Instinkt
(Instinct)

USA 1999, 120min
R:Jon Turteltaub
B:Gerald Di Pego
D:Anthony Hopkins,
Cuba Gooding Jr.
L:IMDb
Inhalt
Dr. Ethan Powell (Anthony Hopkins), Ethnologie und Primatologe, fühlte sich von der Faszination ruandischer Berggorillas derart magisch angezogen, daß er kurzerhand seiner Familie und der Zivilisation Goodbye sagte. Einige Jahre später sieht er sich unter starkem Mordverdacht in einem verwahrlosten amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert und schweigt beharrlich. Der junge, hochmotivierte Psychoanalytiker Theo Caulder (Cuba Gooding Jr.) wittert im verschlossenen Powell nicht nur eine Chance für das Erklimmen seiner Karriereleiter, vielmehr ist er ernsthaft darauf bedacht, das gesamte Mysterium des wortlosen 'Affenmannes' zu ergründen und ihn seiner Tochter Lyn (Maura Tierney) wiederzugeben, die er ohne Erklärung im Stich ließ.
Kritik
Dem Filmtitel zugrunde liegen zwei entgegengestetze Definitionen des 'Instinkt'-Terminus: auf der einen Seite der anthropologische Inhalt, der 'schlechte, zum Schlechten neigende Trieb des Menschen', auf der anderen der primatologische, also die 'angeborene, keiner Übung bedürfende Verhaltensweise und Reaktionsbereitschaft der Triebssphäre im Sinne der Selbst- und Arterhaltung'. Letzteres wird im unschuldig positiven Sinne auf die Sozialsphäre der Gorillas übertragen, die von Weichwaschregisseur Ron Turteltaub als angestrengtes Symbol der menschlichen Entartung arrangiert werden, was als ethische Moralpredigt nicht weniger rott und alt ist als der Urwald selbst. Das kein Mensch so unschuldig naturrein leiden und ausdruckslos eindrucksvoll pathetisch sterben kann wie ein Menschenaffe, ist seit 'Gorillas im Nebel' als ein überstrapaziertes Leitmotiv der Primatenfilme zu beobachten. Alles danach war stilgerechte Variation, die gerade in diesem Jahr erst mit 'Mein großer Freund Joe' und nun mit 'Instinkt' den zivilisationsgebeutelten Affen im Kino losläßt.

Wenigstens ist die Tropen- und Affenvisite nicht die Priorität des kitschigen Drehbuchs, sondern die berechtigte Hoffnung auf ein packendes Psychoduell der beiden oscarprämierten Hauptdarsteller. Sieht man Gooding jr. Rolle des tatkräftigen Jungpyschologen noch nicht unbedingt als geistloser Witz einer Drehbuchkonvention, so unverschämt schablonenhaft präsentiert man Anthony 'Menschfresser' Hopkins als vorerst stimmlos animalischer Psychopath, in seinem Outfit irgendwo zwischen unter Totalamnesie leidenden Erzpenner und verlotterten Messias, zurück in die Fesseln der Zivilisation und frei nach 'schlage deinen Nächsten' Mentalität handelnd. Naja, da mysterisch-sinistere, genialische Charaktere die Spezialität Hopkins sind, läßt er den apathischen Senior-Mogli zunehmend souverän raushängen, bedient den Zuschauer mit dem Erwarteten, und auch Gooding Jr. spielt über alle Zweifel erhaben auf.

Sind die ersten Szenen des zaghaften Herantastens noch verheißungsvoll, fragt man sich bald, wo die wirklich erforschende, ausgefeilte und vor allem psychologische Gesprächsführung bleibt, wenn sich ein Film auf den Boden eines Genres bewegt, daß seinen Reiz allein aus der Chemie zweier Hauptdarsteller bezieht. Ein intelligent ausgeklügeltes Kammerspiel fand in den beiden Ausnahmedarstellern optimalen Nährboden, den Regisseur Turteltaub aber ordentlich madig macht. Seine Umsetzung dümpelt selbstgefällig puritanisch an ätzend zivilisationskritischer Oberfläche und wird durch konventionell pathetische Stilmittel berechenbar und abgeschmackt. Da erfährt der weißbärtige Urwaldforscher die endgültige Selbsterkenntnis der menschlichen Bestimmung durch Integration in die Lebenswelt der Gorillas, begleitet von triefend gefühlsduseliger 08/15 Musik: Die Gorillas als Verbindungsglied zur natürlichen Vergangenheit des von Herrschsucht freien Menschen und Urtypus weltharmonischer Unschuld.

Es ist schon annähernd geschmacklos, mit welcher Vehemenz auf dem überbeanspruchten Urwaldethos rumgeritten und der Zivilisationsmensch selbstredend als eigentlicher 'Täter' in das natürliche Gleichgewicht einbrechend, verurteilt wird. Die moralische Standpauke ist zum kotzen breitgetreten, die Darbietung der Kontrahenten kann nur bedingt Schadensbegrenzung leisten. Nicht, daß wir eine amerikanisierte Variante des eindringlichen 'Totmachers' erwartet hätten, aber schon etwas mehr als einen vordergründig phrasenhaften Schnellkurs in Theorie der Zivilisationskritik und Naturphilosophie. Auch wäre dem Zuschauer nicht mit psychologischem Fachchinesisch gedient gewesen, doch wirkt es mitunter dilettantisch, welcher Gesprächsstrategien sich der Seelenklemptner bedient, bis er vom großen Buschdoktor die Offenbarung des Lebens lernt, dessen Agressionen naturrechtliche Legitimation erfahren. In diesen Diskurs zeigt sich noch überflüssigerweise der kleinere des Gefängnisdramas integriert, der menschenwürdige Rechtsverhältnisse gegen den Widerstand eines sadistischen Aufsehers und ignoranten Rektors natürlich rekonstituiert. Wer dies wohlwollend in Kauf nimmt und dem ekeligen moralisch-etischen Bombardement ausweichen kann, wird vielleicht noch Kurzweil genießen, bis ihn der hingeschluderte Showdown in Unzufriedenheit entläßt.

Animalischer Messias übt transusige Zivilisationskritik: wenig Tiefsinn, viel Pathetik


Flemming Schock