Experiment, Das

Deutschland, 120min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Oliver Hirschbiegel
B:Mario Giordano,Mario Giordano, Christoph Darnstädt, Don Bohlinger
D:Moritz Bleibtreu,
Christian Berkel,
Thiemo Dierkes,
Justus von Dohnanyi
L:IMDb
„Das sind ungeheuer dynamische Faktoren.”
Inhalt
4000 Mark für zwei Wochen: Leicht verdientes Geld und ein netter Spaß noch dazu. Denken die 20 Freiwilligen, die sich auf das von einer Universität ausgeschriebene Experiment einlassen. Um die Erforschung des Aggressionsverhalten in einer künstlichen Gefängnissituation soll es gehen. Und zunächst halten die Beteiligten das Ganze für ein Spiel. Das denkt lange Zeit auch der frühere Journalist und jetzige Taxifahrer Tarek (Moritz Bleibtreu), der hinter der Anzeige eine Zeitungsstory wittert und sich ausgerüstet mit einer Geheimkamera als Undercover-Journalist in das Experiment einschmuggelt. Kurz vorher hat er bei einem Autounfall Dora (Maren Eggert) kennengelernt, die ihm nun in den langen Nächten in der Zelle nicht mehr aus dem Kopf gehen wird. Nach Tests und Vorbereitungen beginnen die 20 männlichen Versuchspersonen ihren ersten Gefängnistag in dem eigens dafür eingerichteten und mit Überwachungskameras ausgestatteten Zellentrakt. Sie schwanken zwischen nervöser Neugier und ausgelassenem Übermut und finden sich langsam in ihre Rollen ein: Die Wärter pochen auf Autorität, die Gefangenen rebellieren gegen Demütigung und Schikane.
Kurzkommentar
Man mag dem nervenaufreibenden Kinodebüt Oliver Hirschbiegels psychologische Gemeinplätze und Dramatisierung zur Last legen, aber "Das Experiment" trifft den Zuschauer mit voller Wucht und setzt Maßstäbe, auch über den deutschen Film hinaus. Der schwindelerregend spannende Psychothriller fesselt durch ein unverbrauchtes, mit folgerichtiger Präzision entwickeltes Sujet, das wie selten in einem Film zuvor, die Triebfedern von Gewalt und Soziopathologie offenlegt.
Kritik
Die Verhaltensforschung bezeichnet jene Prozesse, deren Systeme nicht oder nicht vollständig bekannt sind, als "Black Box". Die Metapher legt nahe: Die entschlüsselnde, Licht in das Dunkel der Box bringende Einsicht in das System ist nicht möglich, vielmehr nur eine deutende Beobachtung von "Input" und "Output", von wissenschaftlich provozierter Eingabe und empirischer Verwertung der Ausgabe. Das ist eine Rechnung mit unbekannten Variablen, bekannt eher aus dem Bereich der Biologie, die Anfang der 70er Jahre aber im berühmt-berüchtigten Stanford-Experiment (weitere Informationen: prisonexp.org) von Philip Zimbardo auf die Sozialsphäre des Menschen praktisch angewandt wurde. Ziel des Universitätpsychologen war es, in einem Experiment Gehorsam und Aggressionspotential an vierundzwanzig freiwilligen Testpersonen zu erforschen - in einem "simulierten Gefängnis", vergleichbar einem "Big Brother Extrem", mit dem Unterschied, dass alles mit einem Spiel beginnt: Die männlichen Probanten, psychisch und physisch von "normaler" Konstitution, sollten zwei Wochen in dem mit Videokameras gespickten Scheinknast verbringen; die eine Hälfte als Häftlinge, die andere als Wärter. Ausgewählt wurde nach Zufallsprinzip.

Der Entstehungshintergrund war die Frage danach, unter welchen Bedingungen sich Menschen einer Gruppe unterwerfen, sich "deindividualisieren", Gewalt ausüben und welche Faktoren den Grad der psychischen und physischen Brutalität bestimmen. Wer beansprucht die Autorität, wie laufen Machtkämpfe, Solidarisierung und die Unterstützung der Schwächeren ab? Nichts Neues brachte die Erkenntnis, dass sich soziale Bezugs- und Zeichensysteme durch Gruppenkonstellationen definieren, aber schon dadurch, dass sich die Versuchspersonen bereiterklären mussten, während des hermetisch abgeschlossenen Experiments auf bürgerliche Grundrechte zu verzichten, deutete sich die Radikalität des Versuchs an.

