Existenz
(eXistenZ)

USA/CZ, 97min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:David Cronenberg
B:David Cronenberg
D:Jude Law,
Jenniger Jason Leigh,
Willem Dafoe,
Ian Holm
L:IMDb
„Tod dem Realismus!”
Inhalt
Die brilliante Computerspieldesignerin Allegra Geller (Jenniger Jason Leigh) entwickelt 'Existenz', ein Spiel, das durch an der Wirbelsäule des Menschen installierte 'Bioports' direkt in das menschliche Nervensystem geladen wird und Virtualität und Wirklichkeit verschwimmen lässt. Nachdem ein fanatischer Gegner sie zu ermorden versucht, verhilft ihr der Marketing-Assistent Ted Pikul (Jude Law) zur Flucht. Allegra beginnt mit ihm gemeinsam, dem beim Attentat beschädigten Spielcomputer zu testen. Es kommt zu einem undurchsichtigen Geflecht verschiedener Realitätsebenen, wobei zunehmend unklar wird, welche Realität nun die 'echte' ist.
Kurzkommentar
Mit der phantastischen Vorstellungswelt von 'eXistenZ' macht sich David Cronenberg ('Crash') die Computerspielästhetik auf zweifache Weise zunutze. Denn über die filmimmanente Handlung hinaus treibt 'eXistenZ' ein schwarzhumoriges Spiel mit den konventionsgeprägten Erwartungen des Zuschauers. In alptraumhaft verstörenden Bildern, reflexiven Situationen und organischen Phantasmen wird der unstete Begriff der 'objektiven Realität' kunstvoll verzerrt. Doch streckenweise droht sich die ausdrucksstarke Originalität des Filmes in einem zu großen Fundus plakativ ekelerregender Einfälle zu verlieren
Kritik
Der Kanadier David Cronenberg scheint der Autonomievorstellung der Kunst vorbildlich gerecht zu werden. Schon im umstrittenen 'Crash', seinem vorigen Werk, stieß der Regieexzentriker in radikalter Manier alle ästhetischen Formen über den Haufen. Entartete Moral und Ethik wird bei Cronenberg mittels scheinbar amoralischen Bizzarheiten reflektiert. Der originelle Horrorfilmspezialist treibt seine Vorliebe für groteske Einfälle mit 'eXistenZ' auf die Spitze.

Schon der programmatische Titel deutet an, dass es hier an die Grundfeste des menschlichen Daseins geht, dass die vermeintlich objektive Kategorie der Realität Ziel der kritischen Auseinandersetzung ist. Nun könnte man behaupten, dass 'eXistenZ' alles andere als kreativ und nur einer der vielen Trittbrettfahrer im Schatten der richtungsweisenden 'Matrix' sei. Denn diese scheint durch das Spiel mit verschiedenen Realitätsebenen ein regelrechtes Subgenre der Science-Fiction konstituiert zu haben. Jedoch ist Cronenbergs Ansatz aus zweierlei Gründen eine selbstständige Fiktion: Zum Einen funktioniert 'eXistenZ' im Kontrast zur energiegeladenen 'Matrix' gänzlich ohne Action und eher als 'psychologischer Cyberthriller', und zum Anderen ist Cronenbergs theoretischer Ansatz völlig autonom. Er ist vielschichtiger und verwirrender.

Die Quintessenz des Filmes ist in ihrer Kritik gegenwartsbezogener und greift den heute schon absehbaren Trend zu immer 'realistischeren' Computerspielen auf. In Zukunft werden sich jene Spiele mit dem Attribut 'realistisch' schmücken dürfen, die den gestressten Industriemenschen von seiner als ereignisarm empfundenen Umwelt vollständig sensualistisch isolieren. Aufregende, unentdeckte, teils utopisch gefärbte Alternativentwürfe von Wirklichkeiten sollen sich auftun, sollen Sehnsüchte stimulieren und den Spieler andere Identitäten auskosten lassen. Ob die Computertechnologie eines Tages eine glaubwürdig 'wirkliche virtuelle Realität' erfahrbar machen wird, ist fragwürdig, doch genau hier spinnt Cronenberg das Hier und Jetzt weiter.

