Rules
(Rules of Engagement)

USA, 128min
R:William Friedkin
B:James Webb, Stephen Gaghan
D:Samuel L. Jackson,
Tommy Lee Jones,
Guy Pearce,
Bruce Greenwood,
Ben Kingsley
L:IMDb
„I'm not losing any Marine just to maintain those fucking rules!”
Inhalt
Fast sein ganzes Leben lang hat der Marine-Colonel Terry Childers (Samuel L. Jackson) treu seinem Land gedient, war immer da, wenn es galt, eine Krise zu bereinigen. Auch als der US-Botschafter im Jemen Alarm schlägt, er werde von Demonstranten angegriffen, ist er zur Stelle. Die Lage eskaliert, und als Childers Männer, Frauen und Kinder in der Menge sieht, die auf seine Truppe schießen, lässt er das Feuer erwidern. 83 Menschen sterben, mehr als 100 werden verletzt. Childers, der "nur" seine Pflicht getan und die Regeln des Gefechts befolgt hat, soll als Prügelknabe vors Kriegsgericht. In seiner Verzweiflung wendet er sich an den Anwalt und Freund Colonel Hays Hodges (Tommy Lee Jones), dem Childers einst in Vietnam das Leben rettete. Er soll den Weggefährten verteidigen, doch alle Zeichen, Indizien und Zeugenaussagen sprechen gegen die beiden Veteranen.
Kurzkommentar
Daß Filme über das US-Militär desöfteren verherrlichend ausfallen, dürfte wohl niemanden wirklich überraschen. Warum William Friedkin allerdings ohne jegliche kritische Distanz einen solchen 08/15-Militärgerichtsthriller mit dermaßen vielen Holprigkeiten und Anfängerfehlern in Sachen Plotstruktur verfilmt hat, bleibt wohl ungeklärt. Verschenktes Schauspielpotential, kaum Dramaturgie, keine neuen Aspekte - "Eine Frage der Ehre" war besser.
Kritik
William Friedkin, vor allem bekannt durch seinen Vorzeigehorror "Der Exorzist", der gerade in einem erweiterten Director's Cut in den USA eine Wiederveröffentlichung erlebt hat, und den ebenso packenden Thriller "The French Connection" konnte nach diesen Erfolgen Anfang der 70er niemanden mehr so recht begeistern. Es folgte Durchschnittsfilm nach Durchschnittsfilm und Friedkin, mittlerweile 61, gelang es bislang nicht mehr an obige Ausnahmefilme anzuknüpfen.
Daß aber ein Regieveteran wie Friedkin in seinem neuesten Film, "Rules - Sekunden der Entscheidung", so einen mißglückten Schnitt hinlegt, hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Daß er den Zuschauer zunächst im Unklaren darüber lassen will, ob Childers tatsächlich auf unschudlige Zivilisten geschossen hat oder nicht, mag prinzipiell ein guter Einfall sein. Friedkin's Regie entpuppt sich in Sachen Dramaturgie und Szenenfolge jedoch als dermaßen ungeschickt, daß man nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Da wird während des Jemen-Einsatzes mehrmals über die komplette Menge geschwenkt und man ist sich als Zuschauer eigentlich hundertprozentig sicher, daß wirklich nur von den Dachschützen auf die Marines gefeuert wird. Wenn nach der Hälfte des Films allerdings offenbart wird, daß Childers längst nicht so schuldig ist, wie man zunächst den Eindruck hatte, wirkt das angesichts des beschrieben Einsatzes kaum spannungsfördernd, sondern vielmehr frustierend und ärgerlich.

Von diesem Punkt an ist selbstverständlich jegliche Spannung verflogen und man darf sich den Rest des Films durch das mehr oder weniger vorhersehbare, aber wenigstens solide inszenierte Gerichtsgeschehen beißen. Kurzweilig sind die Rechtsdiskussion in jedem Fall, aber es fehlt eben die Spannung über den Ausgang. Enttäuschend auch, daß Friedkin kaum kritische Distanz zum US Marines Corps wahrt. Die anfängliche Hoffnung, daß hier das teils fragwürdige, militärische Regelsystem kritisch durchleuchtet wird, weicht schnell dem beinahe schon üblichen Hurra-Patriotismus. Dieser keimt leider nicht nur oberflächlich auf (die Musik von Mark Isham), sondern scheint in Friedkins Werk tief verwurzelt: der Vietnamese zeigt mit einem überflüssigen Gruß seine Seelenverwandtschaft und die endgültige Wahrheit kommt in einer Traumsequenz Childers ans Licht, als in der Kaserne die Flagge eingezogen wird. Immerhin: der zunächst unerträglich erscheinende, patriotische Heldentum, den Childers an den Tag legt, um beim Jemen-Einsatz die US-Flagge zu "retten", entpuppt sich als reine Pflichterfüllung. Wieder so ein systemkritischer Ansatz, der in keiner Weise genutzt wird, dem Film einen andersartigen, interessanteren Ton zu verleihen.

Stattdessen vergibt Friedkin Chance um Chance. Ein weiteres Beispiel gefällig ? Packend und nicht unspannend wird der Jemen-Einsatz gefilmt, der Zuschauer mit der Grausamkeit der Massenhinrichtung konfrontiert und anschließend Hodges Beweissuche vor Ort initiiert. Dabei begegnet er den entsetzlich zugerichteten Verwundeten, insbesondere einem kleinen, beinamputierten Mädchen. Und Friedkin fällt nichts Besseres ein, als die emotionale Bindung zum Zuschauer komplett zu unterbrechen, indem er in der Rückblende Childers eben dieses Mädchen mit feuernder Waffe zeigt. Bei solchen Fehlgriffen dürfte man sich als Zuschauer reichlich veräppelt vorkommen; das ist einfach ärgerlich.
Apropos ärgerlich: auch Samuel L. Jackson und Tommy Lee Jones dürften sich so fühlen. Keine Ahnung, warum sie sich für diesen Durchschnittsthriller hingegeben haben. Vermutlich haben sie die Hoffnung an einen wiedererstarkenden William Friedkin nicht aufgegeben und höchstwahrscheinlich las sich das Drehbuch erheblich besser, als es letztlich umgesetzt wurde. Und warum Ben Kingsley sich schon wieder mit einer so kleinen Rolle zufrieden gibt, bleibt auch ein Rätsel. Ein Schauspieler mit diesem Potential hat viel größere Rollen verdient.

Was bleibt sind ordentlich inszenierte Action und solide Wortgefechte, deren Spannungspotential aufgrund des krude und unschlüssig realisierten Plots im Boden des Regieuntergrundes versinkt. Da frag ich mich als Zuschauer hinterher immer, ob sich ein Regisseur nach Abschluß des Films selbigen zur Probe überhaupt nochmal ansieht.

Unschlüssiges, übel geschnittenes Standard-Gerichtsdrama


Thomas Schlömer