Eve und der letzte Gentleman
(Blast from the Past)

USA, 111min
R:Hugh Wilson
D:Bredan Fraser,
Alicia Silverstone,
Christopher Walken,
Sissy Spacek,
Dave Foly
„...und keine Doktorspiele in Deinem Raumschiff!”
Inhalt
Los Angeles, 1962. Der Kalte Krieg treibt mit der Kubakrise auf seinen Höhepunkt zu und der exzentrische Wissenschaftler Calvin Webber (Christopher Walken) fühlt sich nur noch in seinem heimlich gebauten Strahlenschutzbunker sicher. Als eines Abends Präsident Kennedy eine Ansprache hält und kurze Zeit später zufällig ein Jagdbomber auf das Haus der Familie stürzt, glaubt Webber an einen Atomschlag und schließt sich samt seiner schwangeren Frau Helen (Sissy Spacek) auf die nächsten 35 Jahre (die Halbwertzeit nach einem Atomschlag) im Bunker ein. Dort, wo die Zeit stillsteht, wird Sohn Adam (Brendan Fraser) geboren, der nach den Maximen des amerikanischen Gentlemans erzogen und nach 35 Jahren an die Oberfläche zur Erkundung entlassen wird. Hier trifft er auf Eve (Alicia Silverstone), die ihm bei der Orientierung im Großstadtjungle und bei der Brautschau helfen soll. Doch bald merkt Eve, dass sie Adam in seiner weltfremden Art gar nicht bei einer Suche helfen möchte.
Kritik
Es scheint Tradition in Deutschland zu sein, durch eingedeutschte Filmtitel eine gänzlich andere Erwartungshaltung zu erzeugen, als es der Originaltitel vermag. Deutet also 'Blast from the Past' allein auf einen Vergangenheits-Gegenwarts-Konflikt, so suggeriert der deutsche Titel durch den 'letzten Gentleman' irgendeinen moraldidaktischen Inhaltsschwerpunkt.

Konsequent eingelöst wird aber weder der krasse Kulturschock mit Zeitreisecharakter, noch der Crash von leicht pervertierter 90er Jahre Mentalität mit den antiquierten Manieren des Prototyp-Gentlemans. Das ist deswegen schade, weil die Grundidee der Geschichte wirklich fantasievoll daherkommt und viel Substanz für eine schräg-komische Klamotte geboten hätte, fern ab von Zeigefingermoral oder Lehrabsicht. Doch Regisseur Hugh Wilson ('Der Club der Teufelinnen') nutzte das Potential nicht und entschied sich für eine althergebrachtere Richtung. Denn die Elemente der ausgestorbenen Gentleman-Spezies und des mal ironischen, mal analytischen Blickes auf die Dekadenz der 90er Jahre Kultur dienen ihm nur als Hintergrund für eine nicht gerade aufregend neue Romanzendarstellung.

So ist dann natürlich von Beginn an vorgezeichnet, worauf das Happy-End hinauslaufen wird. Bleibt somit das Gagpotentail, das man aus dem Zeitcrash hätte ziehen können, also unter seinen Möglichkeiten, so sind es wieder kleine, feinsinnige Details und die Schauspieler, die ihn liebenswert witzig machen. Da sind zum Einen die verschrobenen Eltern, die ihrem im Atombunkter aufgewachsenen Kind den bezeichnenden Namen 'Adam' geben. Christopher Walken fügt sich wunderwoll die die kleine Rolle des durchgeknallten Wissenschaftlers und kauzigen Genies, dessen größten Sorgen die Kommunisten und die Stabilität der Lebenserhaltungssysteme in seinem Bunkerparadies sind. Seine Frau wird eher zurückhaltend und allzu nachgiebig von Sissy Spacek gespielt, denn ihre Reaktion auf die Nachricht, 35 Jahre in dem Wahnsinnsbunker ihres Mannes eingesperrt zu sein, hätte ruhig exaltierter ausfallen können.

Wird diese lange Zeit konflikt- und weitestgehend auch leider witzlos abgehakt, so hebt sich die Stimmung, als Vater aus dem Kelleroase in die Verfallskulisse der 90er platzt. Mit dem Fahrstuhl hieft er sich ins Ungewisse und wird von einem Penner prompt als göttliches Offenbarung fehltinterpretiert - nahe am Klamauk, doch ist es klasse, wie er Transvestiten und andere fremde Gestalten an der 'Oberfläche' entsetzt als radioaktive Mutanten empfindet. Vielleicht hätte man nun keinen Besseren als Bredan Fraser ('Die Mumie') für die Rolle des weißkitteligen Sohnes finden können. Wollen seine Eltern in Anbetracht der katastrophalen Oberwelt ihr persönliches Paradies gar nicht verlassen, so wird Adam zum Abenteuer der Nahrungsbeschaffung nach Oben geschickt. In verlorener Gentlemanattitüde und geschmackswidrigem Jackett wandelt er im doof-sympathischen Grinsen charmant durch die fremde Welt. Das ist unverkrampft, unterhaltsam und hätte mehr Raum verdient, der aber alsbald leider durch Alicia Silverstone als Eve eingeschränkt wird.

Durch konsequent flachen Klamauk wäre der Streifen vielleicht ins Sträfliche abgeglitten, aber unbedingt auf die Schiene der altbackenen 'Er-kriegt-sie-doch'-Romanze zu setzen, ist keinen Blumentopf wert. Als Lehrfilm taugt er nun gar nicht, weil er ausgiebig mit Plattitüden um sich wirft und die Moderne nur halbherzig mit der Vergangenheit kontrastiert. Wenigstens ist Frasers charmantes Agieren mit Dumpfbackeneinschlag bis zum kitschigen Ende wirklich sehenswert. Und wie die Reaktion seines Vaters darauf ausfällt, dass nie eine Atombombe auf Amerika fiel und die Sowjetunion ohne kriegerischen Konflikt zusammenbrach, ist wirklich urkomisch. Es wäre mehr drin gewesen, aber es ist dennoch ein liebenswert nostalgischer Film, der einfach Spaß macht.

Sympathischer Kulturschock zwischen halbgaren Gags und altmodischer Romanze


Flemming Schock