In the Mood for Love - Der Klang der Liebe
(Dut yeung nin wa)

China, 98min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Wong Kar-Wai
B:Wong Kar-Wai
D:Tony Chiu Wai Leung,
Maggie Cheung,
Ping Lam Siu
L:IMDb
„Manchmal nimmt etwas seinen Anfang, ohne das man es bemerkt.”
Inhalt
Gleichzeitig ziehen Herr Chow (Tony Leung) und Frau Su (Maggie Cheung) jeweils mit Ehepartner in eine enge Wohnung in der Shanghai-Kolonie in Hongkong. Doch die Ehepartner sind kaum zu Hause, ständig geschäftlich unterwegs. Und eines Tages müssen Herr Chow und Frau Su erkennen, dass ihre Ehepartner eine Affäre haben. Und verbunden in dieser Gemeinsamkeit entwickelt sich den beiden selbst so etwas wie eine Beziehung - unter den strengen Augen der Mitbewohner, gegen den strengen Moralkodex, gegen alle Widrigkeiten.
Kurzkommentar
"In the Mood for Love" biete dem Zuschauer viel, wenn man nicht dabei einschläft, schreibt eine amerikanische Kritik. Und in der Tat, der Film verlangt dem Berieselung gewöhnten Zuschauer einiges ab in seiner unendlichen Langsamkeit und seinen hypnotisierenden Bildern. Die angestrebte Aussage tritt da fast zu sehr in den Hintergrund ob all der angestrengten Form. Dennoch sehr sehenswert.
Kritik
Ich war erstaunt: Während ich das Kino in der festen Überzeugung verließ, den Film nicht wirklich verstanden zu haben, präsentierten sich alle Kritiken zu "In the Mood for Love" völlig interpretationssicher, und sprechen vom besten Film Wong Kar-Wais. Nicht als Seitenhieb, sondern um das Verständnis des Lesers für meine Interpretationsprobleme zu sichern, sei aber gesagt, dass die allermeisten dieser Kritiken auch nur an der Oberfläche kratzen, und die Fragen, die der Film aufwirft, die auf Anhieb unverständlichen Szenen völlig unbehandelt lassen. Welchen Sinn hat die dauernde Einblendung der Thermoskannen? Wieso immer die Uhr, mit verschiedenen Uhrzeiten? Weshalb die ausgedehnten Szenen in Sus Büro, deren Sinn völlig verschlossen bleibt? Oder weiter: Was tat Charles de Gaulle 1966 in Kambodscha? Wieso endet der Film mit Aufnahmen von Angkor Wat?

Im Allgemeinen nimmt man an, dass sich der Regisseur und Drehbuchautor bei jeder Szene etwas gedacht hat, er einen triftigen Grund hat, sie in den Film zu packen. "In the Mood for Love" strotzt nur so vor Szenen, die vom Zuschauer erst entschlüsselt werden müssen. Wohlgemerkt: Szenen. Es geht nicht um Story-Elemente oder Sequenzen, nicht um hochphilosophische Sätze oder verborgene Handlungen, über die sich trefflich sinnieren liesse, nein, "In the Mood for Love" überrascht mit ziemlich abrupt zusammengeschnittenen Bildern, deren Sinn sich einem erst im Nachhinein und nur sehr langsam erschliesst. Gerade da ich mir über zahlreiche dieser Bilder nicht im Klaren war, habe ich Hilfe bei Vor-Denkern gesucht, bei anderen Kritikern - aber viel ist dabei nicht herausgekommen. Die wirklich schwierigen Passagen bleiben stets unerläutert. Vieles lässt sich von einem guten Interpreten mit den vertrauten Werkzeugen beispielsweise der Literaturanalyse entschlüsseln - aber gegen Ende hin wird der Film immer undurchsichtiger. Ich will versuchen, besonders diese Stellen zu behandeln, im Wissen, dass ich mich auf hochglanzpoliertes Glatteis begebe.

