Mord nach Plan
(Murder by Numbers)

USA, 120min
R:Barbet Schroeder
B:Tony Gayton
D:Sandra Bullock,
Ryan Gosling,
Michael Pitt,
Ben Chaplin
L:IMDb
„Verbrechen als Philosophie, aus Freiheit”
Inhalt
Als im Wald beim kalifornischen Küstenstädtchen San Benito die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, übernimmt die erfahrene Detective Cassie Mayweather (Sandra Bullock) den Fall. Unterstützt wird sie von ihrem neuen Kollegen Sam Kennedy (Ben Chaplin). Zunächst sieht es so aus, als ob die Frau das Opfer einer sinnlosen Gewalttat wurde. Doch Cassie spürt intuitiv, dass mehr hinter dem Fall steckt. Obwohl sie keine Beweise hat und kaum Indizien findet, entwickelt sie eine bizarre Theorie: Die junge Frau musste nur deswegen sterben, weil der Mörder es darauf angelegt hat, den perfekten Mord zu begehen. Sam versteht Cassie nicht mehr - er will weiter systematisch den Hinweisen vom akribisch untersuchten Tatort nachgehen. Cassie lässt sich aber nicht beirren. Sie verfolgt ihre eigenen Spuren und findet bald zwei Verdächtige. Doch die haben ein wasserdichtes Alibi.
Kurzkommentar
Sandra Bullock meldet sich in einer Hitchcock-Referenz erneut als Ermittlerin zurück. "Mord nach Plan" leidet als Kriminalthriller unter Spannungsmangel und leicht unglücklicher Balance zwischen den Handlungsebenen. Aber dank klug besetzter Rollen und einiger interessanter Psychologie- und Moralaspekte ist die Variante des "perfekten Mordes" aus Langweile nicht misslungen.
Kritik
Ein Mord hat drei sich bedingende Faktoren, nämlich einen Täter, ein Opfer und zwischen ihnen das Motiv. So mag es der Grundkurs Forensische Psychologie buchstabieren, aber was, wenn das Motiv unmotiviert ist? Dann fällt persönliche Spannung zwischen Täter und Opfer aus und letzteres stirbt aus gelangweilter Willkür, aus dem eigentlichen Un-Motiv heraus, als Täter allein das intellektuelle Katz-und-Maus-Spiel mit den Gesetzeshütern für sich entscheiden zu können. So gesehen schon beim Mentor des Suspense, bei Hitchcock und dessen "Cocktail für eine Leiche". Die erzählerisch wie moralisch reizende Idee vom "perfekten Mord" taucht seitdem als Thriller- Schema stetig wieder auf.

Und so liefert uns auch Barbet Schroeder ("Weiblich, ledig, jung sucht...") abgesehen von einer dezenten Angleichung an den Zeitgeschmack nur äußerst üblichen Stoff. Wenn man so will, ist allein die philosophische Grundierung und Motivkonstruktion recht originell, denn, so die gelangweilte Teenagerintelligenz, nur wer tatsächlich mordet, beweist in den Fesseln einer disziplinierten Gesellschaft wirkliche (Willens)Freiheit. Jeder habe ja schon mit dem Gedanken gespielt, wie es wäre, einer verachteten Person das Lebenslicht auszuknipsen, doch nur die Tat ist Signum der wirklich Erhabenen. Bei so viel philosophischen Anstrich, im Grunde aber nur Ödnis und Unreife kaschierend, darf der Anspruch handwerklicher Perfektion natürlich nicht fehlen.

Der Mord nach Plan muss also die Polizei und deren Psychologie mit ihren eigenen Ermittungsmethoden schlagen. Dass dies letztlich trotz aller respektablen Frechheit nicht gelingt, liegt selbstredend daran, dass Perfektion wohl dem Bereich des Philosophischen vorbehalten bleibt. Doch nein, abseits des überflüssig installierten Privattraumas der knallharten Polizistin darf Sandra Bullock die perfekte Ermittlerin mimen. Für einen Kassenmagnetismus reicht das aber schon längst nicht mehr, der richtige Erfolgsdurchbruch wollte Bullock nicht gelingen. Zuletzt war sie in der verzichtbaren Agentenkomödie "Miss Undercover" zu sehen. Das ist schade, denn trotz ihrer wenig akzentuierten Rolle in "Mord nach Plan" ist ihre Leinwandpräsenz sehr einnehmend und überzeugend dazu.

Regisseur Schroeder gelingt es, auch die übrigen, nicht weniger wichtigen Rollen sehr klug zu zu besetzen. Ben Chaplin ("Der schmale Grat"), der noch immer auf seinen großen Auftritt wartet, zeigt sich als liebenswerter Detective an der Seite der manisch recherchierenden Cassie (Bullock) als optimale Ergänzung. Und auch die Figuren der so unterschiedlichen und doch intensiv aufeinander bezogenen Teenager sind mit den eher unbekannten Ryan Gosling und Michael Pitt großartig eingebracht. Derweil Pitt glaubwürdig den weltverlorenen Existentialisten und Schöngeist gibt, kontrastiert ihn Gosling als großspurigen Schuldhelden. Zwischen ihnen ergibt sich ein sehenswertes Spannungsverhältnis, das psychologisch im Detail auszuloten reizvoll gewesen wäre. Aber Schroeder vergisst schnell, dass im Krimi mehrere Elemente wichtig sind.

Neben den Psychogrammskizzen ist es zum Beispiel die Spannung. Und da klassischerweise der Mord früh geschieht, um dann mit ebenso klassischen Mitteln über die Lauflänge des Films mit dem Tathergang mehr oder weniger raffiniert rekonstruiert zu werden, ist es kein Leichtes, spannend zu bleiben. Schroeder scheitert im Kleinen an der Aufgabe, neben den auf der Männerbeziehung liegenden Fokus einen zweiten, gleichgewichteten auf übliche Krimisuspense zu richten. Weil es nur unzureichend gelingt, den Plot um die besessen arbeitende Cassie und ihrer eigenen Problemwelt mit der der Mörder aus Langweile zu verknüpfen, wird "Mord aus Plan" schwergängig und trotz aller psychischen Beobachtungsgenauigkeit nicht unbefriedigend, aber auch nicht mehr als gepflegte Stangenware.

Dennoch, trotz aller Konvention, die auch darin liegt, dass gerade jene, die meinten, allen Täterprofilen entkommen zu können und letztlich gerade wie aus dem Handbuch der Psychogramme wirken, ist "Mord nach Plan" noch sehenswert. Das liegt zum einen, wie gesagt, an den Darstellern und der Hauptakteurin. Sandra Bullock zeigt auch bei nur schemenhaften Biographie der Rolle eine gute Leistung zwischen weiblichem Macho und Neurosenwrack. Zum anderen zieht Regisseur Schroeder gen Ende dann doch noch notdürftig an der Spannungsschraube, und das mit Effekt. Die endgültige wie unerwartete Wende jedenfalls, die den Tathergang erneut rekonstruiert, ist wirkungsvoll platziert. Da wirkt es weniger schwer, wenn "Mord nach Plan" schließlich nicht mehr als planhafte Routine ist.

Spannungsarmer, aber psychologisch starker Durchschnittsthriller


Flemming Schock