Heaven

Deutschland / USA / Frankreich 2002, 97min
R:Tom Tykwer
B:Krzysztof Piesiewicz,Tom Tykwer
D:Cate Blanchett,
Giovanni Ribisi,
Remo Girone,
Alessandro Sperduti
L:IMDb
„So hoch kannst Du mit einem Hubschrauber nicht fliegen.”
Inhalt
Phillippa (Cate Blanchett) hat es auf einen internationalen Drogendealer abgesehen, der ihren Mann auf dem Gewissen hat. Um ihn zu ermorden, hinterlegt sie eine Bombe in seinem Büro. Durch einen unglücklichen Zufall tötet die Bombe jedoch vier Unschuldige. Phillippa wird festgenommen und verhört. Der Polizist Phillippo (Giovanni Ribisi) verliebt sich in sie und gemeinsam fliehen sie.
Kurzkommentar
Mit "Heaven" verfolgt Tom Tykwer die besten filmischen Absichten, scheitert bei der Umsetzung seiner unendlichen Liebe aber wie schon bei "Die Krieger und die Kaiserin" an viel zu bedeutungsvoller, artifizieller Inszenierung. So ambitioniert wie Tykwer vorgehen mag, so misslungen setzt er seine Ideen mit platter Symbolik und trägem Rhythmus teilweise um. Wie mal ein IMDb-User schrieb: "a Supermodel-Film; gorgeous to look at, but hollow inside".
Kritik
Tom Tykwer ist seit seinem Erfolg mit "Lola rennt" sicher zur Symbolfigur des "neuen" deutschen Films geworden - etwas, was Michael Herbig (man möge mir den Vergleich verzeihen) nie sein wird, obwohl dessen "Schuh des Manitu" fünf mal soviele Besucher hatte wie "Lola rennt". Tykwer steht eben für ideenreiche oder auch emotionale, auf jeden Fall aber ambitionierte Streifen und damit für künstlerisch wertvollere Filme. Aber auch er kann sich Kommentare wie "Wie wäre es, wenn endlich mal diese ganzen Scheiß-Drehbücher unverfilmt blieben" nur leisten, weil er mal (glücklicherweise?) zwei Millionen Besucher mit "Lola rennt" einfahren konnte. Damit gewann Tykwer auch außerhalb Deutschlands Anerkennung und darf jetzt Filme auf internationalem Terrain drehen, große Produzenten anheuern (Anthony Minghella) und ins Regal hochkarätiger Schauspielstars greifen (Cate Blanchett).

Doch die Kritik, die sich Herr Tykwer nun gefallen lassen muss, ist leider, dass sein eigens gewähltes Drehbuch von Kieslowski ebenfalls recht dürftig ist. Es mag im Kern eine phänomenale, emotionale Dichte und mit den lediglich feinen Andeutungen bzgl. der Vergangenheit der Figuren exzellenten, weil vielleicht meisterhaft-subtilen Charakter besitzen. So wie Tykwer den Stoff jedoch umsetzt, verkommt er leider zur cineastischen Stümperei. Das klingt aus der Warte des Filmkritikers, der sich mit seinem fetten Gesäß in den Kinosessel kuschelt und in den Motzmodus umschaltet, freilich arrogant, aber ich will versuchen zu erklären, warum Tykwer innerlich das Beste beabsichtigt, in seiner Inszenierung jedoch gnadenlos scheitert.

Das größte Problem an "Heaven" ist wohl die emotionale Schwere, die dem Geschehen auferlegt ist. Diese steht leider in starkem Kontrast zur Charakterausarbeitung. Sieht man von den ersten auf "Thriller" angelegten Minuten ab (die eh nur der Einführung dienen), so will Tykwer eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählen - von einer Attentäterin mit "guten" Absichten und einem Wachmann mit bedingsloser Aufopferungsbereitschaft. Warum sich die beiden verlieben, bleibt dem Zuschauer wie schon in Tykwers ebenso misslungenen "Krieger und die Kaiserin" absolut verschlossen. Tykwer erzählt gerne von der Liebe als reine Seelenverwandtschaft, als innere Bindung, die besteht, sobald sich die Figuren das erste Mal erblicken. In Tykwers Filmen machen die Figuren kein Date aus, verlieben sich, landen irgendwann im Bett und finden sich schließlich am Traualter wieder. Bei Tykwer ist die Liebe entweder da oder nicht. Das hat nicht unbedingt was mit Liebe auf den ersten Blick zu tun und es ist wohl auch nicht das "Verlieben", welches in 85% der sonstigen Love-Stories verbraten wird. Für Tykwer ist Liebe tiefste, seelische Verbundenheit, die keiner Worte bedarf.