Die Grundkonstellation dürfte für das HongKong der frühen Sechziger nicht untypisch sein: Flüchtlinge aus Shanghai, die sich in der britischen Kolonie ein besseres Leben erhoffen. Zwei Ehepaare müssen in der qualvollen Enge der viele Millionen beherbergenden Stadt dicht an dicht leben - und verbringen doch wenig Zeit miteinander, gefangen in dem unerbittlichen Rhythmus der Arbeitszeiten. Dass nun die Ehepartner der Nachbarn Su und Chow ein Verhältnis beginnen, ist weniger typisch und wirkt auch im Kontext des Filmes sehr konstruiert - aber gut, lassen wir uns darauf ein. Geschickt gemacht, wenn auch nicht unbedingt neu: Von jenen Ehepartnern sieht man so gut wie gar nichts, sie sind leere Schablonen, von denen man allenfalls hin und wieder Worthülsen vernimmt. Im Zentrum stehen ganz klar Su Li-Zhen, Sekretärin, und Chow Mo-Wan, Redakteur einer Zeitung. Sie begegnen sich in Alltagssituationen, auf der Treppe, im Hausflur, und bleiben stets distanziert. Doch nach einiger Zeit sind sich beide über das Verhältnis ihrer Partner im Klaren, und aus den zufälligen Begegnungen wird mehr. Sehr minimalistisch, mit wenig verbaler Austattung treibt Wong Kar-Wai die Entstehung der feinen Beziehung voran: Hier ein Wort, dort ein Blick, hier eine Geste: Man versteht sich, ohne es auszusprechen. Beide respektieren den Ehrenkodex, und wie ein Band zieht sich durch den Film die echoende Aussage, man wolle "nicht so wie die anderen" werden, man werde sich nicht der niederen Begierde hingeben. Und so bleibt die Beziehung geistig - und ausnahmsweise trifft der Titel des Filmes dessen Inhalt mal perfekt: Beide sind in der Stimmung für Liebe, für Sehnsucht, doch es bleibt bei der Stimmung, es kommt nicht zur actio. Alles Geschehen bleibt rational-emotional auf der geistigen Ebene, wird nie konkret, nie fleischlich, nie sexuell. In Gedanken schon, in Taten nein. Und so ergibt sich die kuriose Situation, dass die beiden das Getuschel der Nachbarn fürchten, obwohl sie kaum mehr tun, als sich im tristen Alltag gegenseitig zu stützen.

Der triste Alltag ist eines der Haupt-Hintergrund-Motive: Hierfür stehen Uhren und Krawatten. Denn bezeichnenderweise nimmt Sus Chef das Lob an seiner neuen Krawatte zum Anlass, wieder zur alten zurückzukehren, um nicht zu sehr aufzufallen. Unterordnung unter die Arbeit, unter das Gemeinwesen, unter die Uhr, unter den Staat. Platz für Individualismus bleibt kaum. Frau Su nutzt ihre Garderobe zu diesen Zweck: In jeder Szene, jeden Tag, trägt sie ein neues Kleid, und selbst die Nachbarn meinen, sie sei nur zum Nudeln holen doch ziemlich overdressed. Ob die Kleider die verschiedenen Gemütszustände Sus wider spiegeln, wie ein Kritiker schreibt, wage ich zu bezweifeln - es scheint keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Kleid und Gemütszustand zu geben. Klar ist aber, dass sie eine Art Ausbruch aus der von Konventionen und Eintönigkeit dominierten Lebenswelt darstellen sollen. Und auch die jeweilige Figur der Begierde hat diese Funktion: Es geht nicht um einen Seitensprung, nicht um Rache, nicht um Sexualität, sondern viel mehr um das Verstanden werden in einer allzu stromlinienförmigen, oberflächlichen Alltagswelt. So will etwa der seriöse Herr Chow, Zeitungsredakteur, in Wirklichkeit lieber Martial-Arts-Geschichten schreiben, und auch Frau Su kann für diese actionreiche, farbenfrohe Welt Begeisterung aufbringen.