Wieso übernehmen Menschen nach kürzester Zeit neue Rollen, wachsen regelrecht in diese zuerst fiktive Identität hinein und zeigen in der Gruppendynamik bereits nach kürzester Zeit Bereitschaft zum Äußersten, was im Falle derjenigen, die das Gewaltmonopol inne haben, den Verzicht auf einen lange erlernten Moralkodex und sadistische Machtlust bedeuten kann? Der erschütternde Ausgang des Experiments lieferte bedrückende Argumente für die These, dass der Mensch, der sich als Subjekt in erster Linie von innen heraus zu erleben meint, in Drucksituationen seine Identität und Handlungsfreiheit, insofern noch gegeben, fast ausschließlich durch externe Konditionen bestimmt. Wie wir, standen die Probanten vor Experimentbeginn sicher im Gesellschaftsgefüge, waren nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und zeigten kein aggressives Potential. Was dann aber bereits nach den ersten Stunden durch die Eigendynamik des Rollen"spiels", in dem körperliche Gewalt zum sofortigen Abbruch führen sollte, losbrach, greift Oliver Hirschbiegel in seinem Kinofilmdebüt auf. Wie gering die Kluft zwischen uns und den erschreckend selbstläufigen "unbekannten Variablen" dabei ist, zeigten schon die Drehbedingungen, unter denen sich die Schauspieler mit ihren Rollen zunehmend zu identifizieren begannen und Hirschbiegel sich regelrecht in die Position eines "Versuchsleiters" versetzt sah.

Der 1957 geborene Regisseur drehte bisher Fernsehfilme und kann bereits auf mehrere Grimmepreise zurückblicken, so auch für einen "Tatort". Verwunderlich, dass sich mit Hirschbiegel erst in den Zeiten des Container-Voyeurismus jemand für die kommerzielle Verwertung des brisanten Experiments und die Buchvorlage Mario Giordanos begeistert. Die sorgfältige Drehbucharbeit und kalte Präzision, mit der der Regisseur sein Spiel zwischen Realität und Fiktion entwickelt, brachte ihm jetzt noch den bayerischen Filmpreis ein. Das ist dann auch das Mindeste, was diesem konsequent gedachten, beispiellos beklemmenden Psychothriller gebührt. Hirschbiegel traf schon in der Frage der Besetzung die wesentlich richtige Entscheidung, bis auf Moritz Bleibtreu, durch den als Zugpferd auch die Finanzierung gesichert werden konnte, auf weitgehend unbekannte Gesichter zu setzen. "Stars" hätten nur von der Glaubwürdigkeit der Figurenentwicklung abgelenkt, von der nun behauptet werden mag, sie biete statt Differenzierung bloß psychologische Schablonenart. Individuelles Interesse war aber nicht zu Unrecht weniger wichtig als die "Chemie" der Gruppe, für die Hirschbiegel ein ähnlich begnadetes Talent entwickelt wie für das Vermögen, Kernsituationen und Entwicklungsschritte bis zum Letzten szenisch auszukosten.

Mit Regisseur und Darstellern lässt sich der Zuschauer schon von Beginn an von dem Gedankenexperiment insofern soghaft fesseln, als er erstens den schnell vollzogenen Schritt vom Spiel zum bitteren Ernst ahnt und zweitens, weil der Dialog des Films mit dem Publikum ein ganz besonderer ist: die beruhigende Sicherheit der Fiktion fällt weg, der Zuschauer betrachtet die Entwicklungen auf selbstreferentieller Ebene und letztlich geschieht das, was das heutige Kino nur noch selten leistet: der Film wird "miterlebt", jeder schützende Zwischenraum bricht ein, weil Hirschbiegel menschliche Abgründe in unerbittlicher Konsequenz seziert und beängstigend vorführt, wie schnell Gewaltschwellen sinken und Menschen zu Bestien und Soziopathen degenerieren können. Natürlich ist eine gängige These, dass psychischer Druck, Schikane und Demütigung einen Menschen eher brechen als physische Gewalt, aber die Logik der sich zuspitzenden Gewaltspirale ist eben die, dass die große Entladung schließlich in der Bereitschaft zur Vernichtung erfolgt - auf beiden Seiten. Die Klaustrophobie der Randsituation wird durch Präzision von Kameraarbeit und effektvollen Lichteinsatz zusätzlich intensiviert.

