Virgin Suicides, The

USA, 96min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sofia Coppola
B:Jeffrey Eugenides,Sofia Coppola
D:James Woods,
Kathleen Turner,
Kirsten Dunst,
Josh Hartnett
L:IMDb
„Waren Sie schon mal ein dreizehnjähriges Mädchen, Doc?”
Inhalt
25 Jahre ist es her, dass der Selbstmord der fünf Lisbon Schwestern das ruhige Suburbia von Pointe Grosse erschütterte. Die Jungen, die die Mädchen damals bewunderten, versuchen aus ihrer Erinnerung das Puzzle zusammenzusetzen und zu verstehen, was geschah.
Kurzkommentar
"The Virging Suicides" ist ein Drama, das einen amüsiert und bewegt. Die Erzählweise ist sehr authentisch, die Musik genial. Sehr gute Schauspielerleistungen und eine originalgetreue 70s Suburbia Ausstattung und Kostümierung erwecken die Geschichte und die Charaktere zum Leben. Gleichzeitig ist es das vielleicht beste Pubertätsportrait der 90er Jahre.
Kritik
"The Virgin Suicides" stellt das Regiedebüt von Sofia Coppola dar, Tochter des erfolgreichen Regisseurs und Produzenten Francis Ford Coppola. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend an Filmsets und bekam so quasi das Filmhandwerk in die Wiege gelegt. Nach einigen Schauspielarbeiten nun die unter anderem von ihrem Vater produzierte erste Regiearbeit.

"Virgin Suicides" lässt sich schwer mit anderen Filmen vergleichen, nur zu "American Beauty" sind die Ähnlichkeiten frappierend. Die Filme entstanden in etwa zeitgleich, von Plagiatismus kann also keine Rede sein. Und doch ähneln sich die Filme sehr stark. Beide Filme haben den Anspruch einerseits komisch und leichtfüßig zu sein, andererseits den Zuschauer zu bewegen und nachdenklich zu stimmen, sowie Kritik zu üben. Auch der Handlungsaufbau ist ähnlich. Über den Ausgang des Filmes wird von Anfang an kein Hehl gemacht. Der am Ende wartende Tod wird in beiden Filmen von vornherein klar erwähnt.

War "American Beauty" ironisch überspitzt, wirken "The Virgin Suicides" erschreckend real. Der Erzähler ist hier nicht allwissend, da er selbst nur ein Betrachter war. Dem Zuschauer vermittelt er, was er und seine Freunde damals empfunden und gedacht haben. Sie beobachteten die fünf Mädchen, sammelten alles von ihnen, was sie kriegen konnten, nur um ihr Denken und Handeln zu enträtseln. Man bekommt Einblick gewährt in ein Puzzle von Details, in dem der Erzähler gemeinsam mit dem Zuschauer den Sinn hinter der Verzweiflungstat sucht. Der Blick bleibt jedoch stets objektiv, man muss selbst mitdenken und sich seine eigene Meinung bilden.

Die Erzähl- und Darstellweise ist sehr reizvoll. Man bekommt fiktive Urlaubsdias zu sehen, Homevideos und Tagebücher. Man wird sehr stark in die Handlung involviert, so dass einem die Ereignisse mitunter sehr nahe gehen können. Zum einen wird das von der sehr detailgetreuen Nachbildung der Siebiziger Jahre unterstützt, Kostüme und Frisuren wirken weder lächerlich übertrieben noch unecht. Das andere Element, das einen in den Film saugt, ist der absolut unglaubliche Soundtrack. Sofia Coppola hat es gewagt, auf traditionelle Score Musik zu verzichten und statt dem Standard-Gefidel auf die Künste des französischen Synthie-Pop Duos Air zu setzen. Ihr Mut wurde mit einer mehr als genialen Musikuntermalung belohnt. Die Musik ist stimmungsvoll, melodisch und an keiner Stelle aufdringlich. Das Main Theme ist ein sehr markanter Ohrwurm. Die Musik verhilft dem Film zu noch mehr Intensität, sie hat fast hypnotische Wirkung.

Ein wahrer Glücksgriff sind die gewählten Schauspieler. Kathleen Turner und James Woods spielen die Eltern der Schwestern. Wenn man sich Kathleen Turners Filmographie anschaut, kann man ohne Zögern sagen, dass es ihre beste Rolle war. Die rigide Mutter, für die Ordnung und Anstand oberste Priorität haben, erfüllt zwar einige Klischees, aber passt gerade deshalb ins saubere Suburbia Amerikas. Turner harmoniert wunderbar mit James Woods, der den überforderten Vater mimt. Die Stars des Films sind aber die Jungschauspieler, die exzellente Arbeit leisten. Kirsten Dunst spielt die Rolle der verwirrten Lux, die sich in Trip (Josh Hartnett) verliebt. Man erfährt viel über Lux, da sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Jungen steht. Kirsten Dunst hat jeden Menge großartige Momente in diesem Film, aber auch die anderen Darsteller leisten Großes.

"Virgin Suicides" ist kein Krimi, in dem penibel nach den Ursachen gesucht wird. Der Erzähler schwelgt in Erinnerungen, heraus kommt ein bezauberndes Jugendportrait, das es spielend leicht schafft, pubertäre Probleme aufzuzeigen, ohne dabei einem Geschlecht mehr Gewicht zu verleihen als dem anderen. Das ganze ist so charmant, dass man trotz der bedrückenden Stimmung und dem gewissen Ende immer wieder Schmunzeln und Lachen muss über die Anekdoten des Erzählers. Am Ende des Films hat man nur das Bedürfnis, dass es weitergeht mit diesem cineastischen Erlebnis, das "The Virgin Suicides" ist, denn die 100 Minuten vergehen viel zu schnell.

Tragikomisches Teenagerportrait, das in allen Aspekten überzeugt


David Hiltscher