Himmel kann warten, Der

Deutschland 2000, 93min
R:Brigitte Müller
B:Brigitte Müller
D:Frank Giering,
Steffen Wink,
Catherine H. Flemming
L:IMDb
„Freundschaft braucht keine Hormone.”
Inhalt
Von Kindheit an sind Alex (Frank Giering) und Paul (Steffen Wink) Freunde. Dabei sind sie völlig verschieden. Alex ist der stille Einzelgänger. Paul dagegen ist voller Energie und Lebensfreude. Beide wollen als Komiker arbeiten und bewerben sich bei einem Talentwettbewerb. Doch Alex hat Krebs, und seine Erkrankung schreitet unaufhaltbar fort. Er will deshalb Paul als Abschiedsgeschenk ein Treffen mit seinem Idol aus Amerika vermitteln. Er reist nach L.A., doch dort entwickeln sich die Dinge anders als erwartet.
Kurzkommentar
"Der Himmel kann warten", weil Brigitte Müller in ihrem teils interessanten Erstlingswerk der Freundschaft ein Denkmal errichten will. Was mit einer reizvollen Ausgangssituation in der ernsten Welt der Komiker beginnt, verrät sich bald als schematischer Ausdruck der aktuellen Rührseligkeitsetikette. Mit Frank Giering und Steffen Wink ist die undurchdachte Mischung aus Komik und Tragik allerdings vorzüglich besetzt.
Kritik
Dass der Erfolg eines Komikers nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Güte des Humors zulässt, leuchtet ein. Der nicht abflauende Comedy-Boom im Fernsehen trägt meist auf geistlose bis vulgäre Art dem Verlangen nach Unterhaltung und der Kultivierung des platt-eindimensionalen Witzes Rechnung. Angesichts solcher Verflachung wird schon so mancher Komiker den Umschwung zum traurigen Zeitgenossen durchgemacht und jenem Bühnenwitz eines Kabarett nachgetrauert haben, wo Komödie und Tragödie noch eng beieinander liegen und im Lachen vor allem noch "Seele" mitschwingt. Aber das Geschäft der Komiker hinter dem Vorhang ist eben gar nicht zum lachen, sondern todernste Konkurrenz, in der sich richtige Freundschaften harten Bewährungsproben ausgesetzt sehen. Im zwanghaften Ringen um die Gunst des unbarmherzigen Publikums bleiben da viele auf der Strecke und enden in Isolation und Weltverzweifelung.

Soweit einige Überlegungen, auf die Brigitte Müller ihren Debütfilm "Der Himmel kann warten" aufbaut. Netterweise hört der Ansatz sich recht unverbraucht an, läuft aber vor dem Hintergrund aktueller Tendenzen im deutschen Film sofort Gefahr, großem Pathos und rituell wiederholter Verkitschung zum Opfer zu fallen - der "Himmel" lässt es befürchten. Zieht man Filme wie "Absolute Giganten", "Gran Paradiso" oder zuletzt "Vergiss Amerika" hinzu, macht ungeachtet der durchaus vorhandenen Qualität der einzelnen Vertreter die Titelwahl diesen merkwürdig pathetischen Hang deutlich. Hinzu tritt die in der prätentiösen Jungsfabel "Absolute Giganten" noch neue Konzentration auf den Topos der Freundschaft, seitdem im jungen deutschen Film und jetzt natürlich auch in "Der Himmel kann warten" an erster Stelle. Da mögen die poetisch herausgeputzten, banalen Lebensweisheiten noch so schön an die Kraft von Mitmenschlichkeit und Freundschaft als opferbereites Verhältnis appellieren - es hilft nichts, wenn das Drehbuch frei von Spitzen, Spannung und subtilem Humor, aber voll von plakativem Gefühl ist. Besonders störend ist das demonstrativ tragische Element einer Krebserkrankung, der Fahrkarte ins Jenseits, die im Film blödsinnigerweise ewig als theatralisches Mittel dient, das skizzierte Leinwandleben wuchtig in die Nähe eines Martyriums zu rücken. Gigantischer Gefühlshammer, und die schwülstige Musik signalisiert bestimmt, an welchem Punkt zu heulen ist.

Frank Giering, seit seinem Räsonnieren als eben jener "Absolute Gigant" einer der besseren deutschen Darsteller, erlebt die Passion in der Rolle des begnadeten, aber todkranken Stand-Up-Comedian ungebrochen. Er bildet den ruhenden, schicksalsgeräderten Gegenpol zu seinem windigen Freund, der von "Komik mit Seele" jede Nacht im Bett einer anderen Frau träumt. Auch Steffen Wink, bisher im Kino eher unrühmlich aufgefallen, vermag seiner Figur glaubwürdige Züge zu verleihen. So wäre "Der Himmel kann warten" ohne seine beiden talentierten Darsteller allein eine salbungsvolle Freundschaftsbeweihräucherung mit einem typisch theaterwirksamen, moralisierenden Ende. Nicht aber, dass Brigitte Müller von dem Zusammenspiel Gierings mit Wink nicht profitieren und gar nichts an Unterhaltung, Witz und Drama bieten könne - nein, aus "Der Himmel kann warten" ist beileibe kein schlechter Film geworden und in einigen Momenten bewegt er abseits konventionalisierter Pfade. Aber mehr eben auch nicht, denn neben der verramschten Schicksalstragik nervt vor allem, dass die selbst eingeforderte "Seele" der Komik niemals eingelöst wird, dementsprechend die "Nummer mit dem Huhn" unaufgelöst bleibt und ein sinnreicher Kommentar über das "wahre Wesen" der Komik vor der mit dem Vorschlaghammer servierten Rührseligkeit weicht.

Trotzdem Müllers Debüt nach eingefahrenem Schema F gestrickt ist und die vorgebliche Balance von Komik und Tragik pointenlos vor sich hintreibt, weist "Der Himmel kann warten" dem "neuen", eingeständigen deutschen Film noch immer die richtige Richtung. Nur sollten Muster eben nur solange rezitiert und ausgewälzt werden, wie sie nicht als solche zu erkennen sind.


Sentimental plattitüdenhafte, aber gut besetzte Tragikomödie


Flemming Schock