Hirschbiegels wahnsinniges Kabinett der Grenzgänger scheint die Korrespondenz der beiden konkurrierenden Gruppen in Bedingung, Folgerichtigkeit und Dynamik mit annähernd psychoanalytischer Kompromisslosigkeit zu entwickeln. Die Glaubwürdigkeit des des seelenauslotenden Zellenhorrors findet sich in der Abbildung von fortschreitender Apathie, Autoritätshörigkeit und Realitätsverlust auf der einen und sadistischen Machtgelüsten als Kompensation von Minderwertigkeitspsychen auf der anderen Seite. Schlichtweg grandios vermag es z.B. Justus von Dohnànyi, unter einer unscheinbaren Hülle sukzessiv den Sadisten hervorzukehren oder Timo Dierkes, hinter dem Elvis-Imitator einen potentiellen Vergewaltiger wachsen zu lassen. Allerdings muss auch angeführt sein, was Hirschbiegel theoretisch zur Last gelegt werden könnte, dass er nämlich in seiner Radikalität das Stanford-Experiment hinter sich lässt, es in seinem Entwurf, der, anders als "Fight Club", der Ursache der Gewalt auf den Nerv spürt, auf die nächste Stufe hebt und Zugeständnisse an Konventionen des Gewaltkinos macht. Zudem ist offensichtlich, dass der von Moritz Bleibtreu gespielte Reporter als dramaturgisches "Anheizelement" eingeschaltet wurde, um Machtkämpfe und Spannungskurve im Zeitraffer zuzuspitzen. Der größte Teil der Probanten zeigt sich tendenziell unterbelichtet; so darf man legitim fragen, ob eine höhere Intelligenz auch höhere soziale Intelligenz und damit ein reibungsloses Rollenspiel erbracht hätte. Weiterhin ist die parallel verfolgte Liebesgeschichte mit Sicherheit keine narrative Notwendigkeit, denn der Durchhaltewillen Tareks scheint sich schon durch sein Reporterethos zu bedingen.

Doch versteht es Hirschbiegel wirkungsvoll, die traumartig romantischen Momente mit Tareks innerer Entwicklung zu verschränken und das unerklärt Grausame im Menschen mit Hoffnung und Liebe zu kontrastieren. Letztlich entkräftet sich der Vorwurf der Überzeichnung, weil Hirschbiegel sich auf filmische Fiktionalität und spekulatives Weiterdenken, auf Phantasie berufen darf. Die herausgearbeitete Fragilität unser angeblich gesicherten Moral und Zivilisiertheit wirkt im Ganzen aber nicht spekulativ, sie rüttelt vielmehr an den Wurzeln unseres Selbstverständnis und trifft sie wie ein Hammerschlag, sich auch darin ausdrückend, wie selbst im "Experiment" für die Figuren Partei ergriffen wird. Die Spannung spitzt sich bis ins Unerträgliche zu und gipfelt in der folterhaften Wirklichkeitswerdung der "Black Box". Perfekt. Panische, klaustrophische Enge trifft auf eine Schlussbild von bedächtiger Weite, auch der Seele, aber nicht dann erst ist klar, dass Oliver Hirschbiegel mit einfachen Mitteln einen der extremsten und einschneidensten Psychothriller der letzten Jahre gedreht hat. Und der kommt ausgerechnet aus Deutschland.

Denkwürdig unerbittliche Verhaltensanatomie


Flemming Schock
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Selten wirkte ein Film echter, selten regte ein Film mehr zum Nachdenken an. Oliver Hirschbiegels "Experiment" gelingt das, was es in letzter Zeit viel zu selten im Kino gab: ein hochspannender Thriller, der seine wichtige Botschaft nicht in Massen an Klischees oder Überdramatisierung ertränkt, sondern beängstigend real wirkt. Ein kleines Meisterwe...