Grüne Wüste

Deutschland 2000, 93min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Anno Saul
B:Swenja Karsten
D:Tatjana Trieb,
Robert Gwisdeck,
Martina Gedeck,
Heino Ferch
L:IMDb
„Das Leben taugt einfach nichts ohne Dich!”
Inhalt
Da ihr Elternhaus ihr kein Zuhause bietet, in dem sie sich wohlfühlt, flüchtet sich Katja (Tatjana Trieb) in eine Traumwelt voller magischer Orte und Gegenstände. Der einzige, der sie versteht, ist Johann (Robert Gwisdeck), mit dem zusammen sie vom schwarzen Ritter träumt. Doch dann erkrankt Johann an Leukämie, und ihre Freundschaft steht vor einer harten Probe. Das Katjas Mutter (Martina Gedeck), obwohl verheiratet, ein Verhältnis mit Johanns Vater (Heino Ferch) hat, macht die Sache kaum einfacher...
Kurzkommentar
Grundsätzlich ist Anno Saul mit "Grüne Wüste" ein einfühlsames, ruhiges Stück Kinokunst gelungen, das auch von seiner excellenten Besetzung profitiert. Dass allerdings allzu oft der dramaturgische Vorschlaghammer zum Einsatz kommt um Gefühle zu erzwingen, stört nicht unerheblich.
Kritik
Tief hat Drehbuchschreiberin Swenja Karsten in die Kiste menschlicher Tragödien gegriffen: Zerrüttete Familie, Mutter geht offen fremd, Mann lässt sich erniedrigen, Schwester halbdebil, ihr einziger Freund an Blutkrebs erkrankt, dessen Vater mit Neigung zu Selbstverbrennungen - Katja hat nicht eben die besten Ausgangschancen für ihr Leben. Angesichts dieser Schicksalsschläge, für die eine gewöhnliche Soap mindestens ein Jahr braucht, ist es kein Wunder, dass Katja sich in eine Traumwelt flüchtet, und Johann gleich mit ihr. Denn die grüne Wüste ist die heimliche Oase der beiden in der kalten Welt. Ziemlich dick aufgetragen ist das Ganze schon, zumal Saul und Karsten auch im weiteren Verlauf vor drastischen Entwicklungen nicht zurückschrecken.

Bemerkenswert dabei ist, dass es ihnen zugleich gelingt, einfühlsam die zarte Liebe zwischen Katja und Johann zu erzählen. Doch auch diese ist nicht ohne Makel: Mehr als einmal wird deutlich, dass die Dialoge von Erwachsenen geschrieben wurden. Die Pubertät und ihre emotionale Qualität in allen Ehren, aber was Katja und Johann mitunter von sich geben, wirkt manches Mal reichlich altklug. Und dennoch nimmt dies der Geschichte nicht ihren Reiz. Die gekonnte Fotografie und geschickte Drehort-Wahl trägt ihren Teil dazu bei, die magische Stimmung der Traumwelt überzeugend in Szene zu setzen. Die gemeinsamen Augenblicke von Katja und Johann sind eindringlich in Szene gesetzt, obwohl nicht viel gesagt wird, das Verhältnis eher unbeleuchtet bleibt - sie gehören einfach zusammen, das wird deutlich. Das Katja natürlich auch noch unbeirrbar zu Johann hält, als dieser schon dem Tode nahe steht, ist selbstverständlich, die beiden verbindet eine besondere, grosse Liebe. Auch hier kommt das ganze Repertoire zum Einsatz, dass die Schule der Filmhandlungen für solche Zwecke bereitstellt: "Entliehenes" Geld, Zugfahrt zum Geliebten in die entfernte Großstadt, die Trennung, und die Wiederversöhnung. Alles breit ausgespielt, aber obwohl die Gefühle nicht selten "zu gross" wirken, kann der Film in diesen Passagen durchaus überzeugen. Eher schwach, weil oberflächlich, sind dagegen jene Teile, die von der zwischen zwei Männern hin und hergerissenen Mutter handeln. Zärtliches Schwelgen in der Vergangenheit mit dem einen, ein Quickie auf dem Küchentisch mit dem anderen, das ist wenig einfallsreich, und es hat zu wenig Eigenwert. Mutter Doris weist zwar auf ihre verzweifelte Lage hin, beschwert sich, dass niemand sie versteht, doch der Film gibt auch wenig Einblicke in die Figur, die dem Zuschauer dabei helfen würden. Offensichtlich dient diese Paralellhandlung nur als Unterfütterung der Geschichte der naiven (im positiven Sinne), reinen, unbefleckten Liebe zwischen Katja und Johann. Dafür aber scheinen jene Szenen zu sehr in den Vordergund gedrängt, wahrscheinlich wollte man hochkarätige Schauspieler wie Noethen, Ferch und Gedeck nicht zum reinen Beiwerk degradieren.

Das Schema der Offensichtlichkeit setzt sich auch in der musikalischen Untermalung fort: Prinzipiell ist die gekonnt, stellenweise aber zu aufdringlich, dem Prinzip folgend, jede dramatische Stelle auch mit dramatischer Musik zu untermalen. Weniger aufdringlich dagegen ist das Spiel von Hauptdarstellerin Tatjana Trieb, bekannt aus "Jenseits der Stille". Sie spielt zurückhaltend, lässt manches mal etwas an Emotion vermissen, wo das Drehbuch wohl mehr vorsieht. Aber gerade ihre eher zurückhaltende Art überzeugt bei der Rolle der Katja. Überzeugend auch Martina Gedeck als Doris, und besonders Robert Gwisdeck, der den krebskranken Johann sehr glaubwürdig und unprätentiös mimt.

Das Erstaunliche bei alledem ist, dass trotz dieser offensichtlichen und auch zahlreichen Mängel der Film dennoch gefallen kann. Bei allem künstlich erzeugten Pathos bleibt er einfühlsam, eindringlich. Und nicht zuletzt ist natürlich mehr als positiv anzumerken, dass Saul hier einen Jugend-Film gedreht hat, der über flache und flapsige Komödien aus Hollywood weit hinaus geht. Allein das ist ein grosser Verdienst, und es bleibt zu hoffen, dass auch das jüngere Publikum Interesse an diesem Film zeigt.

Dramaturgisch überladener, aber dennoch einfühlsamer Film über Liebe und Abschied


Wolfgang Huang