Royal Tenenbaums, Die
(Royal Tenenbaums, The)

USA, 109min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Wes Anderson
B:Wes Anderson, Owen Wilson
D:Gene Hackman,
Angelica Huston,
Ben Stiller,
Gwyneth Paltrow,
Luke Wilson
L:IMDb
„Mit 'was unternehmen' meine ich doch keine Tanzstunden. Ich rede davon, 'nem anderen Typen 'nen Ziegelstein durch die Windschutzscheibe zu werfen.”
Inhalt
Royal Tenenbaum (Gene Hackman) und seine Frau Etheline (Anjelica Houston) hatten drei Kinder - Chas (Ben Stiller), Richie (Luke Wilson) und Margot (Gwyneth Paltrow) - und dann trennten sie sich. Chas entdeckte seine Begeisterung für den Immobilienhandel, bevor er seinen Stimmbruch hatte. Sein Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten des internationalen Finanzmarkts war außerordentlich. Margot war eine gefeierte Autorin und gewann ihre ersten Preise, noch bevor sie ins Gymnasium kam. Richie zeigte schon im Kindesalter ein ungewöhnliches Talent für Tennis. Später gewann er die amerikanischen Meisterschaften dreimal in Folge. Alle Brillanz, alles Genie der Kinder scheint in den nächsten zwei Jahrzehnten in einer ungewöhnlichen Ansammlung von Niederlagen und Unglück beinahe verloren. Doch dann setzt Royal Tenenbaum, der nichts mehr liebt als seinen Martini, alles daran seine Kinder zurückzugewinnen.
Kurzkommentar
Nach den Vorschusslorbeeren aus den USA und nicht wenigen, sehr positiven Stimmen rund um die Berlinale bin ich von den "Royal Tenenbaums" doch etwas enttäuscht. Der feine Humor und die Spritzigkeit, die der Trailer vermittelt, sind im kompletten Film erstaunlich selten gesät. Stattdessen setzt sich Regisseur Wes Anderson ("Rushmore") gerade in der zweiten Hälfte unerwartet ernsthaft mit seinen Figuren auseinander und vergisst, dass sie bis dato nur karrikativen Charakter hatten. Trotzdem bleibt die Familie durchaus sehenswert.
Kritik
Regisseur Wes Anderson wurde in den USA nach seinem zweiten Spielfilm "Rushmore" schon als neuer Shooting-Star gefeiert (Kollege Wolfgang war damals allerdings nicht so angetan). Als Markenzeichen gilt für Anderson derweil, dass er seine Drehbücher immer zusammen mit Schauspieler Owen Wilson schreibt. Der war zuletzt in "Shanghai Noon" und "Im Fadenkreuz" zu sehen, etabliert sich aber zusehends als guter Autor. Anderson und die Wilson-Brüder (Andrew und vor allem Luke Wilson sind fast auch immer dabei) kennen sich seit der Hochschulzeit und haben schon in Andersons Kurzfilm "Bottle Rocket" 1994 zusammengearbeitet. Für "The Royal Tenenbaums" (der Nachname stammt von einem Freund Wes Andersons und gefiel ihm einfach) kreierte das Gespann nun eine überzogene, karrikative, fast schon comichafte Familie, um sie in einer genüsslichen, teils bitterbösen Satire sezieren zu können.

So zumindest war meine Erwartung an "The Royal Tenenbaums" und in dieser Vorgehensweise lag wohl auch mein persönlicher Fehler: zeigt sich Andersons Farce mit der märchenhaften Erzählweise (inkl. Alec Baldwins Stimme aus dem Off), dem kapitelartigen Aufbau des Films als "Buch" und manch gelungener Einstellung sowie cleverem Schnitt in den ersten 45 Minuten noch recht gewitzt, so gibt es in der zweiten Hälfte überraschenderweise genug Grund, sich auch mal hier und da zu langweilen. Nachdem uns die Vergangenheit der Familie und ihr Werdegang durchaus ideenreich und halbwegs flott präsentiert wurden, wird "The Royal Tenenbaums" ernster. Im Vordergrund stehen nicht mehr diverse, subtile Kuriositäten, sondern es wird spätestens mit dem Selbstmordversuch eine entlarvende Auseinandersetzung mit den Figuren angestrebt. Was früher Genie war, ist nun Verlierer der extremsten Sorte und wie schon in einigen Konkurrenzfilmen muss erst ein krasser Ausrutscher (Selbstmordversuch) kommen, um die Vergangenheit zu bewältigen, aufzuklären und wieder (oder viel mehr endlich) zusammen zu wachsen. Richie gesteht seiner Halbschwester die Liebe, Chas verzeiht seinem Vater, Eli wird endgültig zur Hölle gejagt.

Diese, ja eigentlich "schweren" Themen, meistert Wes Anderson mit erstaunlicher Leichte, was sich schön beim Tode Royal Tenenbaums zeigt, der nicht tränenreich inszeniert, sondern genauso nebensächlich und ruhig präsentiert wird wie der Rest der Geschichte. Dies war sicher eine kluge Entscheidung und insgesamt ist das alles durchaus nett anzusehen, aber für ein Drama ist der Streifen wohl nicht emotional und für eine fein-bitterböse Komödie nicht witzig genug. Gestärkt wird die Diskrepanz zwischen Komödie und Drama vor allem durch die an sich saucoole Besetzung: wenn selbst eine unwichtige Nebenfigur wie Margots Ehemann Raleigh St. Clair mit einem Comedy-King wie Bill Murray besetzt wird, so ist das insofern problematisch, als dass der Zuschauer einfach mehr Witz erwartet. Gerade bei Bill Murrays Charakter ist das ein Problem, denn er hat im ganzen Film maximal einen halbwegs amüsanten Gag im Drehbuch stehen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Hackman, Huston, Stiller, Paltrow usw. sind in ihren Rollen wunderbar und gerade zu Beginn des Streifens geben sie dem Film die richtige (beabsichtige), subtilhumorige Würze. Aber diese Linie verfolgt Wes Anderson nur auf halber Strecke und so bleibt man -allen liebenswerten, schmunzelnden Details zum Trotz- doch etwas gespalten im Kinosessel zurück.

Nette, etwas ziellose Familiensatire ohne rechten Biss


Thomas Schlömer