Ein edles Motiv, so liest es sich zumindest, und ein kraftvolles, gefühlsbetontes Thema für einen Film, aber leider ist sie filmisch sauschwer umzusetzen und Tykwer bleibt uns nach "Der Krieger und die Kaiserin" und jetzt "Heaven" weiterhin den Gegenbeweis schuldig. So beabsichtigt er erzählerisch das Beste, will dem Zuschauer in selten ambitionierter Weise von zwei Menschen erzählen, die für einander bestimmt sind, findet aber keinerlei Balance zwischen angepeilt-magischen Kinomomenten und nötiger, trockenerer Charakterausarbeitung. Philippas Hintergrund als Lehrerin wird ebenso knapp angerissen wie Filippos familiäre Verhältnisse. Dessen Bruder scheint sich nur im Film zu befinden, damit die beiden aus dem Polizeipräsidium entkommen können; eine "brüderliche" Beziehung besteht zwischen den beiden kaum.
Und während Cate Blanchett in einer sagenhaften schauspielerischen Leistung im Burö des Polizeidirektors von ihrem misslungenen Attentat erfährt, blickt Giovanni Ribisi nur treudoof in die Kamera - wie überhaupt den ganzen Film lang. Hier will Tykwer, wie so häufig im weiteren Verlauf des Films, mit Bildern mehr sagen als mit 1000 Worten, aber ohne etablierte, charakterliche Festigung der Figuren kann kein Mitgefühl aufkommen.

Diese dürftige Figurenzeichnung des Drehbuchs kommt schließlich besonders in der Abschiedssequenz von Filippos Vater zum Tragen. Dank der fabelhaften Leistung von Remo Girone bleibt der Abschied eine starke Szene, aber Philippas Bejahung der Frage, ob sie auch seinen Sohn liebe, verpufft emotionslos im Nichts. Die Gefühle der Protagonisten bleiben in keiner Weise nachvollziehbar und so zeigt sich, dass Tykwers lobenswertes Motiv der größten Form der Liebe nicht kinofähig ist - oder zumindest nicht in dieser Form.

Problematisch in diesem Zusammenhang ist dann auch die Hochglanzoptik, eingefangen von Frank Griebe. Die Diskrepanz zwischen fehlenden Emotionen beim Zuschauer, aber kalkulierten Gefühlen in Form minutenlang-regungsloser Gesichter der Darsteller, macht "Heaven" zusammen mit plumper Symbolik über-artifiziell und somit inszenatorisch misslungen. Mit Symbolik sei vor allem die äußere Angleichung von Philippa und Filippo kritisiert: ohne narrativen Zusammenhang scheren sich beide den Kopf und tragen mit Jeans und weißem T-Shirt sogar Partnerlook. Um Verbundenheit zwischen zwei Figuren auszudrücken und das Verschmelzen zu einer Seele zu visualisieren, kann man auch subtiler vorgehen, oder?

Was bleibt ist neben deplatziertem Humor (was soll bitte die Sexszene im Milchwagen des Italieners?) und vielen zu bedeutungsschwanger-gekünstelten Dialogen ("Wie hoch kann ich denn fliegen?") ein Liebesdrama mit den besten Absichten, aber der misslungensten Umsetzung. Den Beweis, dass Tykwer das, was er dem Zuschauer emotional vermitteln möchte, auch filmisch umsetzen kann, bleibt er uns also noch schuldig. Um magische Momente des Kinos zu schaffen, braucht man ein charakterlisches Fundament und vor allem muss man sich in der Anzahl dieser angepeilten Momente beschränken. Man kann nicht versuchen, einen ganzen Film mit langsamen Kamerafahrten, spärlichen Dialogen und tiefen Augenblicken dicht, also magisch zu gestalten. Denn der unerwartete, der seltene, überwältigende Moment, den gilt es gezielt zu inszenieren.


Überartifizielles Liebesdrama mit platter Symbolik


Thomas Schlömer