Ende einer Affäre, Das
(End of the Affair, The)

Irland, 109min
R:Neil Jordan
B:Graham Greene,Neil Jordan
D:Ralph Fiennes,
Julianne Moore,
Stephen Rea
„Über Schmerz schreiben ist einfach, aber was schreibt man über das Glück?”
Inhalt
London, 1946. In einer regnerischen Nacht begegnet der Schriftsteller Maurice Bendrix (Ralph Fiennes) seinem Bekannten Henry Miles (Stephen Rea), mit dem ihn mehr als nur Freundschaft verbindet: Bendrix hatte bis zum Kriegsende eine glühende Affäre mit Miles' Frau Sarah (Julianne Moore). Ein kurzes Wiedersehen mit Sarah entfacht erneut Bendrix' alte Leidenschaft und Eifersucht. Er beginnt, ihr nachzuforschen und sich selbst in dem Glauben zu bestärken, sie habe damals den Kontakt zu ihm so abrupt abgebrochen, weil sie sich noch zu anderen Männern hingezogen fühlte. Doch dann gerät er an Sarahs Tagebuch - und plötzlich sieht Bendrix die Vergangenheit im Licht einer bitteren Wahrheit, die sein ganzes Leben verändern soll.
Kurzkommentar
Neil Jordan ("The Cyring Game") beweist erneut seine Sensiblität für komplexe Erzählstrukturen und reduziert einen Graham Greene-Roman in bemerkenswert scharfsinniger Weise für die Mittel des Kinos. Die kammerspielartige Anlage fordert dem Zuschauer einiges ab, überzeugt jedoch durch die nachhaltige Reflexion über das unvereinbare Wesen der menschlichen Liebe.
Kritik
Der Ire Neil Jordan erhielt 1992 für seinen vielschichtig gestrickten Thriller "The Crying Game" einen Oscar, der konsequenterweise seinen Bekanntheitsgrad explosionsartig in die Höhe steigen ließ. Es folgten Filme wie "Interview mit einem Vampir" oder der psychedelische "The Butcher Boy". Vielleicht hätte es keinen geeigneteren Kandidaten zur Adaption des Graham Greene-Romans gegeben, der, denkt man über eine Filmversion nach, schnell Gefahr läuft, zur trivialen Kitschoper zu verkommen. Der Roman trägt weitgehend autobiographische Züge, da der bekannte Schriftsteller tatsächlich kurz nach dem Krieg eine Beziehung zu einer verheirateten Frau unterhielt.

Diese Dreiecks-Thematik ist prinzipiell ein alter Schuh, aber unter der Hand Greenes wurde sie zum vielperspektivischen, spirituell angehauchten Nachsinnen über die Ursprünge von Hass und Liebe und das wenige, was sie trennt. Gerade die stilistische Methode, das Handeln und Denken der Beteiligten aus verschiedenen Erzählpositionen zu beleuchten, legt das Paradoxe im menschlichen Wesen offen: die Wahrheit des einen ist niemals auch ganz die des anderen. Gerade die Liebe schürt in extremsten Momenten Hass, wenn es unmöglich scheint, ohne Schleier in das Innerste des Menschen vorzudringen, um befriedigende Gewissheit zu erlangen. Jordan musste stringent kürzen, um Greenes Roman für die Möglichkeiten der Leinwand umzuarbeiten und besann sich auf die Vorzüge des Bildmediums gegenüber der Literatur, ergo auf die Möglichkeit, eine filmische Szene zweimal identisch durchzuspielen, aber aus konträrer Erzählperspektive wahrzunehmen. So entfaltet sich z.B. durch die visuelle Fixierung eines Blickes, den man als Zuschauer aus zwei Richtungen zu interpretieren weiß, eine gänzlich andere Wirkungsästhetik als in der Literatur.

