Windtalkers

USA, 133min
R:John Woo
B:John Rice, Joe Batteer
D:Nicolas Cage,
Adam Beach,
Peter Stormare,
Noah Emmerich
L:IMDb
„Maybe we´re all dead”
Inhalt
Im Pazifikkrieg werden die Marines Joe Enders (Nicolas Cage) und Henderson (Christian Slater) per Geheimbefehl abgestellt, als eine Art Leibwächter für die Funker Ben Yahzee (Adam Beach) und Charlie Whitehorse (Roger Willie) zu fungieren. Die beiden Navajos beherrschen einen speziellen Code, der auf keinen Fall in die Hände der Feinde gelangen darf. Die erbitterten Kämpfe um die Insel Saipan schweißen die Männer zusammen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden Beschützer der Code-Sprecher mit einer furchtbaren Frage konfrontiert werden: Würden sie wirklich bis zum Äußersten gehen, um den Code zu schützen?
Kurzkommentar
Wenn einer der stilbildenden Actionregisseure der letzten Jahrzehnte sich den Krieg zum Austoben aussucht, bleibt kein Platz für Überraschungen. John Woo ("Mission: Impossible 2") enttäuscht mit einem wuchtigen Gewaltsturm, der außer ausgehöhlten Schlachtszenen nichts bietet. Die platte Geschichte um Kameradschaft und Loyalität spielt mit übelsten Genreklischees und Pappfiguren. Dass "Windtalkers" eine völlig beliebige Kriegsarie ist, ist auch dem erneut schlafwandlerischem Auftreten von Nicolas Cage zuzuschreiben.
Kritik
Nach dem 11. September ist vieles wieder salonfähig, natürlich auch der gebeutelte Kriegsfilm. Zur vaterländischen Stärkung sind klare Grenzziehungen erwünscht, denn womöglich ist ja doch nicht nur der Krieg grausam, sondern vor allem der Feind. Man darf also endlich wieder unverhohlen Held sein, das filmische Schlachtfeld muss also wieder Gewinner kennen. "Wir waren Helden" macht es schon im deutschen Titel vor. Er sollte als Warnung verstanden werden. "Windtalkers" dagegen evoziert beim ersten Hinhören dagegen nur wenig oder das Gegenteil von jenen rotten Gesinnungssäulen, die man auch im amerikanischen Kriegsfilm mittlerweile gegen Realismus oder Differenziertheit eingetauscht zu haben schien, nämlich Pathos und Patriotismus.

Gut möglich, dass nach Terence Malicks fast metaphysisch-meditativem Geniestreich "Der schmale Grat" ohnehin der einzig ertragreiche Leinwandzugang zum Wahnsinn des Krieg ausgeschöpft ist. Er lag gerade darin, dass nicht Darstellbare auf Umwegen allegorisch einzufangen. Das ist die Kontrastvariante zum aktuell so gern gefeierten "Hyperrealismus" in der Gewaltdarstellung. Aber der fruchtet beim Publikum natürlich noch immer besser und fordert dem Regisseur auch nur handwerkliches Geschick ab. John Woo, seines Zeichens Großmentor arienhafter Gewaltinszenierungen, als Handwerker zu bezeichnen, grenzte nun an Blasphemie. Versucht man, die Grundkonstanten der Arbeit des stilistisch so einflussreichen Regisseurs zu benennen, ist da im Grunde nur Gewalt, vielleicht noch das Thema der Freundschaft.

Für Woo ist (Bild)Gewalt Kunst, die jeder Aussage entbehren kann, weil der Selbstzweck der Kunst nur billig ist. Woo hat seine Formkraft dann 1997 mit "Face/Off" eindrucks- und druckvoll nach Hollywood transferiert. Wurde im Resultat der ersten Zusammenarbeit mit Nicolas Cage geschossen, und das wurde es oft, dann war die elegante Choeographie der Bleioper bestaunenswert, ästhetisch, ja schön. Dann folgte die glatt gebügelte, akzent- und witzlose Fortsetzung zu "Mission: Impossible". Weil der Streifen aber gerade das Gegenteil eines finanziellen Flops wurde, hätte Woo beim nächsten Film experimentieren können, auch inhaltlich. Doch bei der nun zweiten Zusammenarbeit mit dem Meisterlethargen Cage zieht Woo lieber in die Konvention des Krieges. Bedeutet ein Woo-Film ohnehin schon Krieg, so ist klar, dass ein expliziter Kriegsfilm des Fetischisten der erst richtig krasse Tanz wird.

