Durchgeknallt
(Girl, Interrupted)

USA, 127min
R:James Mangold
B:Susanna Kaysen,James Mangold
D:Winona Ryder,
Angelina Jolie,
Clea DuVall,
Brittany Murphy
L:IMDb
„Du, ich bin nicht wirklich tot”
Inhalt
Verwirrt, unsicher, aufsässig - Susanna Kaysen (Winona Ryder) ist wie viele Teenager in den späten 60er Jahren. Doch mit einem halbherzigen Selbstmordversuch manövriert sie sich in eine dramatische Lage. Für Susannas konservative Eltern und ihren Doktor liegt die Sache klar: Susanna muß in eine geschlossene Anstalt, das berüchtigte Claymoore Hospital. Dort lernt sie Mädchen kennen, mit denen sich Susanna in ihrer hermetisch abgeriegelten Welt identifizieren kann - und die ihre besten Freundinnen werden. Nur sie können Susanna bei ihrer Suche nach dem längst verloren geglaubten Ich helfen. Aber sie sind auch ihre größte Bedrohung.
Kurzkommentar
James Mangold ("Copland") adaptiert einen autobiographischen Nervenanstaltsroman und verkauft sich dabei an Klischees und typische Erzählschemata. Für eingehende Psychologisierungen und ungewöhnliche Dramaturgie bleibt ebensowenig Raum wie für die großartigen Hauptdarstellerinen, die den Film jedoch vor der totalen Banalität retten.
Kritik
"Seelensprung" - so lautet der deutsche Titel des autobiographischen Psychiatrieromans "Girl, Interrupted" von Susanna Kayens, der 1993 erschien. Vielleicht sollten nun jene, die sich für den deutschen Titel der Filmadaption verantwortlich zeigen, eingewiesen werden, denn "durchgeknallt" trifft zum einen nur unwesentlich die Grundaussage und zum anderen klingt er einfach saublöd. Auch der Beginn des Films klingt nicht heller, wenn die Seelenlage der Hauptdarstellerin expositiv mit einer aus dem "Off" gestellten Frage dargelegt wird: "Haben Sie schon einmal einen Traum mit dem Leben verwechselt? Oder das Gefühl gehabt, der Zug, in dem Sie sitzen, fährt, obwohl er steht?".
Das sind geschwätzige, dazu ziemlich abgenutzte Stilmittel, die aber auch das Krankheitsbild von Susanna reflektieren. Es ist das Borderline-Syndrom, eine Persönlichkeitsspaltung ohne Schizophrenie oder auch einfach nur ein spätpubertärer Moralverlust. Regisseur James Mangold, noch durch "Copland" in Erinnerung, bereitet Kayens vergangenheitsbewältigendes Stück Literatur geradlinig auf und orientiert sich dabei unübersehbar am Klassiker "Einer flog über das Kuckucksnest" und liefert sozusagen dessen weibliche Entsprechung. Von der exzentrischen Brillianz des Vorbilds bleibt er dabei jedoch weit entfernt, denn "Durchgeknallt" meint Klischees vermeiden zu können, ist aber voll von psychiatrischen Stereotypen und typischen Skurilitäten. Sie äußern sich am besten in der Rolle Whoopi Goldbergs, die als sanftmütige Oberschwester und Anstaltsdirigentin in geschmacksgeißelnder Strickjacke schon unfreiwillig komisch wirkt. Susanna ist dann natürlich die Einzige, deren Verhalten die Trennung zwischen "normal" und, um den subtilen Titel aufzunehmen, "durchgeknallt" aufzulösen imstande ist.

Fast alle anderen weiblichen Heiminsassen mit Persönlichkeitsdefekt werden als klassisch soziopathisch, aber vor allem viel zu hüllenhaft vorgestellt. Sie sind nur die bunten Vögel und als obligatorisches Beiwerk ziemlich blass. Eine soziale Hackordnung gibt es nicht, hier wirkt alles wie im Mädcheninternat. Aber auch Winona Ryder, die Mangolds Film als Star in der A-Riege Hollywoods wohl wieder einsetzen möchte, ist nun wirklich nicht das Gegenstück zu Jack Nicholson, dessen kämpferische Individualität anklagend gegen die zerstörerische Psychiatrie rebellierte. Als Susanna fügt sie sich den Anstaltsmechanismen und, ihres Denkens unsicher, reagiert statt zu agieren. Sie sieht sich einem konturlos gezeichneten Anstaltsalltag gegenüber, der im Dunkeln lässt, worin nun eigentlich die Therapie der Insassen besteht. Fast scheint es, als gäbe sie sie nicht und die Psychiatrie macht den Eindruck des repressiven (leicht zu flüchtenden) Knasts, der die "Normalität" vom Einbruch der sensiblen Verrückten schützen soll. Und obwohl noch ein kurzer Lobgesang auf Freud angestimmt wird, reitet "Durchgeknallt" nur auf dem verfälschten Psychiatriebild in reichlich undifferenzierter, fast schon märchenhafter Art herum. Dass dabei dennoch ein Film über dem Durchschnitt zustande kam, ist der weisen Wahl der Hauptdarstellerinnen zu verdanken. Winona Ryders Auftreten ist empfindsam, glaubwürdig und differenziert. Ihre Unsicherheit und ihr stetes Pendeln zwischen Fatalismus, Melancholie und plötzlicher Lebensbejahung, die erst durch das Erleben des erst ersehnten Todes geweckt werden kann, wird erstklassig gezeichnet. Mehr davon.

Und trotzdem wird ihr die Show gestohlen von einer Frau, von der noch viel zu sehen sein wird. Angelina Jolie spielte noch zu Beginn des Jahres eine unscheinbare Rolle im "Knochenjäger". Nach "Durchgeknallt" wird sie in diesem Jahr noch in "Leben und Sterben in L.A.", "Turbulenzen und andere Katastrophen" und "Nur noch 60 Sekunden" auf der Leinwand präsent sein. 2001 wird sie mit "Tomb Raider" versuchen, die Computerspiel- und Männerphantasie Lara Croft zum Leben zu erwecken. In "Durchgeknallt" mimt sie die schlampenhafte, sich über jede Moral und Schranke hinwegsetzende Rebellin derart kraftvoll und energetisch, dass sie zurecht mit einem Oscar zur "besten Nebendarstellerin" gekürt wurde. In der Rolle der renitenten Lisa scheint sie das System durchschaut zu haben und ihm zu trotzen, obwohl deutlich wird, dass ihr Innerstes einen verletzlichen Kern birgt. Sie wirkt maß- und grenzenlos, aber sie braucht die letztlich die Anstalt um atmen und leben zu können. Derweil bricht sich in Susanna an einem unverständlichen Punkt ein aus dem Nichts kommender Erkenntnisprozess bahn, der aus Gründen der dramaturgischen Konvention hinzugedichtet wird - irgendwie muss der Optimismus ja wiedergewonnen werden, denn Pessimismus und Verzweifelung hatten gar wenig Substanz. Plötzlich ist die Lebenskraft wiederhergestellt und Psychoanalyse und das berüchtigte Sofa werden echte Freunde. Endlich folgt der Läuterungsakt für Lisa, alle Mauern fallen und Mangolds formelhaftes Psychodrama endet wie es anfing: mit einer abgeschmackten Sentenz aus dem "Off".


Plattes Seelendrama mit reizenden Psychopathinnen


Flemming Schock