Er zeichnet eine radikale Zukunftsvorstellung mit ihren verheerenden ehtisch-moralischen Konsequenzen. Dabei entspricht die 'Ausgangsrealität' in ihrer Optik keiner Sci-Fi-Konvention, sondern der heutigen Zeit. Auch existieren keine Datenhelme und Cyberhandschuhe als Eingabemedium für das Computerspiel, vielmehr besteht das Computerspiel auf organischer Grundlage, der 'Game-pod' als 'Joystick' aus absonderlich biologischer Materie, ähnlich einer deformierten Brust. Cronenberg ersetzt simple Datenkabel durch symbolüberfrachtete 'Nabelschnüre', die eine symbiotische Einheit mit dem Körper des Spieler zu bilden scheinen.

Die anatomische 'Hardware' ist aber erst der Anfang des krassen Biohorrors, der, je weiter die gewohnte Realität zersetzt wird, immer mehr in einen surreal-grosteken Angsttraum abdriftet. Die Abscheu, die 'eXistenZ' durch Szenen von allerlei ekelerregenden Sezierungen und schleimigem Einsatz grotesker Organismen provoziert, werden leider als allzu demonstratives Mittel eingesetzt. So wird die Fiktion allein schon durch vordergründigen Effekteinsatz verabscheuungswürdig, was indiziert, dass Cronenberg der Intensität der übrigen Darstellung nicht ganz traut.

Dabei ist die ihr zugrunde liegende Idee faszinierend und beängstigend zugleich. Ungleich übersteigerter als in der 'Matrix', in der letzlich noch eine gesichterte Realität existierte, wird die aus subjektiver Interpretation entstehende Wahrnehmung 'der' Realität intelligent manipuliert. Diese (und damit auch der Zuschauer) sieht sich bald in den simulierten Wirklichkeiten aufgelöst und haltlos. Cronenberg demontiert nach und nach eine 'Hierarchie der Realitäten', an deren Ende die Ausgangs- und damit wahre Wirklichkeit stehen würde, indem die angeblich zuerst simulierte Welt ebenso eine verzerrte Alternativrealität anbietet - das Spiel im Spiel, die Wirklichkeit in der vermeintlich 'realen' Wirklichkeit.

So konstruiert der Film Parallelrealitäten, die zunehmend hierarchielos gleichrangig nebeneinander- und ineinanderzustehen scheinen, bis die (beabsichtigte) Konfusion nicht nur beim Zuschauer, sondern auch die Protagonisten komplett scheint. Denn Cronenbergs Schreckensvision ist ebenfalls die nicht gerade neue Warnung implizit, dass im fortschreitenden Computerzeitalter, in dem die Menschen die Maschine mit immer weiteren Aufgaben betreuen, irgendwann sich die 'Geschöpfe' gegen ihren Schöpfer wenden werden. So auch in 'eXistenZ', wo letztendlich ungewiss bleibt, wer eigentlich wen steuert, ob die Menschen das Spiel programmiert haben oder schon Opfer ihre schöpferischen Anmaßung geworden sind.

Wenn der Mensch dessen nicht mehr gewiss ist, was als Trugbild und was als objektiv-materieller Fakt einzustufen ist, wird auch Moral variabel. Wird getötet, dann von fanatischen 'Realisten', die die 'dämonischen' Spieleentwickler bekämpfen oder auch von schizophrenen Spielern, die es aus purem Selbstzweck tun. Hier reflektiert der Film in heutigen Bezug auch über das Gewaltpotential von realitätszersetzenden Computerspielen. Mit morbidem Humor versetzt 'eXistenZ' sämtliche Vorstellungswelten in zwei denkenswerte Seinszustände: entweder ist im Teufelskreislauf der Realitäten alles virtuell oder alles real. Getragen wird diese schräge Alptraumwelt von den vorzüglichen Darstellerleistungen von Jude Law und Jennifer Jason Leigh, die sich, mal kaltherzig, mal begeistert, der ambivalenten Realitätszeichung vortrefflich anpassen. Insgesamt ein kunstvoll-aufgregendes Experiment über die Gefahr der Entkörperlichung, das mit niedrigeren Ekelfaktor und weniger plakativem Horror noch intensiver gewesen wäre.


Surrealer Angsttraum zwischen plakativem Ekel und phantastischen Ideen


Flemming Schock