahlen treibenden Mittel zu machen, ist viel geschrieben worden - so sei nur angemerkt, dass es noch immer wahr ist. Denn Sex an sich ist eigentlich keineswegs auf diese Stufe zu stellen - im Gegensatz zu den zuvor genannten Motiven ist er zutiefst natürlich, mitunter sehr schön und lebensspendend. Trotz der grossen Intimität ist es also keinesfalls unanständiger, Sex zu zeigen als Krieg, noch dazu in patriotischer Verbrämung.

Auch hier jedoch geht "Intimacy" neue Wege: Der schöne, geschönte Sex ist verschwunden, der Film zeigt die eher unschönen Seiten, das Triebhafte, Animalische, Egoistische, noch dazu im schmuddeligen Ambiente. Von Erotik keine Spur. Auch das ist kein unverzeihlicher Tabubruch, aber erklärungsbedürftig.

Und nun kommt die grosse Enttäuschung: Alle die künstlerische, liberale, freidenkerische Toleranz, die dem Film den Weg ebnet, ihn nicht gleich verdammt, nur weil ein erigierter Penis im Bild zu sehen ist, verpufft. Denn wer hoffnungsvoll, dem Credo von der Abhängigkeit der Form von der Funktion folgend, glaubte, "Intimacy" habe nicht nur neue Bilder zu bieten, sondern auch neue Inhalte, wolle nicht nur optisch neue Wege gehen, sondern dem durchaus geneigten Zuschauer auch etwas Neues vermitteln, sieht sich maßlos enttäuscht. Nun denn, wir geben nicht auf, der Film hat nicht wenige Preise gewonnen, er muss gut sein: Wenn schon inhaltlich nicht avantgardistisch, dann wenigstens tiefschürfend, erkenntnisreich, solide - irgend etwas ansatzweise Positives? Fehlanzeige.

Inhaltlich ist "Intimacy" eine Mischung aus Vorabend-Soap, wirren Dialogen und viel, viel heisser Luft. Wer am Ende in analytischer, unverblendeter Manier versucht herauszufinden, was dieser Film uns sagen können wollte, muss lange suchen. Dass anonyme Sex-Beziehungen nicht funktionieren? Hätten wir uns denken können. (Und wussten es auch spätestens seit "Speed", nur als cineastische Randnotiz.) Dass eine gute Beziehung sowohl aus seelischer Fürsorge und gegenseitigem Füreinander besteht als auch aus der sexuellen Komponente? Auch nichts neues. Dass Barkeeper einfach cool und Schauspielerinnen ganz doll sensibel sind? Abgedroschener geht's kaum noch. Vielleicht dass triebhafter Sex zwar die körperlichen, nicht aber die seelischen Bedürfnisse befriedigt? Wer hätte es gedacht.

Diese Analyse mag etwas altklug oder zwanghaft abgeklärt klingen - aber letzlich ändert sich an den Fakten nichts, mir zumindest fällt partout keine schlüssige halbwegs interessante Interpretation ein, die nicht zumindest bei Woody Allen schon tausend Mal durchgenudelt worden wäre. Und auch filmisch schlägt sich das nieder - während der Film durchaus gekonnt und ganz klassisch der finalen Katastrophe entgegenstrebt, bekommt Patrice Chéreau Torschlusspanik, denn ihm fällt kein zwingendes Ende ein. Als Erklärung dafür mag einleuchten, dass Chéreau seine Geschichte aus verschiedenen Episoden des britischen Schriftsteller Hanif Kureishi zusammenschrieb - so verwundert es kaum, dass Chéreaus Umsetzung in ihrer Konsistenz nicht zu überzeugen vermag. Am Schluss driftet der Film ratlos zwischen verschiedenen Szenen, ziellos, verkrampft. Eine Entsprechung dazu zeigt sich schon zuvor in den wenig mitreissenden Nebengeschichten. Die filmischen Auslassungen zu Figuren Victor, Ian und Betty sind reichlich deplatziert und zusammenhanglos - bereits hier wusste Chéreau wohl nicht, wass er eigentlich will. Und auch seinen Darstellern konnte er nichts vermitteln: Während Mark Rylance zwischen minimal acting und dem Versuch, den Preis für das ärgste Grimassenschneiden zu gewinnen, hin und her wechselt, bleibt Kerry Fox völlig farblos. Alleine Timothy Spall kann wirklich überzeugen - er hatte allerdings auch die einzige schlüssige Rolle.

Liest man andere Kritiken, so kommt man zuweilen schon ins Staunen: So gelingt dem Regisseur angeblich eine radikale filmische Deutung menschlicher Geschlechtlichkeit - aha, was daran eine nennenswerte Deutung ist, zwei Menschen bei animalischem Sex auf dem Fussboden zu zeigen, ohne dass die Bettdecke am Kinn festgenagelt ist, müsste aber noch geklärt werden. Denn auch die angebliche Errungenschaft, echte Sexualität zu zeigen, die die falsche Welt des Pornofilms demaskiert, ist ein gewaltige Selbstlüge: Denn die reichlich inszenierten Sexszenen sind weder formal noch "inhaltlich" weniger a-normal als der "perfekte" Sex der Pornos. Er ist nicht minder artifiziell, nur eben im anderen Extrem. Somit ist der Film keine Deutung, keine Erkenntnis, keine Offenbarung, sondern, um es auf den Punkt zu bringen, nur eine äusserst gelungene PR-Inszenierung. Reduzierte man "Intimacy" um die skandalösen Sexszenen - niemandem wäre dieser Film weiter aufgefallen, da sich sein Inhalt in Belanglosigkeiten verliert, unwiderlegbar manifestiert in den reichlich sinnentleerten Monologen und Dialogstücken von Jay. Chéreau nutzt den Medienwirbel schamlos, ja obszön, aus, um seinen Film in die Feuilletons zu bringen, wo sich auch alle brav an das Drehbuch halten und sich über den Sex auslassen, nicht aber über den Rest des Filmes. Dass gar so viele Kritiker auf diese simpelste aller Maschen hereinfallen ist erstaunlich - wahrscheinlich ist es die Faszination des Nebenthemas Sex, denn wer hier Drastisches schreibt, kann sich profilieren. Vielleicht ist "Intimacy" aber auch einfach nur ein guter Deal für beide Seiten: Chéreau bekommt die gewünschte Aufmerksamkeit, die FeuilletonistInnen können ihrer Lust zum Pamphlet frönen, eine perfekte Symbiose zur gegenseitigen Existenzsicherung. Nur der Film, der bleibt auf der Strecke.

Auf Skandal getrimmte Belanglosigkeit


Wolfgang Huang