Tuvalu

Deutschland, 92min
R:Veit Helmer
B:Michaela Beck, Veit Helmer
D:Denis Lavant,
Chulpan Khamatova,
Philippe Clay,
Terence Gillespie
L:IMDb
„Technology, System, Profit”
Inhalt
In einer verlassenen Stadt steht ein verfallenes, opulentes Schwimmbad, in dessen Keller eine alte Maschine stampft. Hier lebt Anton (Denis Lavant) mit seinem blinden Vater Karl. Anton hat das Schwimmbad noch nie verlassen und träumt davon, als Kapitän über die Meere zu fahren. Tag ein, Tag aus hat er jedoch alle Hände voll zu tun, um seinem Vater bessere Zeiten vorzugaukeln: Die vielen planschenden Badegäste kommen nur von einem Tonband. Eines Morgens besucht die junge Kapitänstochter Eva (Chulpan Khamatova) das Schwimmbad und Antons Leben bekommt eine neue Wendung. Am Rande des Schwimmbeckens entspinnt sich eine zarte Romanze. Antons geldgieriger Bruder Gregor (Terrence Gillespie) beobachtet das junge Glück mit eifersüchtigen Blicken, sieht er doch den Verkauf des Schwimmbades gefährdet.
Kurzkommentar
In seinem Regieerstling schickt Veit Helmer den Zuschauer in ein wortloses und bildmächtiges Utopia, das formalistisch glänzt, jedoch dadurch, dass der surreale Film die spezielle Stummfilmdramaturgie nachempfinden möchte, inhaltliche und darstellerische Defizite nicht ausgleichen kann. Gleichwohl lässt das experimentelle Formdebüt auf Helmers Nächsten hoffen.
Kritik
Am Anfang war die Idee, die zum Anfang zurück wollte, nämlich zu dem des Films. Und da beim traumverlorenen Planschen im Ursprungselement sich immer die besten Ideen entzünden, überkam Veit Helmer vor zwölf Jahren während des Schwimmens im Hamburger Nostalgiebad der Wunsch des wehmütigen Abgesangs auf nachwilhelminische Bäder und die verklärte Ära des spätexpressionistischen Stummfilms. Helmer war damals zwanzigjährig, heute, mit zweiundreißig, ist seine persönliche Zueignung (sein "Tuvalu", wie er es nennt) experimentelle Wirklichkeit geworden, die vergangenen Bildern den Rettungsring zuwirft.

So soll die aufgefrischte Erinnerung an Stummfilmklassiker mit ins neue Jahrtausend gerettet werden, das aus der Sicht Helmers kreative Dogmen des Films durch zu viel banale Sprache fallen gelassen und seine Seele, wie alles andere auch, an "Technology, System, Profit" verscherbelt hat. Das ist sympathische, aber leider auch naive Programmatik, bedenkt man, dass der Stummfilm nicht aus ästhetischem Ideal und nicht aus Tugend, sondern schlichtweg aus technischer Not geboren wurde. Bis die Pioniere der "Camera Obscura" den Bildern nicht nur das Laufen, sondern auch das Sprechen beigebracht hatten, wurden eigentliche Grundlage des Dramentheaters ausgehebelt. Die stumme Handlung musste auf das Simpelste reduziert und durch Pantomime vermittelbar bleiben. Aber es störte auch niemanden, denn das, was die Massen magnetisierte und am neuen Medium faszinierte, war die Magie des bewegten Bildes und die Poesie der sich entwickelnden Bildsprache.

So wurde aus der Not doch noch eine Tugend und Helmer will durch das Wagnis eines dialogfreien Films zurück zur bildmystischen Prämisse: was im Film gezeigt werden kann, das sage nicht. Und sicher kann ein Bild mehr als tausend Worte sagen, aber sich gegen manches Gefasel im Gegenwartsfilm gleich im schweigenden Radikalismus ins Feld zu werfen, ist eher debütbedingter Wellenschlag als ernstgemeintes Programm. Wertet man Helmers "innovativen Rückschritt" demnach nicht als Zumutung, sondern als sinnliches Formenspiel, mögen die vielen Auszeichnungen, die das Werk bereits erhielt, nachvollziehbar erscheinen. Deutlich vom grotesken Traumreich eines Jeunet ("Delicatessen", "Alien 4") inspiriert, lässt Helmer einen unwirklichen Bildkosmos entstehen, der vergangene Bäderatmosphäre in ein absurd surreales Setting einbettet.

Durch nachkoloriertes Schwarz-Weiß-Material soll jeder einzelnen, akribisch gefilmten Einstellung "Seele" eingehaucht und poetische Wirkung verliehen werden. Es gelingt. Erstaunlich, wie es Helmer versteht, aus dem lächerlich geringen Budget von 1,7 Millionen Mark eine optische, detailverspielte Raffinesse hervorzubringen. Die farbentzogene Schönheit des Looks, der das desolate Außenumgebung des Traumbades in blauem Kolorit zeigt, gibt dem Kino anscheinend ein Stück dessen zurück, was im Zeitalter der digitalen Bombasteffekte untergegangen ist. Gemeint ist eine geheimnisvoll utopische Kraft, die aus jedem Bild, aus jeder kunstvollen Kameraeinstellung spricht.

Dass der Film also keinen Hehl daraus macht, vornehmlich vom malerisch- impressiven, aber wenig metaphorischen Schaueffekt gesehen werden zu wollen, ist seine Stärke, die über weite Strecken fesselt. Ein kleiner, aber bemerkenswerter Moment für den deutschen Film. So spricht der in Utopien angesiedelte Handlungsort zwar potentiell Bände, doch letztlich bleibt die bizarre Kulisse bedeutungslose, selbstverliebte Verpackung. Denn - und eben das ist charakteristisch für den momentanen Stand des hiesigen Kinos - wo keine Erzählstoffe erdacht werden, muss über inhaltliche Ideenlosigkeit mit plakativem Formalismus hinweggetäuscht werden. Sicher, man kann einwenden, dass Schlichtheit und Naivität des Drehbuchs (die Flucht aus dem Reich der Träume nach Utopien, nach Tuvalu) durch den hervorgehobenen Stummfilm- und Bildmagiecharakter mehr als wettgemacht werden, es ist jedoch nicht so, dass aus Helmers Verzicht auf Dialoge ungeheure Gefühlsintensität in Mimik und Gestik resultiert. Im Gegenteil: die Figuren sind natürlich typisierend, bieten keinen Identifikationswert und hampeln mehr exaltiert als subtil durchs Nostalgiebad. Da gerät der bemühte Vergangenheitstrip doch arg ins Schwimmen und dem Wortentwöhnten entweicht so mancher Gähner. En Gros genügen die Bilder zu sehr sich selbst, korrespondieren dafür vorbildlich mit dem schrägen Minimalplot. Veit Helmers durchaus bemerkenswertes Debütexperiment ist ein ästhetisch wundervoll homogener Fantasieentwurf und eine liebevoll simple Hommage an vergangene (idealistische?) Zeiten, gleichzeitig aber doch nur wortloser Wunderschein.

Träumerisch kulissenhafte Stummfilm-Hommage naivster Machart


Flemming Schock