Eyes Wide Shut

USA, 159min
R:Stanley Kubrick
B:Arthur Schnitzler, Stanley Kubrick
D:Nicole Kidman,
Tom Cruise,
Sidney Pollack
L:IMDb
„Ein Traum ist niemals nur ein Traum”
Inhalt
Das Ehepaar Harford (Cruise und Kidman) kann eigentlich nicht glücklicher leben. Mr. Harford ist ein bekannter und teurer Frauenarzt, Mrs. Harford kümmert sich um die Erziehung ihrer Tochter. Doch manchmal kann eine einzige Nacht alles verändern. Zuerst wird Alice Harford von einem etwas ergrauten, aber nicht minder attraktiven Gentleman auf einer Party beinahe verführt. Und Alice, stark angetrunken, läßt sich auf das Spiel ein und flirtet mit ihm. Jedoch kurz vor der Entscheidung, ob sie mit ihm für eine kurze Zeit verschwinden soll, bricht sie die ganze Sache ab. Aber auch William Harford ist kein Kostverächter. Auf derselben Party wird er von zwei jungen Damen umgarnt, was ihm sichtbar gefällt. Aber auch er wird letztendlich nicht schwach. Doch scheint es so, als ob beide schon daran denken, auch mal mit anderen Sex zu haben. Während die beiden eines Abends einen Joint rauchen, erzählt Alice von einem Mann, den sie während eines Urlaubs mit William kennengelernt hat. Sie hat nicht mit ihm geschlafen, aber er ging ihr nicht mehr aus dem Sinn – Die heile Welt der Harfords scheint zu zerbrechen.
Kritik
"Die Wirklichkeit einer Nacht, ja die Wirklichkeit eines ganzen Lebens ist niemals die ganze Wahrheit." - "Und ein Traum ist niemals nur ein Traum." Ahja.

Ok, tabula rasa, clrscr. Nochmal von vorne. Zwangsläufig, so hat es den Anschein, muss Kubricks Film "Eyes Wide Shut" entweder ein Meisterwerk oder eine Altmännerphantasie sein, so zumindest die aktuell beliebteste Dichotomie. Tja, und nun? Was eine Altmännerphantasie ist, das können wir uns (so mehr oder weniger) vorstellen, mit dem Kunstwerk ist es schon schwieriger. Nehmen wir mal eine Minimaldefinition: Ein Werk, das als Kunstwerk bezeichnet werden kann, muss sich entweder duch eine aussergewöhnlich Form oder durch eine aussergewöhnliche Funktion auszeichnen, oder am besten durch beides. Soll im Klartext heissen, entweder es ist formal sehr beeindruckend, auf filmischer Ebene wäre "Bladerunner" hier ein relativ anerkanntes Beispiel, oder es muss inhaltlich aussergewöhnlich viel mitzuteilen haben, 1984 wäre so ein Stück, das so ziemlich über jeden Zweifel erhaben ist.
Oft genug hat man inzwischen gelesen oder gehört, das Kubrick die meisten Szenen mehrfach, viele über 50 mal, einige sogar mehr als 100 mal spielen habe lassen. Wenn das wahr ist, und Kubrick gilt tatsächlich als Perfektionist, dann kann ich nur sagen: Man merkt nichts davon! Sicher, die Szenen sind gut gespielt, aber mal ehrlich: Mehr als routiniert ist das nicht. Es ist völlig unmöglich, dass es 50 oder 100 Versionen gibt, die schlechter gewesen sein sollen. Der Storyverlauf ist ziemlich konventionell und, abgesehen von der kruden Story an sich, ziemlich absehbar. Anfangs kann die Musik gefallen, vor allem weil sie Eindringlichkeit nicht durch ein bombastiches Orchester, sondern durch ein einzelnes Piano erzeugt. Aber durch unendliche Wiederholung des ewig gleichen Themas und konventionelle Komposition der Musik in dramatischen Momenten wird sie schnell langweilig. Der mystisch-spährische Chorgesang während der Orgienszene ist zwar stimmungsvoll und gut gemacht, aber seit Carmina Burana auch nichts neues mehr. Die Schauspieler geben sich redlich Mühe, Nicole Kidman ist ziemlich überzeugend, aber Tom Cruise ist mit seinem ewigen "Ich bin Arzt" und seinen ununterbrochenen Nachfragen dialogtechnisch völlig unterfordert. Emotionale Szenen werden ihm zu wenige gegönnt, obwohl er gerade die gut spielt, während er in "Schönling"-Szenen auch nicht anders wirkt als sonst auch. Sidney Lumet ist eine Enttäuschung, hier hätte Kubrick lieber auf Harvey Keitel beharren sollen, der hätte dem ganzen mehr Pfeffer gegeben; angeblich soll er aber während der Dreharbeiten entnervt das Handtuch geworfen haben. Auch die Bildkomposition verdient das Prädikat routiniert, aber ausser konventionellen Bildern, Totalen und kreisender Kamera hat sie nichts zu bieten. Wirklich unerträglich ist das unglaubliche Auswalzen der Dialoge: Das ewige Hin und Her, die ständigen Rückfragen, Stocker und das verlegene Getue soll wohl das kompromittierende, peinliche Element andeuten, aber eigentlich langweilt es nur, zumal man als Zuschauer fast immer erraten kann, was der Dialogpartner als nächstes sagen wird, besonders in den ach so bedeutungsschwangeren Aussprachen. Hier hätte man den Film gut um eine Viertelstunde kürzen können, und es wäre nichts verloren gegangen. Langsame gesprochene Worte sind eben nicht gleichbedeutend mit grosser Bedeutung, auch wenn das vor Kubrick auch schon viele geglaubt haben.
Nun gut: Zusammenfassend kann man sagen, dass der Film formal routiniert ist, vielleicht etwas überlegter als normale Filme, aber mehr auch nicht. Eher weniger, denn besonders die Trägheit des Geschehens und die im späteren Verlauf immer aufdringlicher werdende Musik erweisen sich als sehr störend.