Und tatsächlich, er zieht gewaltmäßig alle Register. Bevor der Zuschauer rücksichtslos mit in die Schlacht geworfen wird, bereitet die Einleitungszene unmissverständlich und treffend radikal vor: die Nahaufnahme zeigt das Wasser eines dahinfließenden Baches, das sich plötzlich blutrot färbt. Dann treibt der tote Soldat ins Bild und Seargent Cage beginnt die gesichtslosen Feinde niederzumähen. Die sind im "modernen" Kriegsfilm immer weniger die Deutschen als die Japaner. Und da "Windtalkers" den amerikanischen Blick verabsolutiert, darf der anonyme Feind gern reihenweise fallen, ohne beim Publikum auch nur dein Hauch einer emotionalen Regung freizusetzen. Begleitet von billig martialischem Getöse James Horners rechnet Woo die schrecklichen Dimensionen des Krieges auf Action und Zeitlupensterben herunter.

Immerhin, man muss ihm eines zugute halten, nämlich dass seine pyromanische Gewaltorgie trotz allem kaum Elemente von Kriegsromantik und patriotischem Pathos aufweist. Schmerzlich schwülstige Ansprachen sind so selten wie die Präsenz amerikanischer Flaggen, irgendwie peinlich ist sind nur die Vaterlandsbekundungen rekrutierter Indianer und die Tatsache, dass selbst im Schlachtgeschehen noch Raum für abgedroschene Rassismusgemeinplätze bleibt. Und auch wenn man wohlwollend "Windtalkers" zugute schreiben könnte, dass hier die Menschlichkeit inmitten des Grauens letztlich die größten Siege einfährt, nervt der Streifen doch durch zwei Umstände: durch seinen Erzählmechanismen und eben durch Transuse Cage.

Woo mag ja mit seinem druckvollen, unbarmherzig schnell geschnittenen Schlachtgeschehen einmal mehr beweisen, wer der Klassenprimus ist. Aber zum einen ist die beliebige Schlachterei absolut gewöhnlich, trägt Woos deutliche Handschrift nur in den unsäglichen Zeitlupen, und zum anderen ist sie schon fast hohles, abgeschmacktes Spektakel. "Windtalkers" gelingt es nicht, einen Bezug von seinen Helden zum Publikum zu installieren. Dauerschläfer Cage mimt im Zentrum den traumatisierten Dauerdepressiven mit sagenhaftem Nicht-Elan. Sicher, Krieg ist schrecklich, doch Cage reizt seine apathisch eingefrorene Miene allein einmal zu den Zügen eines Lächelns und ist sonst teilnahmslos dabei, die Quote der Kriegstoten nach oben zu treiben. Auch der Rest ist eher ein Trauerspiel, denn Woo entledigt sich im Kugelhagel gleich auch vernünftiger Dramaturgie und Narration.

Zwischen Mord und Totschlag fällt "Windtalkers" dann in übelste Genreklischees zurück. Vom wachsenden, sich beweisenden Greenhorn, über rassistische Platitüden bis zum wortkargen Captain ist alles abgedeckt und abgehalftert. Peinlicher Zenit im Kriegsspiel ist aber die wohltuende Ethno-Komponente. Das schlägt sich in der Klangkulisse und vor allem im fatalen Musikduett von Roger Willie und Christian Slater nieder. Vielmehr hat letzterer, ein fähiger Darsteller, auch nicht zu tun, denn in Woos Klischeekiste ist nur Platz für Typen und deren Pappcharaktere. Ein Kriegsfilm mit blasser skizzierten Figuren dürfte lange zurückliegen. Nach all der Austauschbarkeit und dem beliebigen Sterben ist emotionale Bindung allein im letzten Drittel konstatierbar. Bis dahin ist man aber der sinnlosen Schlachtenoper ebenso wie der unbeantworteten Frage überdrüssig, wieso jener Code überhaupt so wichtig ist.

Aus "Windtalkers" ist also nur undifferenzierter Kriegslärm geworden, positiv allein, dass er frei von schwülstigem Patriotentum ist. Er befreit aber eben auch den Zuschauer von Interesse. Damit scheint sich Woo letztlich auf die enttäuschend stumpfe Schiene festgefahren zu haben, auf welcher er mit dem platten "Mission: Impossible 2" wenigstens noch finanziell erfolgreich startete. "Windtalkers" entfachte hingegen an der US-Kasse nur ein leises Lüftchen. Mit Recht. Wenn Kriegsfilme überhaupt Sinn machen können, brauchen sie nuancierte Botschaften, die eine wie Selbstzweck wirkende Gewaltinszenierung grundieren und kontrastieren. Darin, und in der weit simpleren Aufgabe, Spannung zu vermitteln, ist Woo gescheitert.

Platitüdenhaft leeres Schlachtengemälde mit opernhafter Gewalt


Flemming Schock