Das letzte Drittel von "In the Mood for Love" beschäftigt sich mit Was-Wäre-Wenn-Fragen. Was wäre, wenn man den Ehepartner zur Rede stellen würde? Was wäre, wenn man sich zur Liebe bekennen würde? Was wäre, wenn man gemeinsam weit fort ins Ausland gehen würde? Das Rad der Geschichte dreht sich weiter, in China beginnt die Kulturrevolution, in Kambodscha landet Charles de Gaulle. Doch die Liebe der beiden kann all das zugleich überdauern und auch wieder nicht: Sie ist ewig und unmöglich. Das Versprechen der Liebe ist stets gültig, wartet stets darauf, erfüllt zu werden, und doch muss es ein stetes Geheimnis bleiben, eines, dass man in ein verborgenes Loch eine Baumes flüstert welches man danach mit Lehm verschliesst, auf dass der Baum es für immer für sich behält. Denn diese Liebe ist auch abhängig von der Situation, aus der sie geboren wurde: Nur in diesem Extremzustand konnten Konventionen und Regeln soweit gebeugt werden, dass mehr als distanzierte Freundlichkeit stattfinden konnte. In Gedanken bleibt den Liebenden immer die ferne Sehnsucht an jene Liebe, noch Jahre später kehren sie an die bedeutungsvollen Orte zurück: Doch obwohl das Versprechen ewig hält, ist der besondere Geist der Liebe inzwischen verschwunden, verweht, vergangen. Banal, aber wahr: Die Zeiten ändern sich.

So richtig sicher kann man sich all dessen dennoch nicht sein: Wieso Wong Kar-Wai den Baum durch eine Säule aus Angkor Wat ersetzt, habe ich immer noch nicht verstanden, und wer weiss, vielleicht fehlt mir so der Schlüssel zur ganzen Geschichte. Vielleicht gibt es eine eine unüberwindliche kulturelle Barriere bezüglich der Kollektivsymbolik - wahrscheinlich sogar. Wong Kar-Wai macht es einem nicht gerade leicht: Er erklärt seinen Film nicht, geschweige denn ist er selbsterklärend. Man gelangt zu einem diffusen Gefühl, zu einem hypnotisierenden Gefühl, und niemals gelangt man zu Gewissheit, zu Endgültigkeit. Aber ist vielleicht gerade das das Credo des Filmes. Handwerklich setzen Wong und sein langjähriger Kameramann dazu gekonnte Stilmittel ein: Szenen von derartiger Langsamkeit, dass man an Zeitlupen glauben mag - aber der Regen drumherum fällt wie normal. Der ganze Film ist in Farbtöne zwischen rot und ocker getaucht, was die optische Schwere auf die Spitze treibt. Und auch die Musik wiederholt das ewig selbe Thema, immer das gleiche, aber zur Verblüffung: Nat King Cole-Klassiker, aber auf spanisch.

Ob all das jetzt einen tollen Film macht? Sind all die Auszeichnungen verdient? Mitunter beschleicht mich das Gefühl, dass all die bedeutungsschweren Elemente etwas willkürlich zusammengewürfelt sind - es wird schon niemand merken. Andererseits ist die Konsequenz, mit der Wong den Film durchgängig inszeniert, schon beeindruckend. Man kann darüber streiten, inwiefern ein Film Sinn macht, der sich nicht um seine Zuschauer kümmert, andererseits liegt darin etwas erfrischendes. Und man könnte spekulieren, ob man die Botschaft des Filmes, nicht knapper, bündiger, konzentrierter, wirksamer hätte vermitteln sollen. Andererseits: Warum sollte man?


Anstrengende, schwere, unendlich langsame aber nichtsdestotrotz sehenswerte Beziehungsgeschichte


Wolfgang Huang