Bliebe noch die Funktion, also die Aussage des Films. Um es allen ungeduldigen Lesern gleich vorab zu sagen: Es gibt keine skandalöse, keine bahnbrechende, ja nicht einmal eine interessante Aussage.
Es gibt ein paar Möglichkeiten: Zu Beginn demontiert Kubrick das stereotype Bild vom Mann, der Sex von Gefühlen trennt und der Frau, für die Sex und Gefühle untrennbar zusammengehören. Das ist allenfalls nett, aber sicher keinen Film wert. Die restlichen Botschaften sind sehr zweifelhaft: Dass alle Frauen, die mit [Spoiler!] Harford in Berührung kommen ihre Strafe erhalten (Tod, Aids) erscheint als sehr sehr simpel, dass kann es nicht gewesen sein, diese Schuld-und-Strafe-Ideologie ist einfach zu mies. Dass sexuelle Laster unkontrollierbar werden können, haben wir auch schon vorher gewusst. Um eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Problemen, die der Mann Harford durch seine ungezügelte Libido seiner Frau und seiner Familie aufhalst, geht es Kubrick anscheinend aber auch nicht, dazu ist dieses Thema viel zu wenig differenziert beleuchtet. Anscheinend geht es Kubrick nur um die ebenfalls ausgelutschte -wenn auch wahre- Erkenntnis, dass es einen Unterschied zwischen Sein und Schein gibt -dass zumindest deuten die beiden vorletzten Sätze, die eingangs zitiert sind, an. Auch der Storyaufbau, die angeblich gefakte Bestrafung des Opfers und die laut Ziegler inszenierte Verschleppung des Pianisten sind Elemente, die dazu passen würden. Es scheint, als habe Kubrick selbst nicht so ganz gewusst, worum es ihm geht, dass einzige was ihm gelingt -wenn auch meiner Meinung nach keinesfalls realistisch- ist die Abbildung der Lasterhaftigkeit, ein Kernthema bei Kubrick, über das er aber auch in diesem Film nicht hinauskommt.

"Absolutely fascinating look at the complexities of marriage with great performances by Cruise and Kidman, many startling visuals and great use of music." (IMDb)

Solch unüberlegte Euphorie ist keinesfalls angebracht. Die Komplexität der Ehe ist allenfalls ein Randthema, der "look" ist nicht faszinierend sondern eher bieder, Cruise und Kidman spielen zwar gut, könnten aber sicher besser, "startling visauls" sind mir keine untergekommen, nur platte nackte Tatsachen, und die Musik ist nur für einen Kurzeinsatz gut, über weite Strecken nervt sie nur.

So, ein Meisterwerk ist "Eyes Wide Shut" also nicht. Was dann? Interessant ist das allerletzte Wort, Antwort auf die Frage, was zu tun übrig bleibe: "Ficken!". Damit ergeben sich zwei Möglichkeiten. Entweder ist dieser negierende Schluss ein grosser Scherz Kubricks, mit dem er alle Sinnsucher auf den Arm nimmt und seinen eigenen Film gewissermassen, wie auch die Party, als Fake entlarvt. Oder er meint es ernst, sieht dieses Statement als gewichtigen Schlusspunkt einer Entwicklung seiner Charaktere. Dann ist es ob des vielen nackten Fleisches und der unglaublich plumpen Moral eine Altmännerphantasie. Ich tendiere zu letzterem.
Wolfgang Huang