Prinzessin Mononoke
(Mononoke Hime)

Japan, 133min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Hayao Miyazaki
B:Hayao Miyazaki
L:IMDb
„I'll show you how to kill a god.”
Inhalt
Japan im 15. Jahrhundert, eine Welt im Umbruch. Eisen wird für den Menschen zunehmend wichtig, gleichzeitig werden die Wälder noch von riesenhaften Tiergöttern beherrscht. Als ein riesiges Monster sein friedliches Dorf angreift, kann der junge Ashitaka es töten, jedoch wird sein rechter Arm von einem Fluch getroffen. Im Wissen um seinen drohenden Tod macht er sich auf, die Ursache des Fluches zu ergründen. Nach langer Suche stößt er auf ein Dorf, das unter der geheimnissvollen Führerin Eboshi Eisenerz verarbeitet. Der Wald wird abgeholzt, deswegen liegt das Dorf im Kampf mit den Tieren, vor allem einer Wolfsgöttin. Unter den Wölfen lebt das Mädchen San, die Ashitakas Wunde heilt, jedoch vom Hass auf die Menschen erfüllt ist. Derweil die Tierwelt keine Chance mehr sieht, sich mit den raffgierigen Menschen zu versöhnen und zur finalen Schlacht rüstet, sucht Ashitaka verzweifelt nach einem Ausweg.
Kurzkommentar
Mit ungewohnt leisen, fast kontemplativen Tönen erzählt der erfolgreichste japanische Trickfilm aller Zeiten eine großangelegte Fabel von der Sehnsucht nach wiedergewonnenem organischen Einklang von Mensch und Tier, Kultur und Natur. Auch wenn der naiv-gesunden Botschaft Straffung gut getan hätte, kann Hayao Miyazakis ökophilosophische "Prinzessin Mononoke" durch schönste äußere Form und Vielschichtigkeit alle Altersgruppen ansprechen und insgesamt dazu beitragen, die Facettenhaftigkeit japanischer "Anime"-Kultur vorbildhaft zu repräsentieren.
Kritik
Sieht das Abendland in den Osten, nach Japan, sieht es seit über zwanzig Jahren allein das Bild einer gnadenlos technisierten Workaholic-Gesellschaft, Sinnbild von beschleunigter Zeit und Stress. Fremd und faszinierend, aber auch unterschätzt wird die japanische Zeichentrickkultur, in Druckform als "Manga", in Filmform als "Anime", im Westen gerade seit den frühen 90er Jahren als Japansynonym und Exportschlager verstärkt rezipiert. Das Urteil schwankt zwischen modischer Begeisterung und pauschaler Verdammung, was nicht wundert, erweist sich die enorme Bandbreite der Produktion zum hiesigen Kulturkreis nur als bedingt kompatibel. Mit den hier gezeigten, oft schlechten Fernsehserien bestimmt meist ein nur sträflich kleiner Ausschnitt über Akzeptanz oder Ablehung. Seit der Kulturhegemonie Disneys bedeutete Zeichentrick im Westen vor allem konservative Wertvermittlung und Kinderkram.
Anders in Japan, wo "Anime" und "Manga" eine für ein erwachsenes Publikum produzierte Kunstform, Lebensart und eine gewaltige Industrie, ja sogar einen Teil Tradition bilden. Während amerikanische Produktionsfirmen wie Pixar ("Toy Story 2") in den letzten Jahren mit atemberaubender, aber auch digital-steriler Computeranimation und familienfreundlichen Plots dem Trickfilm den verjüngten Weg ins neue Jahrtausend bereiten, wahrt Japan die Bastion der handgezeichneten Animes. Viele von ihnen sind heute fragwürdig brutal und pornografisch, reagieren mit z.T. perversen Phantasien auf die Bedürfnisse des Marktes. Daneben wirken meist futuristisch-apokalyptische Dystopien wie "Akira" oder "Ghost in the Shell". Davor und vor den aktuellen "Pokémon" und "Sailormoon"-Wellen gab es aber auch die optimistische, die arkadisch heile Welt, z.B. kurioserweise in "Heidi", Metapher der Sehnsucht nach heilen Alm-Kindertagen. Die literarische Vorlage stammte von einer Schweizerin, wurde in Japan von Hayao Miyazaki umgesetzt und gelangte als Welterfolg wieder nach Westen.

