Innere Sicherheit, Die

Deutschland, 104min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Christian Petzold
B:Harun Farocki, Christian Petzold
D:Julia Hummer,
Richy Müller,
Barbara Auer
L:IMDb
„Wenn du verwirrt bist und schwach, dann musst du schweigen”
Inhalt
Seit 15 Jahren lebt das einstige Terroristenpaar Clara (Barbara Auer) und Hans (Richy Müller) im Untergrund - sie tarnen sich zwischen den anonymen Touristen an den Atlantikstränden Portugals. Damals haben sie ein Tabu gebrochen: Sie haben eine Tochter gezeugt (Julia Hummer). Ein Mädchen, das nie eine Schule besucht hat, das nie die Kleidung mit ihren Freundinnen tauschen konnte, das nie den Unterricht schwänzte, durch Städte streifte und in Eisdielen Schluß mit ihrem Freund machte. Ein Mädchen, das allein ist. Die Eltern sind kurz davor, sich eine halbwegs legale Identität irgendwo in Brasilien zusammenzubasteln, als durch eine Unaufmerksamkeit alles zusammenbricht. Noch einmal müssen sie fliehen, und ihre Flucht führt sie nach Deutschland. Währenddessen hat ihre Tochter begonnen, sich zu verlieben.
Kurzkommentar
Mit einer großartigen Ensembleleistung, mit einem einfühlsamen, gleichzeitig distanzierten und nicht verengenden Blick deichselt Christian Petzold in "Die innere Sicherheit" ein Stück verdrängter Geschichte. Durch Verzicht auf politischen Lehrcharakter und Konzentration auf existenzlose Menschen, zu deren Mentalität der Film einen gestisch starken Zugang findet, besticht Petzolds Kinodebüt, weil es durch Schweigen spricht - der deutsche Film findet zu seiner Form.
Kritik
Die Erinnerung an den Terrorismus der 70er Jahre, an die RAF ist unverarbeitet, das "System" der Bundesrepublik hat längt gesiegt. War es vor etlichen Jahren sicher noch ein heikles Thema, das Phänomen filmisch-ästhetisch zu kommentieren, da jede Perspektive irgendwem die völlig falsche gewesen wäre, so berührt es heute niemanden mehr, ist es nurmehr ein zerstückeltes Gespenst der Vergangenheit; gerade die Generation der jetzt Zwanzigjährigen weiß davon nichts mehr. Die Gemütshitze ist längst erkaltet und dokumentarischer Distanz gewichen. Wenn überhaupt, zeigen sich aktuellere Aufarbeitungsversuche im Kino zwar bemüht, auch bemüht politisch, aber wie beim Schlöndorffs "Die Stille nach dem Schuss" vor allem bedächtig leise und antiquiert, fast wie eine Schimäre, die, genau wie der Begriff "Untergrund", jeden Kontext verloren hat.

Christian Petzold (geb. 1960), Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie, drehte Kurz- und Dokumentarfilme sowie bereits drei Spielfilme. Mit seinem Kinodebüt "Die innere Sicherheit" empfiehlt er sich nicht nur erneut als großer Könner des intensiven Films, sondern erhebt gleich Anspruch auf einen Platz in der ersten Reihe deutscher Regisseure. Fortgesetzt sieht sich der ein wenig erlösende, eindeutig positive Trend heimischer Produktionen, die zunehmend sicher zu sich selbst finden. Man denke nur an "Vergiss Amerika", "Grüne Wüste" oder "Das Experiment". Mit Letzterem hat sich Petzold an die strapazierte Thematik genähert und den klugen Schritt getan, seinem Film die Stille über Politik zu gewähren, die Schlöndorffs Brückenschlag von Fiktion und Dokument nur in den letzten Sekunden birgt. Vordem wird viel über Politik, System und Traum geredet, worüber der Zuschauer als Beobachter bald außen vor bleibt. Wie Schlöndorffs Film, trägt auch der von Petzold einen metaphorischen, vor allem zweideutigen Titel: "Die innere Sicherheit" bezieht sich zum einen auf das als Bühne funktionalisierte Kapitel des RAF-Terrorismus gegen die Sicherheit der BRD, zum anderen darauf, dass ehemalige Terroristen von der Staatsmacht und ihrer eigenen Vergangenheit verfolgt, die Sicherheit ihrer inneren und äußeren Lebensumstände einbüßten. So ist es auch die immerwährende, in die Fremde vor sich selbst treibende Flucht.

Das klingt nun nicht neu, aber Petzhold setzt bemerkenserte Akzente, indem er den politischen Hintergrund fast in Zeitlosigkeit auflöst und sich stattdessen auf die - im gewissen Sinne auch politische - (Verteidigungs)Zelle der Familie konzentriert. In vielerlei Hinsicht ist "Die innere Sicherheit" für den Zuschauer fruchtbar, weil sein Zugang aktives Mitsehen fordert, dann aber eindringlich und aufschlussreich über Mentalitäten ist - und das gerade durch die knapp dosierten Dialoge. Der Subtext wird zum eigentlichen Hauptplot, wenn um ganz normale Familienprobleme mit einer pubertierenden Tochter unter extreme Existenzbedingungen geht. Konzentriert finden sich da Momente des Vertrauens, das, nachdem die Tochter immer mit den Eltern auf der Flucht und von Gleichaltrigen isoliert war, schon lange nicht mehr verbalisiert wird. Ihre letzte Sicherheit ist die des schon lange wortlos gewordenen, bedingungslosen Zusammenhalts. Während bei den Eltern nur noch in Bruchstücken die Ideale und Taten der Eltern erahnbar sind, träumt die Phantasie der wurzellosen Tochter das Leben in der Normalität.

Ihr sehnsuchtsvoller Wusch, nach fünfzehn Jahren "on the Road" endlich einen Platz zu finden, wo sie die erste Liebe und schlichtweg das Leben erleben kann, drückt die Jungentdeckung Julia Hummer ("Absolute Giganten") bemerkenswert realistisch aus. In Gestik und Haltung finden sich reife Einsicht als auch pubertierender Widerwillen. Als sie in Portugal, einer Station ihrer Flucht, im Surfer Heinrich die Liebe entdeckt, zeigt sich bald, dass er sich, um ihr gegenüber attraktiver zu wirken, wiederum aus jener für ihn trostlosen Realität fortträumt, nach der sich Jeanne sehnt. Mit Jeannes Vergangenheit und Verschlossenheit, mit der sie sich und ihre Eltern zu schützen gelernt hat, scheint die gemeinsame Wirklichkeit fast unmöglich. Ihre Phantasien begegnen sich, nicht aber die Liebenden selbst. "Die innere Sicherheit" nimmt durch den langsamen, analytischen, aber nicht psychologisierenden Rhythmus gefangen. So ist Petzolds Blick auch ein verdichtend berschreibender, der die Rätselhaftigkeit und Ambivalenz der Handelnden nicht einer verkürzenden Erklärung preisgibt. Das vielfache Schweigen mit vielsagenden Blicken dokumentiert Ängste und Hoffnungen eng beeinander. Und auch formal gelingt Petzold durch bewusst sparsame Tonkomposition und Gefühl für szenische Stimmungen ein nachdenklich machendes, wichtiges Werk, dessen Studiencharakter sich der Beschränkung auf die jüngere Geschichte geschickt entzieht.

Klug modellierte "Terroristenstudie" aus ungewöhnlicher Perspektive


Flemming Schock