Pornographische Beziehung, Eine
(Liaison Pornographique, Une)

Frankreich, 81min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Frédéric Fonteyne
B:Phlilippe Blasband
D:Nathalie Bayne,
Sergi Lopez
L:IMDb
„Eines Tages wirst du mich hassen, und alles, was uns bleiben wird, sind die Erinnerungen.”
Inhalt
Eine Frau (Nathalie Baye) hat in einem Sexmagazin eine Kontaktanzeige aufgegeben. Ein Mann (Sergi Lopez) antwortet, sie treffen sich in einem Café und finden sich auf Anhieb sympathisch. Gemeinsam leben sie auf einem Hotelzimmer ihre sexuellen Phantasien aus und beschließen, sich regelmäßig wiederzusehen. Eigentlich unerwartet schleicht sich nach und nach leise die Liebe ins Spiel und macht die Beziehung viel komplizierter, als ursprünglich gedacht.
Kurzkommentar
Eine feinfühlige, ruhige Erzählung und eindringliche Darstellerleistungen machen aus dem "pornografischen" ein weises, vielleicht sogar befreiendenes Drama einer Liebe. Die reflektierende Darstellung birgt wundervolle Kinoaugenblicke und entzieht sich klug einer eindimensionalen Klärung.
Kritik
Ihre Namen bleiben ebenso verborgen wie ihre Identitäten. Sie ist einfach nur "Sie", er ist "Er". So wird das Geheimnisvolle, das Distanzierte und gleichzeitig Unmittelbare gewahrt. Alles ist flüchtig, exemplarisch, beliebig und doch etwas Besonderes. In Interviews beginnen die Protagonisten, mit ausdrucksvollen, wehmütigen Gesichtern die Geschichte ihrer ungewöhnlichen Liason von Beginn an aufzurollen. Am Anfang stand das Verlangen nach einer sexuellen Phantasie, um sich von der quälenden Sehnsucht nach ihr auf ewig befreit zu sehen.

Der provokante und gleichzeitig widersinnige Titel führt bewusst in die Irre und bezeichnet gekonnt den achronischen Entwicklungsgang von Frédéric Fonteynes Melodram. Sehr erhellend ist, die Beziehung eben nicht nach konventioneller Vorstellung, also mit dem zaghaften Herantasten beginnen und mit Sex enden zu lassen, sondern im Gegenteil. Alles nimmt seinen Anfang im Intimsten, in das die wohldurchdachte Schilderung nur bedingt vorstößt. Auf Sexszenen, die viel Fleisch, aber keine Erotik zeigen, wird dankbarerweise verzichtet. Das Innige bleibt zusammem mit der sexuellen Phantasie mysteriös.

Es ist, wie "Sie" es umschreibt, eine pornografische Beziehung in der Hinsicht, dass psychische und partnerschaftliche Gesichtspunkte keine Rolle spielen sollten, spielen durften. Aber anonymen Sex und keine "Liebe" zu haben, kann auf Dauer nicht gut gehen. Nach der körperlichen Gewöhnung nimmt das Verhängnis seinen Lauf und die Liebe ihren Anfang. "Er" wirft ein, dass ihre Gespräche nicht ihr Leben betroffen haben, dass sie sich also bedingungslos und ohne Frage nach der Vergangenheit aufeinander einließen. Aber doch fehlte der Mut, gänzlich in das Leben des Anderen zu treten. Lieber verharrten sie im Traum, von dem sie hofften, dass er etwas größeres werden könnte, es aber nicht aussprachen, sondern letztlich annahmen, dass die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen über allem steht. So scheinen sie bereits in der Gegenwart in der Erinnerung und der Vorstellung zu leben, dass die wirkliche Liebe niemals die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen kann.

Das ist vielleicht keine aufregend neue Botschaft, aber Fonteynes hat sie im positiven Sinne naiv und berührend umgesetzt. Die reife Erzählung spart mit Dialogen in genau den richtigen Momenten und lebt unvergleichlich von den ausdrucksstarken Mimiken der Darsteller. Ohnehin sind es Nathalie Baye, die in Venedig den Preis als beste Darstellerin erhielt, und Sergi Lopez, die dem Film eine selten glaubwürdige Note verleihen und ihn ohne viele Worte mühelos tragen. Durch den Blickaustausch scheinen sie das Innerste des Anderen besser als durch jedes Wort verstehen zu können - hier erzählt das Schweigen. Besonders der Moment, in dem sie ihm endlich ihre Liebe gesteht, ist ziemlich poetisch geraten, er wirkt wahr und nachhaltig. Als sich die Liebenden in einer Szene mit einer zynischen Alten konfrontiert sehen, die droht, sich im Todesfalle ihres Mannes umzubringen, weil der Schmerz nicht zu ertragen wäre, werden sie nachhaltig mit der Vergänglichkeit konfrontiert.

Ergänzt um die "umgedrehte", erfrischende Erzählökonomie und Bettszenen, die wirklich als Erzählbausteine dienen, ergibt sich ein weiser, die Gefühlswelt sensibel auslotender Film, der trotz weniger Worte sehr viel zu sagen hat. Als nur in einem, aber entscheidenden Moment das Einfühlungsvermögen versagt und der Blick des Anderen missgedeutet wird, kommt es zu dem, das sie im Endeffekt trotzdem lächeln lässt: die schmunzelnd machende Erinnerung an etwas, dessen letzten Schritt man aus Angst vor dem zeitlich begrenzten Glück nicht wagte.

Stimmungsvoll gereiftes Erinnern an eine versäumte Liebe


Flemming Schock