Miyazaki hat sich mit seinen Ghibli-Studios so seit den 70er Jahren als Ikone des Animefilm etablieren können, er gilt z.B. den Machern von Disneys "Mulan" als großes Vorbild. Bisher waren seine Filme Ergebnis mühsamer Kunst am Zeichbrett, in "Prinzession Mononoke" generiert er nun zu 10% mit dem Computer. Mag es in westlicher Perspektive darum gehen, die beiden Animationsformen, dreidimensionale Computerwelten und zweidimensionale Zeichenbrettkunst, gegeneinander auszuspielen, so steht der Anime im Ursprungsland in keinster Gefahr, bald nurmehr Sache der Megabytes zu sein. Denn der Erfolg spricht Bände. In dreijähriger Produktionsdauer wurde Hayaos Epos "Pinzession Mononoke" bereits 1997 fertiggestellt und brach im japanischen Kino alle Rekorde, selbst den von "Titanic". Trotz des wenig aufregend klingenden Titels wurde der Film damit nicht nur zum erfolgreichsten Anime, sondern mit 13 Millionen Besuchern auch zum erfolgreichsten Film in Japan überhaupt. Das veranlasste Disney kurzerhand, die Vermarktungsrechte für einen Film zu erwerben, dessen Erscheinung mit der eigenen Filmphilosophie eigentlich unvereinbar ist.

Die Begeisterung umfasste alle Altersgruppen, denn im Gegensatz zu dem, was der Titel nahelegt, finden sich in "Prinzessin Mononoke" neben kindlichen Vorstellungswelten auch vielfältige thematische Implikationen (und auch einige Gewaltszenen), die aus dem Abenteuer einen Elternfilm machen. Dabei ist dessen Botschaft im Grunde natürlich eine simple: zwischen den Mythos, der innere und äußere, menschliche, pflanzliche und tierische Natur als Organismus einte, ist der zweckrationalistische Raubbau an der Natur durch den Menschen getreten. Kritik am wissenschaftlich-industriellen Weltbild, schon im Namen der Stadt "Irontown" zu lesen, geeint mit der Sehnsucht nach einer verzauberten, wieder göttlich erfüllten Welt. Kurz, Mensch und Natur sollten in Frieden miteinander leben. Die Handlung, in Animes nicht gerade üblich, folgt einer großen Linearität und zeigt sich über die Grundbotschaft hinaus erstaunlich differenziert und nimmt sich für ihre Figurenzeichnung Zeit. Ihr Entwurf ist vielschichtig und weitab jeder typischen Gut-Böse-Schemata. Geheimnisvoll sind sie, archetypisch heldenhaft, aber interessant vor allem dadurch, indem sie die Vielfältigkeit und Zerrissenheit menschlicher Intentionen abbilden.

So steht der strahlender Krieger Ashitaka zwischen den Stühlen, angetrieben von dem Wunsch, Natur und Mensch harmonisch zu einen. So verachtet die von einem Wolfsgott großgezogene Mononoke zwar alle Menschen, weiß aber, dass sie letztlich auch gegen sich selbst kämpft. Eboshi, die rätselhafte Leiterin von "Irontown", will das Beste für ihre gutmütigen Menschen, nimmt dafür die Zerstörung des magischen Waldes in Kauf und wird schließlich instrumentalisiert, weil andere durch ihre Klugheit den Waldgeist ermorden und unsterblich werden wollen. Letztlich triumphiert das Gute nicht Kraft der Liebe, sondern durch die Erkenntnis, dass ein Wertschätzen der äußeren Natur zur Wiedererlangung einer paradiesischen Lebenswelt unabdingbar ist. Das ist nett, das ist gut, Naturphilosophie und Pantheismus "light", ein Ökomärchen für die Wehmut , für alle Grünen, die, die es mal waren und noch werden wollen. Der große Reiz von "Prinzessin Mononoke" liegt somit in der komplexen Verpackung einer schätzungswürdigen Moral, die der Zuschauer in prächtig bunten Bilderwelten serviert bekommt. Zuweilen wirken sie, unterstützt von orchestralem Musikpomp, in ihren märchenhaften Zügen wie eine große Verbeugung vor Tolkien und den Grimms.

Verzaubernde Exotik kann aber nicht über einige Längen hinwegtäuschen, denn die epische Breite der Verwicklungen ist zuweilen langatmig und rivalisierende, anthropomorphe Wildschwein-, Affen- und Wolfsclans sind ein wenig zuviel des Guten. Allerdings gefällt die fast kontemplative Beobachtung der meisterlich gezeichneten Naturprospekte. Auch wenn insgesamt nicht von einer Revolution des Genres gesprochen werden kann, leistet "Prinzession Mononoke" zur Entzerrung des schiefen Bildes von der Animekunst den sicherlich besten Beitrag. Hayaos pantheistische Naturfabel empfiehlt sich als wirkungsvoller Erinnerungsanstoß an die Tage, in denen Wunder noch ganz natürlich schienen.

Bildschönes, sentimentales Ökomärchen in bester "Anime"-Tradition


Flemming Schock