Plunkett & MacLeane

USA, 93min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Jake Scott
B:Robert Wade
D:Johnny Lee Miller,
Robert Carlyle,
Christian Camargo,
Ken Stott
L:IMDb
„...jetzt halt die Klappe und fick mich.”
Inhalt
Der Film erzählt die Geschichte der beiden historisch authentischen Straßenräuber Plunkett (Robert Carlyle) und MaCleane (Jonny Lee Miller). Die beiden treiben auf den Straßen Londons zur Mitte des 18. Jahrhunderts als erfolgslose Kleinganoven ihr Unwesen, bis sie auf die Idee kommen, die dekadente Adelskaste zu infiltrieren, um sie um ihr Geld zu erleichtern. Mithilfe aristokratengerechter Kleidung und affektiertem Nobilitätsgetue gelangen sie auf die dekadenten Banquets und an Informationen darüber, wer das meiste Geld hat. Was folgt, sind endlose Überfälle auf die Kutschen und Tischgelage der Reichen, bei denen sich MaCleane stets den ironischen Gentleman herauskehrt. Auf einem Fest und einem Überfall auf ihre Kutsche hat er sich jedoch in Rebecca (Liv Tyler), die schöne Tochter des gefürchteten Oberrichters Lord Pelham (Christian Camargo), verliebt. Während so die beiden 'Gentleman-Räuber' zu den meistgesuchtesten Verbrechern des Landes avanchieren, droht die Liebe zwischen Rebecca und MaCleane seine und auch Plunketts Tarnung als Lakei auffliegen zu lassen.
Kritik
Jake Scott, preigekrönter Videoclipregisseur ('MTV Video Award') und Sohn des wohlbekannten Ridley Scott ('Blade Runner', 'Alien'), legt mit 'Plunkett & MaCleane' seine erste Regierarbeit vor, die ihre eine ganz eigene Handschrift aufweist. Die historische Faktizität beschränkt sich allein auf die Existenz der beiden berühmt-berüchtigten Straßenräuber, denn alles andere ist eine wild-rasante Synthese, die sich frei von der 'normalen' Konzeption eines Historienstreifens und damit attraktiv auch für ein jüngeres Publikum machen möchte.

Eine bemerkenswerte Konstruktion ist er deswegen, weil Elemente des Dramas, der Komödie, des Abenteuers und der Action zu einem teils zwar schwankendem, aber stets erfrischendem Potpourri frech vemengt werden, das schon Züge einer Groteske aufweist. Dieser ausgeflippte Charakter ist noch nicht zu erahnen, als Regisseur Scott das Filmgeschehen in gekonnt schmutzig-dunkler Photographie beginnen lässt, die den Zuschauer geradezu ins Jahr 1748 katapultiert. Die optische Rafinesse mag Scott nicht zuletzt bei seinem Vater gelernt haben, dessen ästhetische Bildkompositionen 'Blade Runner' zum visuellen Manifest der 80er Jahre Science Fiction machten. Unzweifelhaft geschichtlich ist jedoch die zuerst herrlich dreckige Kostümierung der beiden Hauptdarsteller, des Schotten Robert Carlyle ('The Full Monty') und Jonny Lee Millers, die nach Danny Boyles 'Trainspotting' wieder zusammengeführt werden. Dass ihnen die erneute Zusammenarbeit viel Spaß bereitet haben muss und dem englischen Untertitel 'They rob the rich...and that´s ist' spaßhaft Rechnung trägt, merkt man in jeder Sekunde.

Auch wenn die Idee der Story nicht gerade innovativ zu nennen ist, so bleibt uns wenigstens eine weitere Robin Hood-Variation ('They rob the rich and give it to the poor') erspart. Vielmehr ist es ein Genuss zu erleben, wie die beiden das Wesen des gewieften Kleinganoventums herauskehren und voller Energie in die dekadente Adelswelt einfallen. Mit einer perfekteren Wahl hätte die Besetzung der beiden Hauptcharaktere nicht belegt werden können, denn die charismatische Lebendigkeit von Carlyle und Miller ist beachtenswert. Scott fängt ihr ungeschliffenes und doch zutiefst freundschafliches Miteinander in dynamischer Bild- und Tonkulisse ein, die, unterstützt von schmissigen und teils vulgärer Diktion, nun wirklich nicht ernst gemeint ist: die Perüken des übrigen Darstellerstabes (hier besonders erwähnenswert: Alan Cumming als tuntenhafter Paradiesvogel) entwerfen zum Teil ein schrilles, überzeichnetes Parodiegemälde der Haartrachtmode des aristokratischen Englands. Wenn sogar das Piercing an der Augenbraue nicht fehlt, kann der akustische Brückenschlag zur Moderne nicht fern sein. Ihn bringt Scott mit der Filmmusik von Gary Armstrong, einem facettenreichen Klangteppich, der einerseits historische Instrumente verwendet, sie dann jedoch mit pulsierenden Techno-Beats bombiniert! Dies mag im ersten Moment geschmacklos schockierend wirken, aber allein der Einfall, das bunte Treiben auf einem Ball und dessen Tanz mit Elektronikbeats des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu vermengen, fällt unter die Kategorie 'künstlerische Freiheit' und ist so einfach wie wirkungsvoll.

Dass Scott mit seiner Gesamtkonzeption Grenzen nicht nur mit der Musik, sondern auch mit der überdrehten Zeichnung des Adelshabitus und der geschmacklos-geschmackvollen Kostümierung durchbricht, ist das fast avangardistische Moment des Filmes. Allein das (ganz zu schweigen von der Leistung der Darsteller, obgleich Liv Tyler eine nicht erwähnenswerte Rolle einnimmt) verleiht ihm Kurzweil und Temperament. Wenige inszenatorische Hänger werden gleich wieder durch kleine, aber liebevolle Details nivelliert: Die Duellszene, nachdem Plunkett ausgerechnet im Bordell auf den sardistischen Häscher Chance (Ken Stott) treffen musste und ihn in seiner 'Ehre' verletzte, ist in ihrem Witz schlichtweg großartig gelöst und dargestellt. So zeigt sich dem Zuschauer bis zuletzt ein entspannender Kinospaß, dessen Ende hätte nur ein wenig unkonventioneller ausfallen dürfen. Im Resumée erfrischend unkompliziert, ernergetisch und humorvoll, stellenweise auch dramatisch. Das Debut von Regisseur Jake Scott entzieht sich festen Genregrenzen und ist allein schon aufgrund des ironischen Zerrbildes der Aristokratie und der Garderobe einen Besuch wert.

Frech, dynamisch und formal gewagt - ein pures Vergnügen


Flemming Schock