Vertical Limit

USA, 120min
R:Martin Campbell
B:Robert King, Terry Hayes
D:Chris O'Donnell,
Robin Tunney,
Scott Glenn,
Izabella Scorupco
L:IMDb
„Hunderttausende von Spermien und Du warst der Schnellste?”
Inhalt
Nachdem sie bei einem tragischen Kletterunfall ihren Vater verloren haben, trennten sich die Wege von Peter Garrett (Chris O'Donnell, zuletzt "Der Junggeselle") und seiner Schwester Annie (Robin Tunney, "End of Days"). Jahre später droht ein weiteres Unglück sie endgültig auseinanderzureißen: Bei dem Versuch, den K2, den zweithöchsten und gefährlichsten Berg der Welt zu bezwingen, wird Annie gemeinsam mit dem egoistischen Milliardär Elliott Vaughn (Bill Paxton, zuletzt "U-571") in einer Gletscherspalte verschüttet. In einem Wettlauf gegen die Zeit versucht Peter zusammen mit dem exzentrischen Kletterer Montgomery Wick (Scott Glenn, zuletzt "Absolute Power") die Gruppe zu retten.
Kurzkommentar
"Vertical Limit" ist selbst für einen einfach-gestrickten Blockbuster zu schwach auf der Brust. Zunächst noch einigermaßen spannend und kurzweilig, lenkt Martin Campbells ("Maske des Zorro") teils äußerst ungeschickte Regie das Geschehen schnell in Richtung unglaubwürdige Lächerlichkeiten - tolerable limit eindeutig überschritten.
Kritik
Es war sicherlich keine leichte Aufgabe, zwei angestaubte Actionhelden in die 90er zu katapultieren, aber Martin Campbell ist dieses Unterfangen mit seinen letzten beiden Filmen "Goldeneye" und "Die Maske des Zorro" teilweise grandios gelungen. Pierce Brosnan etablierte sich mühelos als die optimale Bondfigur der modernen Zeit, Antonio Banderas hatte als Zorro den endgültigen Durchbruch in die Topriege Hollywoods - dieser Erfolg lag sicherlich nicht zuletzt an Campbells guter Inszenierung.

Ob sich Chris O'Donnell auch einen derartigen Karriereschub versprochen hat, als er den Vertrag für Campbells neuen Blockbuster "Vertical Limit" unterschrieb, sei erst einmal dahingestellt. Meine erste Prognose wäre jedenfalls, daß sich O'Donnell mit "Vertical Limit" keinen Gefallen getan hat. Entgegen meiner sonst recht hohen Meinung, versagt Regisseur Martin Campbell bei seinem neuen Abenteuer nämlich auf ganzer Linie. Selten hat ein Film die Grenze der Glaubwürdigkeit mehr strapaziert. Und dabei stören mich Unzulänglichkeiten in diese Richtung eigentlich nie sonderlich - weder beim von vielen als total unglaubwürdig kritisierten "Mission: Impossible 2" noch bei Petersens Effektschlacht "Der Sturm". Was Campbell bzw. Drehbuchautor Robert King uns hier jedoch auftischen, ist schon ein starkes Stück. Die wildesten Kletterstunts, die abstrusesten Situationen und die unwahrscheinlichsten Reaktionen. King greift zu allen Mitteln, um das durch "Cliffhanger" und "K2" im Nachhinein erstaunlich ausgelutschte Genre der Bergabenteuer mit Spannung zu versehen.

Diese kann aber in kaum einer Sekunde zum Vorschein kommen. Campbell's Regie entpuppt sich als derart ungeschickt, daß es wirklich zum Haareraufen ist. Beispiel: in seiner Verzweiflung entschließt sich Garrett dazu, einen unmöglichen Sprung über eine tödliche Klippe zu wagen, um sich an der anderen Seite mit lediglich zwei Greifhaken an der Steilwand festzuhalten. Schön und gut, aber warum blendet Campbell direkt nach dem Sprung aus ? Garrett hängt mit seinen wackeligen Haken noch 15m unter dem Felsvorsprung und Martin Campbell schneidet die Szene einfach ab. Was für eine Art Spannung soll das bitte sein ? Oder die Situation zum Ende hin als der finale Rettungsversuch naht. Die Aktion wird nicht zu Ende gezeigt, weil Campbell wohl der Meinung ist, der Rest sei eh vorhersehbar. Ist er natürlich auch, aber wo dies doch der ganze Film ist, sollte er wenigstens versuchen, sporadisch ein paar Spannungsmomente aufzubauen.
Noch ein Kapitalbock von Campbell: manche Einstellungen wirken einfach derbe ungeschickt. Allein die Anfangsszene. Im Prinzip packend gemacht, zumal die Situation "Leben nehmen, um sein eigenes zu retten" nicht unspannend ist. Doch Campbell zeigt nach dem Entschluß Peters, seinen Vater zu opfern, nicht, wie er langsam, und somit schmerzvoll für Charaktere und Zuschauer, in den Tod stürzt, sondern läßt ihn - fast schon grotesk von einer starren Kamera eingefangen - in den Staub stürzen. Keine Reaktion von Peter, keine Reaktion von Annie. Wo bleibt da das "Mittendrin, statt nur dabei"-Gefühl ?

Zunehmend beschleicht einen während des Films der Eindruck, daß das Genre außer Klettern, Stürzen, Klettern, Schreien, Klettern, Retten wirklich nicht mehr zu bieten hat. Am Anfang ist alles ja noch recht kurzweilig, nur leider hat "Vertical Limit" damit direkt sein ganzes Pulver verschossen und der Zuschauer klammert sich in der folgenden Langeweile an Stohhalme wie die wenig witzigen Nebencharaktere, den wenigen, aber guten Landschaftsaufnahmen und den soundtechnischen packend untermalten Schneelawinen. Bis wieder der Kasper der Lächerlichkeit den Weg ins Geschehen findet und Nitroglyzerin zum gefährlichsten Mittel auf Erden erhebt. Mag ja sein, daß die Explosion selbst bei Sonneneinstrahlung chemisch korrekt ist, aber als reines Spannungsmittel kommt der Sprengstoff wesentlich zu häufig zum Einsatz. Irgendwie fehlt es dem ganzen Film an Abwechslung.

Die Vergeudung an Talent, das irgendwo in "Vertical Limit" noch spürbar vorhanden ist (die Hubschrauberszene war wenigstens gut inszeniert, wenn auch genauso albern) schmerzt im Laufe des Films mehr und mehr. Campbell ist zu wesentlich mehr fähig, Bill Paxton, Scott Glen und Izabella Scorupco werden "verspielt" und selbst James Newton Howards ordentlicher Score wirkt überladen. "Gran Paradiso" und "Alive" waren die menschlich interessanteren Bergabenteuer, "Cliffhanger" und selbst "K2" die besseren Actionfilme. Und was bleibt für "Vertical Limit" ? Nix.

Kaum spannende, beinahe vollends lächerliche Kletterpartie


Thomas Schlömer