Hurricane
(Hurricane, The)

USA, 145min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Norman Jewison
B:Rubin,Sam Chaiton
D:Denzel Washington,
Vicellous Reon Shannon,
Deborah Unger
L:IMDb
„Hass hat mich ins Gefängnis gebracht. Liebe wird mich wieder herausholen.”
Inhalt
Die 60er Jahre: offiziell ist der Rassismus in Amerika "abgeschafft" - doch in den Köpfen vieler verbitterter Leute lebt er weiter. So auch im kaltblütigen Detective Della Pesca (Dan Hedaya), der dem erfolgreichen schwarzen Boxer Rubin "Hurricane" Carter (Denzel Washington) mehrfachen Mord anhängt. Die Opfer waren natürlich weiß und es gelingt dem gewissenlosen Gesetzesvertreter die Tatsachen so zu verdrehen, daß Carter mit lebenslänglicher Haft bestraft wird. Der Hurricane - der Boxername als Indiz für seine explosive Kampfkraft und seinen eisernen Willen - scheint gebrochen. In der Haftanstalt jedoch beschließt er den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufzunehmen. Er durchwühlt sämtliche juristische Bücher und schreibt seinen berühmte Autobiographie "Die sechzehnte Runde". Ein durch schwierige Verhältnisse geprägter Junge (Vicellous Reon Shannon) wird auf das Buch aufmerksam und beschließt mit seinen drei kanadischen Freunden, mit der seelisch zerbrochenen Boxerlegende in Kontakt zu treten und die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Kurzkommentar
Der "Hurricane" umwirbelt den Zuschauer nicht nur als charakterstarke Persönlichkeit, sondern berührt ihn vor allem auch durch seine Schicksalschläge und der fantastischen schauspielerischen Leistung Denzel Washingtons. Das Porträt um die Boxerlegende Rubin "Hurricane" Carter vermag in jeder Minute zu überzeugen und ist definitiv eines der Highlights diesen Jahres.
Kritik
Es gibt Filme, die sich hauptsächlich um einen Charakter drehen, um seinen Werdegang, seine Karriere oder einfach nur sein Schicksal. Und meist sind es genau diese Filme, die die intensivsten Kinoerlebnisse liefern, eben jene Streifen, die einen in jeder Minute zu fesseln wissen und einen dann für die nächsten zwei Tage nicht loslassen. In diese Kategorie fallen beispielsweise Perlen wie "Citizen Kane", "Schindler's Liste" oder auch neuere Streifen wie "The Straight Story".

Und ein Schicksalsporträt steigt und fällt natürlich mit seinem Hauptcharakter, der im Falle von "Hurricane" mit Denzel Washington dann auch superb besetzt ist. Ich muß sagen, ich habe schon einige Filme mit Denzel Washington gesehen - die meisten seiner guten ("Malcolm X", "Philadelphia", "Crimson Tide"), aber auch einige seiner weniger guten ("Die Akte", "Der Knochenjäger"). Mit mathematischer Regelmäßigkeit verhält sich die Qualität des Films proportional zur Qualität seiner schauspielerischen Leistung. Dieses Verhältnis hält sich auch bei "Hurricane" beständig und ich bin von Washingtons Schauspielstil so beeindruckt, daß ich eher ihm den Oskar als Rubin Carter gönne als Kevin Spacey für seine tolle Mimik im potentiellen Absahner "American Beauty" (obwohl Spacey auch endlich mal eine Auszeichnung verdient hätte). Man merkt Washington an, mit welcher Energie und welchem Engagement er an die Rolle herangegangen ist und sie förmlich gelebt hat - als Zuschauer vergisst man, daß es sich hierbei doch eigentlich nur um einen Schauspieler handelt und wenn zum Ende des Films der reale Rubin "Hurricane" Carter gezeigt wird, erkennt man schließlich die wahre Größe von Rubin Carters ... Verzeihung ... Denzel Washingtons Darstellerleistung.

Zudem gestaltet sich Rubin Carters Schicksal - die Augen des Zuschauers gerichtet auf die Ungerechtigkeit, die aus intensivem Rassismus entsteht - als höchst berührend und bewegend. Ein Mann, der sich aus der Gosse nach oben gekämpft hat, muß über die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbringen - davon 20 Jahre an einem Stück - und findet trotzdem die Kraft, der Gerechtigkeit immer auf der Spur zu bleiben. Man ziehe als realen Vergleich beispielsweise noch Nelson Mandella heran, der über seine Haft hinaus mit eben solcher Energie und Willenskraft ausgestattet war - zwei höchst beeindruckende Schicksale zweier Menschen, die teils mit dem gleichen Maß an Ungerechtigkeit zu kämpfen hatten.
Nun wurde "Hurricane" zwar vorgeworfen, sich nicht all zu strikt an die realen Gegebenheiten gehalten zu haben, aber ich bitte Sie : Filme müssen nun mal dramaturgisch ausgefeilt und angepaßt werden. Und wenn die Charakterisierung eines menschlichen Lebens dermaßen glückt wie in diesem Fall, so gibt es eigentlich keinen Grund, das Filmgeschehen bitter zu verfolgen. Man nehme nur die hinreißende Freundschaft zwischen dem vernachlässigten Schüler Lesran und dem charakterstarken Boxer "Hurricane" : wem solch ein Storyelement mißfällt, ist entweder herzlos und eiskalt oder hat einen übertriebenen Sinn für scheinbar schwülstige Pathetik.

Eigentlich gibt es viele kleinere Kritikpunkte, die dann aber auch vor allem eins sind : klein. Der liebenswürdige Schuljunge Lesran ist beispielsweise überzeichnet - er stellt die sprichwörtliche Unschuld in Person dar. Ebenso wirken sowohl Detective Della Pesca und der abschließende Richter zu klischeebeladen und hollywood-typisiert. Den drei kanadischen Samaritern kann ich ihre Rolle so gerade noch abnehmen, wenn auch hier der berechtigte Vorwurf der strapazierten Glaubwürdigkeit im Raum steht - wann kommt es schon mal vor, daß sich drei Studenten mehr oder weniger nur aus Mitleid eines sozial wackeligen Kindes annehmen?

Nichts desto trotz bleibt "Hurricane" eine aufwühlende Humanitätsparabel, die die geringen Vorwürfe der Hollywoodisierung mit höchst beeindruckenden Darstellerleistungen und gekonntem cineastischen Handwerk aus dem dramaturgischen Ring fegt - ein "Hurricane" könnte es nicht besser.

Überaus starkes und bewegendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit


Thomas Schlömer