In stürmischen Zeiten
(The man who cried)

USA 2000, 97min
R:Sally Potter
B:Sally Potter
D:Christina Ricci,
Cate Blanchett,
John Turturro,
Johnny Depp
L:IMDb
„Man sollte niemals vertrauen. Man sollte nicht lieben.”
Inhalt
Als junges Mädchen muss Feigele (Claudia Lander-Duke, Christina Ricci) aus ihrer russischen Heimat vor den Progromen fliehen, nachdem kurz zuvor bereits ihr Vater in die USA auswanderte. Völlig alleine und verloren verbingt sie ihre Jugend zunächst in einem britischen Waisenhaus (wo sie den Namen Suzie erhält), um später in Paris als Komparsin zu arbeiten. Ihr grosses Ziel ist es aber, ihren Vater in Amerika wieder zu finden. Doch ihre opportunistische Freundin Lola (Cate Blanchett) vergisst ihr Versprechen, ihr zu helfen, und beginnt eine Affäre mit dem Mussolini-Anhänger und Opernstar Danté (John Turturro). Die heimatlose Suzie kann mit der falschen Glamour-Welt nichts anfangen und sucht Halt bei dem Kunstreiter und Zigeuner Cesar (Johnny Depp). Doch mitten in das allzu zerbrechliche Glück platzen die deutschen Nationalsozialisten, die Paris erobern...
Kurzkommentar
Eine ungewöhnliche Mischung hat Sally Potter da gemixt: Schauspieler die man mehr oder weniger aus Independent-Filmen kennt in klischeehaften Rollen, eine Geschichte, die nach Vergangenheitsbewältigung schreit und fast völlig unhistorisch bleibt, ausdrucksstarke Bilder und Musik und dazu minimal acting der Darsteller. Die Kritiken fallen denn auch sehr gespalten aus, für mich ist "In stürmischen Zeiten" eine wunderbar unpräteniös inszenierte Geschichte von grosser, aber nicht hoffnungsloser Schwermut.
Kritik
Ein untrügliches Kennzeichen für ambitionierte Filme jenseits der Massenware sind unter anderem zwei Dinge: Obwohl lauter amerikanische Schauspieler mitspielen, entstand der Film in Europa und kommt auch dort zuerst in die Kinos, und er hat einen völlig Starkult-inkompatiblen Abspann mit "Cast in Order of Apperance".
"In stürmischen Zeiten" ist ein solcher Film und das merkt man auch anderen Stellen recht deutlich. Die weniger wohlwollenden Kritiker schreiben, er sei unhistorisch, platt, überladen, banal. Wahr ist, dass er lange nicht perfekt ist, mir aber dennoch ausnehmend gut gefallen hat, vor allem aus einem Grund: Es wird wenig gesprochen, kein endloses Gerede. Stattdessen: Viele bemerkenswerte Bilder, starke Musik, von Verdi und in Zigeuner-Tradition, reduziertes Schauspiel. Beispielhaft mag eine Szene sein, in der man, kurz nur und im Hintergrund, den Place de la Concorde sieht: völlig leer.
Sally Potter ist nicht unbedingt für abstrahiert-minimalistische Inszenierungen bekannt, aber ein nicht unerheblicher Reiz in "In stürmischen Zeiten" geht von dem aus, was nicht stattfindet. Dass dann die geäusserten Sätze schwerer wiegen, folgt zwangsläufig, und vielleicht sind hier tatsächlich ein paar Banalitäten zu finden, die umso mehr auffallen. Und, es stimmt, von ungeheurer Tiefe sind die geschilderten Figuren nicht unbedingt. Der Opernstar und Mussolini-Anhänger Dante als feiger Italiener, die opportunistische Russin, der steife Engländer. Das macht den Film überschaubar, die Handlungsmotivation auch: Dante will berühmt werden, Lola reich, Cesar unabhängig sein, Suzie glücklich. Andererseits spiegeln sich hier natürlich eine Art Grundbedürfnisse ab. Ob das nun dem Credo der Reduktion folgt oder tatsächlich ein bisschen platt ist, ich bin mir nicht sicher. Allerdings trägt die Situation alleine schon schwer genug. Eigentlich ist es schade, dass der deutsche Titel so abgegriffen klingt, denn passen tut er. Es sind stürmische Zeiten, im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts, Europa ist in Aufruhr, und das vermittelt der Film mit wenigen Szenen sehr eindringlich. In diesem Rahmen wirken die reduzierten Charaktere eher angenehm, brächten alle noch ihre tiefen Gefühlskonflikte auf die Leinwand, es wäre einfach zuviel der Schwere.
Überhaupt ist es die Schwermut, die den Liedern der Zigeuner irgendwie innezuwohnen scheint, die den Film zu mehr machen als einer einfach Geschichte der Vertreibung mit ein paar unübersehbaren Mängeln. Episch ist das Ganze nicht, aber dennoch mitreissend. Man taucht ein in die Zeit, die irgendwie größer war, als es die unsere ist: Größere Trauer, größerer Schmerz, größere Hoffnung, größere Enttäuschung, größerers Glück.
Dass sie all das unprätentiös auf die Leinwand bannte, das ist der eigentliche Verdienst Sally Potters. Die Mittel dazu sind die eindringliche Kamerarbeit von Sacha Vierney und die nicht minder gekonnte Musikauswahl von Osvaldo Golijov. Und auch wenn der Kritiker von BBC Films den Cast als die 4 unverständlichen Fehler bezeichnet, so finde ich die Besetzung durchaus gelungen. Johnny Depp bleibt angenehm ihm Hintergund, Turturro und Blanchett als Pärchen können überzeugen, aber die wirklich grosse Stunde schlägt für Christina Ricci. Mit "In stürmischen Zeiten" gelingt ihr endgültig die Loslösung vom langsam aber sicher etwas albern wirkenden Gothic-Stil, den alle ihre Charaktere irgendwie trugen. Auch sie spielt die Rolle der orientierungslosen Suzie schlicht, aber überzeugend.
Die Mischung aus all den schwierigen Zutaten ist Sally Potter jedenfalls gelungen. Wer keine Angst vor Melancholie hat und den Klängen der Zigeuner etwas abgewinnen kann, liegt mit "In stürmischen Zeiten" auf jeden Fall richtig.


Schwermütige, aber wunderschöne Melancholie


Wolfgang Huang