Auf die erklärende wie verstörende Nutzung dieser Stilmittel versteht sich Jordan glänzend, denn der perspektivische Übergang von Bendrix zu Jane gelingt so kunst- wie wirkungsvoll. Aus zwei subjektiven Sichtweisen konstruiert sich das Gesamtbild, das nicht nur die Bedingungen der Liebe, sondern auch eine unzulängliche Grundbefindlichkeit des Menschen zur Verhandlung stellt, der, wenn er liebt, gleichzeitig auch das Hassen lernt und lehrt. Jordan hält sich trotz Reduktion eng an die Vorlage, lässt Bendrix zu Beginn den Satz "Dies ist ein Tagebuch des Hasses" auf der Schreibmaschine tippen und versetzt das komplizierte Erzählmuster mit dem bei Greene so zentralen Motiv der Glaubensfindung. Auch formal werden mit dem Zusammenwirken von Musik- und Bildkomposition wichtige Elemente eingesetzt. Die pointierte Musik von Michael Nyman ("Das Piano", "Gattaca") berührt ohne Schwülstigkeit und trifft die immerwährende Melancholie eines Londoner Regens, der die Protagonisten in nur wenigen Momenten auch mit Glück berührt. Als gängige Metapher ist er beinahe romantisch in Szene gesetzt.

Über den intellektuellen Döskopf Ralph Fiennes, erst kürzlich wieder als genealogische Schlaftablette in "Sunshine" unterwegs, müssen nicht mehr viele Worte verloren werden. Doch hat der Phlegmatiker diesmal das Glück, zur introvertiert gedankenverlorene Schriftstellerfigur wie die Faust aufs Auge zu passen. Es ist von Vorteil, wenn die Rolle keine Gemütsregung, sondern nur sinnierende Dialoge und kühle Blicke verlangt. Nicht viel anders bei Julianne Moore, die allerdings für ihre Rolle eine Oscarnominierung erhielt. Ihr großes Talent liegt darin, jedem Wort, jedem Blick bedeutungsvolle Ruhe und Aussagekraft mitzugeben. Der darstellerische Wert ist das letztlich Unentschlossene, denn selbst im Moment größter Initimität scheinen Misstrauen über das wahre Empfinden des anderen und die Furcht vor der Kürze des Glücks mitzuschwingen. Dass die Liebe aus dem Menschen Narren macht, ist eine abgenutzte Phrase, doch Jordans Disposition verlangt mehr als nur Tränen. Gerade das Spirituelle, der zweifache Bezug der Liebenden zu Gott, ist beispielhaft umgesetzt und in die verschachtelte Narration wiederum stimmig eingebunden. Als in einer Bombennacht die zerbrechliche Liebe förmlich gesprengt und Bendrix durch eine Explosion die Treppe hinuntergeschleudert wird, wendet sich Sarah zum ersten Mal im Gebet an Gott und gibt ein verhängnisvolles Versprechen. Bendrix erkennt den Gottesbeweis schließlich an, indem er in übermächtiger Eifersucht selbst Gott zu hassen beginnt, als Jane sichtbaren Glauben zeigt, der nicht nur der Glaube an ihre Liebe ist.

Die Tragik der Liason scheint vorbestimmt, erfährt jedoch unter dem Gesichtspunkt der Dreiecksbeziehung im Ende eine bewegende Aufschlüsselung und Bewertung. Nennenswerte externe Ereignisse treiben die Handlung nicht voran, Jordan erörtert allein die Gefühlswelt der Beteiligten, was durch kammerspielartige Ruhe und Dialoge geduldsstrapazierend, aber insgesamt notwendig ist, um die Tiefe zu erreichen, die "Das Ende einer Affäre" letztlich bietet. Wenn Bendrix über Sarahs Schuhe sagt, dass er auf sie eifersüchtig sei, weil sie sie von ihm wegtragen und dass er eifersüchtig auf den Strumpf sei, weil er sie überall gleichzeitig küssen könne, klingt es in Jordans Konzeption sehr ernst und reflektiert den verhängnisvollen Widerspruch, dass Eifersucht der größte Liebesbeweis sein kann. So verzehrt Argwohn die Liebe, Verzweifelung entsteht wegen des Klammerns an zerbrechliche Glücksmomente und zurück bleibt die bittere Erkenntnis, dass sich Menschen selbst in den tragischsten Momenten merkwürdig benehmen.


Schwerfällige, aber kunstvoll tiefgründige Verhandlung der tragischen Liebe


Flemming Schock