Weisheit der Krokodile, Die
(The Wisdom of Crocodiles)

UK, 99min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Po-Chih Leong
B:Paul Hoffman
D:Jude Law,
Elina Löwensohn,
Timothy Spall,
Jack Davenport
L:IMDb
„Das ist die Weisheit der Krokodile: Bevor sie ihre Opfer verschlingen, vergießen sie Tränen.”
Inhalt
Er vereint in sich alles, was in der pulsierenden Metropole London erfolgreiche soziale Integration und erfülltes Leben bedeutet: eine renommierte Stelle in medizinischer Forschung, anziehenden Charaktercharme, der die Frauen durch feinfühlige Gesprächsführung zu fesseln vermag, gutes Aussehen und ein begnadetes Zeichentalent. Dennoch ist dies nur die Fassade des geheimnisvollen Steven Grlscz (Jude Law), der, im Innern vollends isoliert, ein Vampir der letzten Generation ist. Weitestgehend der Biologie des Menschen ähnlich, ist er kein Nachtwesen und nicht mehr durch die permanente, lüsterne Gier, sondern allein durch lebensbedingenen Trieb nach Blut noch Vampir widerwillen. Er tötet selten und geht mit seinen Opfern - ausschließlich Frauen - vorher eine emotionale Beziehung ein, beobachtet sie präzise und führt analysierendes Tagebuch über jede Einzelne. Die Emotionen, die er buchstäblich von den Frauen in sich aufsaugt, sind für ihn zur existentielleren Nahrung geworden als das eigentliche Blut. Er fixiert jede Einzelne in einem Kristall. Als die Leiche seiner letzten Freundin jedoch wieder auftaucht, wird Steven auch mit einem anderen mysteriösen Todesfall in Verbindung gebracht und von einem Inspektor (Timothy Spall) beschattet. Das bisher von den Frauen aufgesogene Gefühlsleben war belastet und negativ, mit der Folge der schmerzhaften Melancholie und Stevens fortschreitendem körperlichen Verfall. Als rettendes "Kompensationsopfer" sieht er die unbeschwerte Bauingenieurin Anne (Elina Löwensohn). Allein ihre pure, innigste Liebe kann ihm als heilende Essenz dienen. Doch muß Steven seine Liebe sterben lassen, damit er leben kann.
Kritik
Der chinesische Regisseur Po-Chih Leong (Shanghai 1920) präsentiert den in letzter Zeit beinahe schon inflationär verarbeiteten Vampirmythos in einer überraschenden Variation. Von all dem, das klischeehaft-traditionell Vampirassoziationen bestimmt, taucht hier nichts auf: kein Knoblauch, keine langen Zähne, keine Scheu vor Licht, aber vor allem keine Schockelemente oder blutrünstiger Horror. Allein das Grundmotiv der Isolation wirkt bekannt, wird indessen durch Reflexion und regelrecht kontemplative Momente feinfühlig bearbeitet. Es entfaltet sich ein langsam atmender Kontrast zu Filmen wie Blade, ja sogar eine völlige Neukonzeption der Vampirthematik mit einem weiten Metaphernfeld. Der den Film tragende Gedanke, daß der Vampir das Blut nicht als ordinäre Nahrung, sondern als konzentrierte, die eigene Fortdauer diktierende, emotionale Empfindung benötigt, ist erfrischend neu und dazu noch intelligent umgesetzt. Der Film lebt sichtbar von seiner analytischen, ruhigen Beobachtung. Die Dialoge der Handelnden und die im Cut-Off wiedergegebenen Gedanken Stevens zu Beginn und Ende sind bewußt begrenzt, sentenziös und hochkonzentriert eingesetzt. Ein Wort erreicht tiefen Ausdruck und harmonisiert perfekt mit der Kamera, die auf Gesichtern ruht und das Zweifeln, die Ängste und Ambivalenzen der Menschen aus Abgründen hervorzuholen vermag. Eindringlich facettenreich vermittelt Jude Law - bekannt aus Gattaca und Oscar Wilde - die Seelenkrankheit und Isolation des Vampirs, der für seine Opfer stark empfindet und erst durch diese wahren Empfindungen befähigt ist, die Seele der nicht boshaft getöteten Frauen auf sich zu übertragen. Dennoch hat der Biß in den Hals keinen übersteigerten Pathos, sondern vielmehr selbstreferentiellen Charakter der Trauer, der Verzweifelung über die Einsamkeit, über die Gegenwärtigkeit des Verfalls.

Unverstellt und natürlich verkörpert Elina Löwensohn die Figur der lebensbejahenden Anne, die Stevens introvertiertes Auftreten kontrastiert und ihm die gerechtfertigte Hoffnung auf neue Kraft gibt. Neben dieser subtilen Zeichung entsteht noch eine Parallelhandlung: Stevens Beziehung zu dem ihn untersuchenden Polizisten, der genau wie der Zuschauer, immer mehr Sympathie für den Geheimnisvollen erübrigt. Doch nicht nur sein mythisches Etwas fesselt. Besonders die von Steven gegenüber dem Polizisten Inspector Healey mit bedeutungsvollen Blicken relativierte Grenzziehung zwischen Gut und Böse berührt unmittelbar. Verzweifelte Existenzphilosophie und sinnierende Selbstreflexion bestimmen Steven, der sich in seinem Verhalten letztendlich als ein Reptil betrachtet - als das Krokodil, das seine Beute beobachtet und als Einzeltier jagt. Je weiter seine Liebe für Anne wächst, umso schwieriger wird es für ihn, sie zu töten. Das Geschehen intensiviert sich gegen Ende hin in eindringlichen Worten, Gesten und schmerzvoll empfindsamen Blicken. Auch wenn sich Drehbuch und Darstellung in den letzten Momenten in Theatralik verlieren, wird intelligente Intensität durchgehalten, gekleidet in elegante, ruhige Optik.

Kunst- und gefühlvolle Variation des Vampirmythos mit glanzvollen Darstellern


Flemming Schock