Turbulenzen und andere Katastrophen
(Pushing Tin)

USA, 124min
R:Mike Newell
B:Glen Charles, Les Charles
D:John Cusack,
Billy Bob Thornton,
Cate Blanchett,
Angelina Jolie
L:IMDb
„Delta-Four-Seven-Three-Eight-Heading-West-Descent-To-Three-Thousand-Feet-Herzlich-willkommen-auf-meinem-Schirm.”
Inhalt
Es gibt ruhige Jobs, die man auf der linken Gesäßhälfte absitzen kann und sich abends noch als perfekter Eheman seiner Familie widmen kann und es gibt absolut stressige Jobs, bei denen man froh sein kann, wenn man nicht zu einem zitternden Nervenbündel wird. Nick Falzone (John Cusack) hat sich einen Arbeitsplatz der letzteren Kategorie ausgesucht und sitzt in Tag- und Nachtschichten vor den Radargeräten einer Flugleitstelle in New York, um die an- und abfliegenden Flugzeuge mit einem halben Dutzend Kollegen ordentlich durch den dichten Luftraum über dem Big Apple zu lotsen. Bis zu dem Tag an dem Russell Bell (Billy Bob Thornton) auftaucht und Nick seinen Platz als bester und sicherster Lotse der Leitstelle streitig macht ...
Kurzkommentar
Worum es in diesem Film gehen soll, wusste wahrscheinlich niemand so genau. Herausgekommen ist dann eine seltsame Mischung aus Fluglotsen- Action, Beziehungsdrama und Charakterstudie, die stellenweise interessant über Kontrollwahn sinniert. So richtig abheben will der Film allerdings nicht.
Kritik
John Cusack war schon immer einer meiner Lieblingsschauspieler, obwohl man ihn erst in letzter Zeit verstärkt im Kino sieht (Being John Malkovich, Turbulenzen und andere Katastrophen, High Fidelity). Und die gute Rollenwahl Cusacks verhalf bisher jedem seiner Filme zu mindestens einer grossen Stärke: Seiner Rolle.
Für "Turbulenzen und andere Katastrophen" gilt das leider nicht so richtig, die Rolle des Fluglotsen Nick Falzone spielt er gekonnt gut, aber leider gibt die Figur an sich nicht so besonders viel her.

Gälte es, das Thema des Films zu formulieren, so wäre "Kontrollwahn" der mir am besten zu passen scheinende Begriff. Was die Geschichten über den harten Job der Fluglotsen, die Beziehungskiste und die verschiedenen Charaktere verbindet, ist ihre Einstellung zum Leben, die auf Seiten Falzones eben von ausgeprägtem Kontrollwahn gekennzeichnet ist. Und so geht der Film durchaus nachvollziehbar vor: Langsam destruiert er das sicher geglaubte Gefüge aus Job, Freundeskreis und Familie, indem er die Figur des Russel Bell einführt, einen Fluglotsen, der bereits erkannt hat, dass seine Kontrolle über die Umwelt beschränkt ist. So gestattet er etwa seiner Beziehung sehr grosse Freiheit, und auch der Rest seines Auftretens ist geprägt von der Gelassenheit eines Mannes, der entweder einen tiefen Glauben besitzt, oder zumindest den Glauben an die Kontrollmöglichkeit seiner Umwelt aufgegeben hat.
Aber mal ehrlich: Auch wenn mir das eine plausible und sinnige Erklärung zu sein scheint, wer würde annehmen, dass sich über dieses Thema ein richtig spannender Film drehen liesse? Niemand, und deswegen ist "Turbulenzen und andere Katastrophen" auch kein solcher Film geworden. Sondern vielmehr einer, dessen einzelne Episoden zu wenig zusammenhängend sind, um dem Zuschauer diese sehr komplexe Thematik verständlich zu machen.
Wahrscheinlich war dem Drehbuchschreiber/Autor sein eigener Ansatz nach einer Weile ebenfalls zu anstrengend, sodass die schlussendliche Lösung des Filmes (Stichwort Turbulenzen) eher als eine Art deus-ex-machina-Lösung daher kommt. Einmal die Umöglichkeit der Kontrolle zu erfahren scheint mir kaum ein probates Mittel zu sein, um diesen Konflikt für immer zu beseitigen. Wie auch immer: Nick Falzone gelingt es, aus dieser einmaligen Einsicht heraus sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, was ob der Unglaubwürdigkeit des Situation allenfalls als "ganz nett" gelten kann. Wie auch der restliche Film hat das Ende keinen richtigen Biss. Es ist schwierig zu sagen, was genau der Film hätte besser machen müssen - es fehlt einfach die Spannung, die den Zuschauer über die volle Länge an den Film bindet. Zu oft driftet man von dem für das eigene Leben wenig relevanten Thema weg, und man wird auch nicht wieder richtig zurückgeholt. Vielleicht hätte hier etwas "eye-candy" geholfen, das etwas spröde Thema ansprechender zu verpacken. Und dringend notwenig wäre ein schlüssigeres Ende gewesen.

Nichtsdestotrotz ist John Cusack mal wieder gut (wenn auch nicht so gut, wie er sein könnte, wäre des Drehbuch besser), und auch Billy Bob Thornton kann in der ungewöhnlichen Rolle des Russel Bell überzeugen. Im wesentlichen Film lebt der Film von diesen beiden Darstelleren, der Rest ist formal wie darstellerisch (trotz der in letzter Zeit so gelobten Angelina Jolie) eher unbedeutend. Ach ja, eines noch: Eine Komödie ist der Film eigentlich nicht...

Nur teilweise erfolgreiche Studie über Kontrollwahn


Wolfgang Huang