Purpurnen Flüsse, Die
(Rivières pourpres, Les)

Frankreich, 106min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mathieu Kassovitz
B:Jean-Christophe Grangé, Mathieu Kassovitz
D:Jean Reno,
Vincent Cassel,
Nadia Farès,
Dominique Sanda
L:IMDb
„Er würde sich lieber die Arschhaare ausreißen, als mit mir zu reden.”
Inhalt
Den hartgesottenen Polizisten Pierre Niemans (Jean Reno) verschlägt es in ein eingeschneites Dorf in den Alpen. Hier soll er eine schreckliche Bluttat aufklären. Ein Mörder ist auf freiem Fuß, der einen Menschen verstümmelte. Gleichzeitig, 150 km entfernt: Max Kerkerian (Vincent Kassel), ebenfalls Polizist, ist beauftragt das geheimnis um die Schändung des Grabes eines 10jährigen Mädchens zu lüften. Die Spuren der beiden laufen schließlich zusammen.
Kurzkommentar
Nach einer Romanvorlage entwirft Regisseur Mathieu Kassovitz eine vor allem handwerklich interessante Genremixtur, der es jedoch über weite Strecken am Kernelement der Spannung mangelt. Das Drehbuch ist intelligent, aber die Zusammenstreichung der Buchvorlage sorgt zunehmend für Konfusion. Durch ausgezeichnete Darsteller und die finale Auflösung letztlich noch stimmungsvoll.
Kritik
Auch wenn er im letzten Jahr Prozente einbüßte, ist der französische Film in seiner Heimat genauso stark wie der Kulturimport aus Hollywood. Autorenfilme wie "Eine pornographische Beziehung" werden zwar fürs deutsche Kino synchronisiert, doch die eigentlichen Kassenschlager, so Klamotten wie "Taxi Taxi", in Frankreich ähnliche Besucherrekorde verzeichnend wie einst "Titanic", entlocken dem hiesigen Kinobesucher meist nur erstauntes Kopfschütteln. Aber immer dann, wenn Frankreichs berühmtester Schauspielexport Jean Reno ("Der Profi") mal nichts mit sonderbarem Humor am Hut hat, sieht es mit der Geschmackskompatibilität schon besser aus. Und da man ihm den schweigsam wie abgeklärten Inspektor mit Charismabonus sehr gerne abnimmt, lassen "Die purpurnen Flüsse" aufhorchen, zumal es sich um die Adaption des gleichnamigen Romans von Jean-Christophe Grangé handelt, der in Frankreich ziemlich gefeiert wurde. Der Autor konnte auch für das Umschreiben zum Drehbuch gewonnen werden.
Immerhin, die geheimnisvolle Titelmetapher macht Lust auf mehr und deutet die Gangrichtung des Filmes an, einer z.T. bemerkenswerten, aber auch problematischen Mischung aus Thriller, Suspense und Mystery. Gleich zu Beginn drohen Serienkillerkonventionen, wenn Regisseur Mathieu Kassowitz ("Jakob der Lügner") unnötig unschöne Deutlichkeiten der ersten Leiche auf dem Obduktionstisch im Detail zeigt und demonstrativen Ekel schürt. Wo nicht subtil gewobene Spannung, sondern allein drastische Bilder einnehmen sollen, ist mit wenig Einfallsreichtum zu rechnen. So, nämlich auf dem schablonenartigen Niveau eines Fernsehkrimis, nimmt der Gang der Ereignisse denn auch seinen recht langatmigen Anfang. An diesem Punkt reicht die typische, noch leicht überschaubare Frage nach der Identität des Freakmörders. Reno beginnt kultiviert abgewrackt durch die insgesamt verdächtige Szenerie zu schlurfen, die aber alsbald in einem spannungsmäßigen Vakuum versinkt.

Klar, dass die konsequent bedrohlich lärmende Musikulisse von Bruno Coulais Kompensationsarbeit leistet und wahnsinnig unspektakuläre Momente mit einem recht penetranten Klangteppich überzieht, also mittels der Akustik Suspense und Atmosphäre zu konstruieren versucht, wo das Geschehen keinen Grund zur Angst gibt. Wenigstens sticht schon hier ins Auge oder vielmehr ins Ohr, dass der Film nicht nur akustisch mehr als solide ist. Aufwendige Kameraschwenks und die unterkühlt eingefangene Gletscher- und Talkulisse überzeugen und erwirken den gewissen Mystery-Flair. Interessant ist nun der Ansatz, nicht nur Reno in gewohnten Stereotypen den Killer verfolgen zu lassen, sondern Vincent Cassel als zweiten Ermittler, der zuerst auf einer gänzlich anderen Spur zu sein denkt, einzubauen.

Bevor sich ihre Wege kreuzen, spaltet sich der Film in zwei Subplots, was einiges an wirklichem Potential hätte bieten können. Statt aber beide Ereignisketten in fesselnder Entwicklung auszubauen und irgendwas Nennenswerters für Bewegung sorgen zu lassen, fällt dem Drehbuch nichts besseres ein, als in der Begegnung Cassels mit einer teufelskokettierenden Kellernonne die unfreiwillig komische, Supernaturalismuskompenente und - völlig albern - eine videospielgleiche Prügelszene mit Verdächtigen einzubauen. Da ist er wieder, dieser sonderbare Humor. In der Romanvorlage mag das alles stimmig sein, Regisseur Kassovitz hingegen kann trotz der sehr guten Darsteller über die erste Hälfte des Filmes seiner Geschichte weder Straffung noch Konsistenz verleihen. Dann aber, spätestens als die beiden Erzählstränge zusammenführen, macht sicht die Komplexität der Buchvorlage, die hier auf ein übersichtliches Maß reduziert werden sollte, bemerkbar.

Schlüssig bleibt die Indizienkette jedoch nicht, allzu schnell kann der Zuschauer im Verwirrspiel von Namen, Motivationen und Beziehungen die Übersicht verlieren, wo den Ermittelnden das Puzzle ganz klar scheint. Auch wenn der Plot in wahnwitziger Größenverstrickung endet und das effektreich inszenierte Finale endlich für Spannung und sogar Überraschung sorgt, wäre weniger hier sicher mehr gewesen. Grangé hätte gut daran getan, das Drehbuch weniger konfus zu entwerfen, auch deswegen, weil eben das, als was sich die unscheinbare Talsuniversität entpuppt, doch ziemlich abgeschmackt und absurd daherkommt. Und dennoch, aufgrund der sehenswerten Chemie zwischen Reno und Cassel, des ungewöhnlichen Plots sowie der stilsicheren Umsetzung sind "Die purpurnen Flüsse" zwar erst schwergängige Thrillerkurzweil, letztlich aber die Kinokarte wert.

Technisch und darstellerisch guter Suspense-Krimi mit großen Plotwirren


Flemming Schock