High Fidelity

USA 2000, 114min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Stephen Frears
B:Nick Hornby,D.V. DeVincentis
D:John Cusack,
Iben Hjejle,
Todd Louiso,
Jack Black,
Lisa Bonet
L:IMDb
„What came first: Music or Misery?”
Inhalt
Darf man mit Leuten befreundet sein, deren Plattensammlung in der Hauptsache aus Stevie-Wonder-Alben besteht? Warum wollen pubertierende Jungs stundenlang grapschen und Mädchen nur Händchen halten? Und warum tragen Frauen nur beim ersten Date schöne Unterwäsche?Das sind nur einige Fragen, die dem frisch gebackenen Single Rob (John Cusack), Besitzer des Plattenladens Championship Vinyl, neuerdings durch den Kopf gehen. Zugegeben, nachdem ihn Laura (Iben Hjejle) Knall auf Fall verlassen hat, findet er es zunächst toll, die Wohnung wieder für sich alleine zu haben: Endlich ist Zeit, um die Plattensammlung neu zu sortieren. Doch die Freude ist von kurzer Dauer. Rob sieht sich bald gezwungen, sein Leben und seine Liebschaften zu sortieren - kurz gesagt: endlich erwachsen zu werden.
Kurzkommentar
"High Fidelity" überrascht als feinsinnige Bestselleradaption mit einem sagenhaften John Cusack. Regisseur Stephen Frears ("Mary Reilly") gelingt eine wunderbar leichte Komödie zwischen psychologischer, aber stets ironischer Selbsterkenntnis und lakonisch skizzierten Gefühlstönen.
Kritik
Mittlerweile werden derart viele Romanvorlagen fürs große Illusionstheater umgesetzt, dass die Vermutung nahe liegt, es gäbe mehr Literaturadaptionen als originäre Drehbuchideen. Schriftsteller kommen in zweiter Instanz zu Ruhm, wenn ihr Buch, um für die Leinwandtheatralik tauglich zu sein, entweder irgendwelche bewegenden Wahrheiten verkündet, direkt aus dem Leben gegriffen und damit eben authentisch erscheint oder eine besonders spannende Fiktion erzählt. Eigene Phantasie ist in Hollywood immer weniger gefragt, stattdessen bedient man sich lieber bei billig einzukaufenden Buchrechten. "High Fidelity" ist auch so ein Fall. Die gleichnamige preisgeehrte Romanvorlage aus dem Jahr 1995 stammt vom 1957 geborenen Engländer Nick Hornby (die Rechte seines neuesten Buches, "About a Boy" wurden gerade an die Produktionsfirma von Robert DeNiro verkauft) und hat ihr Setting in London. Im Film ist daraus Chicago geworden, aber sonst war man in enger Korrespondenz mit dem Autor bemüht, mit dem Drehbuch den Originalton zu treffen - "man", das ist neben dem englischen Regisseur Stephen Frears ("Ein ganz normaler Held") vor allem Hauptdarsteller John Cusack ("Being John Malkovich"), der sich nicht nur als Koproduzent, sondern auch noch als Mitverantwortlicher fürs Drehbuch einbrachte. Und alles glückt.

Cusack, kreativer Kopf hinter den Kulissen und unvergleichlicher Mime, beweist einmal mehr seine Größe. Denn "High Fidelity" ist einer dieser seltenen Filme, die Szene um Szene vom Witz ihrer Darsteller und der speziellen Perspektive profitieren und ungekünstelt aufleben. Schon der Titel, "High Fidelity" - "Höchste Klangtreue" als Metapher für die naturalistisch einzufangende "Tonart des Lebens" - ist absolut lakonisch. Das Gesamtbild des Filmes hält dieser Erwartung problemlos stand und entwirft ein ironisch beleuchtetes, von Musik getragenes Gefühls- und Gedankenporträit eines mit sich selbst ringenden Mannes. Herrlich leicht, aber auch mit glaubwürdig melancholischen Untertönen reflektiert, seziert der Film regelrecht auf simple wie charmante und ehrliche, eben stets treffende Weise die Beziehung eines Mannes zu den Frauen und zu sich selbst. Es geht um Unvollkommenheit und um die Paradoxie des Menschen, der die gleichen Fehler immer wieder macht und sie letztlich ratlos zu korrigieren sucht. Allerdings wird hier fast durchweg augenzwinkernd das männliche Naturell aufs Korn genommen, und das in einer ganz besonderen Umgebung, nämlich der eines Plattenladens.

Hier funktioniert die Musik als Alternativpoesie (E.T.A. Hoffmann: "Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an"), die für jede sprachlose Gemütslage die adäquate Top5 (neben Robs ewiger Top Five der unvergesslichen Trennungen) auf Lager hat. Aber es ist keinesfalls so, dass sich die Musik in den Vordergrund spielt. Vielmehr ist es die eigentümliche Atmosphäre des Ladens zusammen mit seinen drei kauzigen Insassen, dem Trio Infernale. Neben John Cusack, der sich, die verfahrenen Situationen kommentierend, ständig im mokanten Monolog zur Kamera wendet, dadurch Zuschauer involviert und zur Identifikation bringt, sind Jack Black als extrovertierter Barry und Todd Louiso als introvertierter Dick zu nennen. Rob nennt sie "die musikalischen Trottelzwillinge", und wirklich, sie sind echte Typen. So polarisierend sie sind, haben sie doch die Musikbesessenheit gemeinsam, nur trägt sie Jack Black als Barry einfach zu köstlich wild und kundenfeindlich nach außen, derweil Louiso als Dick den verschüchterten Freak mimt.

So entwickelt sich der Plattenladen als eine Art Mikrokosmos der männlichen Wahrheit, denn ständig wird aufs Unterhaltsamste verbalisiert, Wesenssschau betrieben und ohnehin alles mit Musik in Verbindung gesetzt. Wirklich Neues tritt dabei nicht zutage, aber selten sieht man das männliche Lieben, Leben und Leiden so ironisch dicht und so nachvollziehbar klar. Frears hätte ein triefendes Drama drehen können, aber heraus kam eine wundervoll treffsicheres Ringen mit der (Liebes-)Erkenntnis, mühelos getragen von einem wundervollen John Cusack. Als Rob ist er pointiert trocken, sensibel und musikbesessen, manchmal tatunfähig, aber immer ein Original. Viel Platz bleibt für die attraktive Dänin Iben Hjejle ("Mifune"), die den weiblichen Hauptpart übernimmt, da nicht mehr und dennoch ist "High Fidelity" durch seine eindimensionale Sicht nicht nur ein Film für Männer. Vielmehr formuliert er vielleicht universelle Einsichten - und vor allem ist er voll Esprit. So sei am Rande noch Tim Robbins Minimalrolle als fernöstlicher Sexguru Ian erwähnt, der in einer brillianten Szene als Hassobjekt von Robs verschiedentlich durchgespielter Phantasie herhalten muss. Frears leistet auch formal beste Arbeit. Als einzige Schwäche hingegen fällt auf, dass die kognitive Selbstbeleuchtung gegen Ende ein wenig ermüdend wird, was aber nicht den Gesamteindruck schwächt, dass "High Fidelity" voll von subtilem Humor und lebenspraller Figuren ist - eine beispielhafte Literaturadaption und vielleicht der optimale Sommerfilm.

Geistreich-ironische Wesensschau für die schönste Jahreszeit


Flemming Schock
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Neben "Glaube ist alles" mit Edward Norton ist "High Fidelity" der beste Sommerfilm des Jahres: Enorm witzig, charmant, locker, intelligent, und mit hervorragenden Schauspielern....